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Die Welt · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 46 „bi* $ W^lt Seile 11 lauten falsch, „das Völkerrecht ist ein Recht zwischen christlichen Staatenvölkerrechtliche Verträge, scheint es, braucht man nur zu halten, wenn es sich nur um Christen dreht. Oder hat man vielleicht gehört, dass sich die Signatarmächte gegenüber dem kleinen Rumänien über die Nichtbefolgung des Berliner Vortrages beschwert haben? Alle Greuel, die der russische Mob und zum Teil auch die russische Bourgeoisie in gemeinsamer Arbeit mit der Bureaukratie und dem Militär vollziehen — eine traurige Erziehung durch das russische System —bieten den Mächten nicht denselben Anlass zum Einschreiten wie die makedonische Finanzreform. Eine Flottendemonstration in diesen Tagen, wer glaubt es anders, als dass sie sich auf den Schandfleck der gegenwärtigen Geschichte beziehen würde, auf die Vorgänge in Russland! Nein, sie zielen auf die Türkei. Kriegsschiffe sind in die Nähe Petersburgs gegangen. Gewiss ist das ein Zeichen des öffentlichen Gewissens, gewiss ist das eine Aktion der Völker, die sich wehren gegen die Schändung der Kultur! 0 nein, die Schiffe sind zum Schutze .der russischen Kaiserin bestimmt. Und überall, wo die Juden anklopfen, überall dasselbe Wort: Wir können uns nicht in innere Angelegenheiten Russlands mischen. Ruhig wird das völkerrechtliche Konzert weiterdirigiert und den Takstock nimmt jene Macht in die Hand, die zufällig an die Reihe kommt. Aber man gebe acht, das Theaterstück kann auch ungewöhnlich enden und das Spektakel eigentlich erst beginnen, wenn man glaubt, man könne den Vorhang fallen lassen. Glut und Feuer können leicht einen Schauplatz beleuchten und Hilfeso wie Racherufe können das Konzert stören, welches man dachte ohne Eücksicht auf die Vorgänge der AVeitgeschichte und ohne Rücksicht auf die Jahreszahl, die wir schreiben, ruhig weiterspielen zu können. Russland, das sich jahrzehntelang kulturwidrig verhalten, selbst von jeder Verbindung mit der Kultur losgelöst hat, müsste auch von den anderen Mächten als ausgemerzt gelten aus der Eeihe der gleichwertigen Faktoren. J. M., Wien. Totes Kapital. Es wird weiter gemordet. In den -Häusern, auf den Strasse«, in den Tempeln, im Eisenbahnzuge: überall wird gemordet. Unsere Brüder sterben am neuartigen Todesqualen, die eigens für sie erdiaqht worden. In die Massengräber — denn den Luxus vorn Einzelgräbenn lässt die überfleissige Arbeit de r Hoolygans nicht mehr zu — