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Die Welt · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bi* & W^lt" Nr, 46 nate Geschäfte verschwenden. Alle Achtung vor dem Talent des jüdischen Feuilletonisten! Nur verlange er kein Geld von uns für -seine Pläne. Bleibe er beim Feuilleton, bei seinem Staatsrcman. Wir sind im Börsenteil zu Hause., Dort liefern wir den Beweis, dass wir für weitausgreifende Pläne Verstand und Geld haben. Den Völkern zeigen wir hart und kühl unseren ausgezeichneten Geschäftsgeist, unseren armen Brüdern zeigen wir unser ausgezeichnetes jüdisches Heirz, Den Völkern — Anlehen, unserem Volk — Almosen. Wer ist so undankbar, zu behaupten, dass wir, die Gläubiger der Völker, unseres Volkes Schuldner sind? Wir sind die Undankbaren, wir Zionisten. Mit Stolz und Empörung im Herzen wollen wir undankbar sein. Auch wir sammeln und spenden, wir veröffentlichen in unseren Zeitungen ewre Aufrufe neben den unseren, Seite an Seite mit euch stehen wir an den Massengräbern unseres Voilikes. Aber unsere Trauer ist nicht bloss ein gerührtes Gefühl, kein blosses Unwohlsein der Nerven. Unsere Trauer gibt uns zornige Worte ein, um euer Gewissen zu wecken, endlich zu wecken, unser Hesped ist ein bitteres Gericht, das von euch nicht bloss Sühnegelder für begangene Unterlassungssünden verlangt, sondern ein Wort der Reue, ein Zeichen des Bekenntnisses, dass ihr geirrt habt und dass die Mörder in Russland uns recht geben. All die Millionen, die .ihr Jahr für Jahr dem jüdischen Elend gespendet habt, waschen euch nicht rein von der ungeheuren Schuld. Der leibhaftige Tod selbst steht jetzt in Russland auf und bezeugt, dass ihr totes Kapital gespendet habt. Ihr, die klugen Geschäftsleute, die dem phantastischen Feuilletonisten das Geld verweigertet, mit dem er jüdisches Leben erzeugen wollte. Er wollte das Geld in einem jüdischen Lande friedlicher Arbeit anlegen. Ihr habt es lieber in russischen Judenfriedhöfen angelegt. Er verlangte Geld, um zu siegen. Aber ihr hattet keine Eile: erst der Sieg, dann das Geld. Und jetzt schickt ihr das Geld te'legraphisch nach Russland, so sehr eilt es euch. Und wrisst nicht einmal, ob das Geld die Adressaten noch am Leben trifft, ob der Tod nicht rascher reitet als euer Telegramm. Herr Schiff sammelt in New York. Herr Rothschild sammelt in London. Vor einigeir Zeit brauchte Russland Geld und klopfte an die grossjüdischen Türen in New York und London. Ein grosser Moment: aber er fand ein kleines Geschlecht jüdischer Politiker. Sie verknüpften das Schicksal der russischen Anleihe mit dem Schicksal der russischen Juden. Herr Witte war vorsichtig und gewissenhaft und gab kein verpflichtendes Versprechen. Als ehrlicher Mann darf er sich heute freuen, den; New Yorker und Londoner Herren sein Wort nicht verpfändet zu haben. Er war vorsichtiger und gewissenhafter als sie, besser informiert und viel klüger als sie. Die Herren jüdischen Bankiers hätten ja bald ein paa>r hundert Millionen hergegeben; zu Bedingungen, die unerfüllbar sind: am Gitter des Friedhofes endet die Macht der Konstitution. Und nun, ihr Herren, da Herr Witte euch vor einer unverzeihlichen Sünde gegen den Geschäftsgeist bewahrt hat, könnt ihr die zurückgebliebenen Millionen zu einem Werke tätiger, gedeihlicher Reue verwenden. Russland habt ihr die Anleihe nicht gegeben. Gebt sie jetzt dem jüdischen Volke. Stellt Risiko neben Risiko und überzeugt euch, dass das Geschäft, das wir euch vorschlagen, zum mindesten so gut ist wie das Geschäft, das ihr ausgeschlagen habt. Die russiche Anleihe war von euch als gigantischer Wohltätigkeitsakt für die Juden gedacht. Die jüdische Anleihe hätte den gleichen Sinn, die gkiche Bedeutung: sie wäre ein gigantischer Akt jüdischer Wohltahrtspolitik. Die russische Anleihe wolltet ihr zu einer Zeit äusserster Kraftlosigkeit Russlands hergeben, zu einer Zeit, wo die Verzinsung eurer Millionen nicht garantiert werden konnte. Aergere Aussicht bietet euch eine jüdische Anleihe nicht. Euch war es nicht um ein russisches Geschäft zu tun, sondern um eine Handlung des Herzens. Wir schlagen euch heute ein jüdisches Geschäft vor und nennen es: eine Handlung d*r Ekr*, Dr. B. F. Die Prinzipien Europas. Dank der bahnbrechenden Arbeit der alten Kulturvölker, der Aegypter, Griechen, Römer, Juden und Phönizier, und dank der günstigen klimatischen und territorialen Verhältnisse, hat Europa den Rang des kultiviertesten Weltteiles erhalten. Es entwickelte sich allerdings in China und in Mittelan)erika gleichzeitig auch eine, wenn auch anders geartete Kultur, allein kraft der gewonnen Macht und Präponderanz wurde die europäische Kultur als die mustergültige hingestellt und betrachtet und alle Länder, die zivilisiert sein wollten, beeilten sich, die europäische Kultur anzunehmen. Diese europäische Kultur * will sich aber nicht nur auf Aeusserlichkeiten erstrecken; sie will nicht nur Kleider, Theater und Restaurants, Bahnen, Schiffe und Hotels, kurz das Hervorrufen und gleichzeitiga Befriedigen von Bedürfnissen, die europäische Kultur hat auch gewisse Prinzipien zum Inhalt, als da sind: Freiheit Gleichheit aller Menschen, Beurteilung aller Verhältnisse nach bestimmten niedergelegten Gesetzen, welche für gleiche Verhältnisse zum gleichen Resultat kommen, und andere mehr. Ich möchte die europäische Reinkultur dahin definieren, dass sie die Tendenz hat, das Recht über die Macht zu stellen und aus dieser Tendenz ist das Völkerrecht erwachsen. Gut! Das Völkerrecht bestimmt, dass kein Staa sich in die inneren Verhältnisse des anderen Staates einzumischen habe. Das ist ein Stück vom Inhalte der Souveränität» Die Barbaren, zum Beispiele die Hunnen oder die Avaren, haben sich an das Völkerrecht nicht zu halten gebraucht. War der Staat schwach, so fielen sie über ihn her, mischten sich in seine inneren Angelegenheiten, war er mächtig, so machten sie einen weiten Bogen um ihn herum. Anders Europa! — Doch halt! Wie energisch interventierten Europas Mächte, als es galt, den Japanern im Frieden von Limoneseki in die Arme zu fallen, wie energisch marschierte Europas vereinigtes Militär in China ein, als die Boxer Christen erschlugen, wie energisch zeigte sich Europa in den bulgarischen, makedonischen, armenischen Wirren gegen die Türkei! Und wie schlau hat es Amerika im spanisch-kubanischen Kriege gemacht! Und doch waren das innere Verhältnisse eines fremden Staates. Und überall wurde vorgegeben, man interveniere im Interesse der Menschlichkeit, im Interesse der gerühmten europäischen Kultur. Wenn aber in Rußland tausende von jüdischen Opfern bluten, wenn Juden unter den raffiniertesten, schändlichsten Qualen und Torturen hingeschlachtet werden, Kinder und Greise verhöhnt, gequält und dann zutode geprügelt werden, wenn der tausendstimmige Schrei ruinierter jüdischer Existenzen zum Himmel dringt, da versteinert sich die Menschlichkeit Europas und das Völkerrecht bleibt übrig. Als der König von Serbien vor zwei Jahren ermordet wurde, da zogen alle europäischen Mächte ihre diplomatischen Vertreter zurück. Das war ein gemeinschaftlicher Schritt des europäischen Konzertes. Und doch war es eine rein interne Sache, die lediglich Serbien anging. Wenn aber tausende von Juden ermordet werden, da gilt dies als lediglich interne Sache Russlands, die man zwar bedauern, aber nicht ändern könnte. Nimmt der russische Mörderinstikt Rücksicht, ob ein Jude russischer, deutscher oder österreichischer Staatsbürger ist? Ist es nicht höchstwahrscheinlich, dass unter den vielen tausenden von Ermordeten^

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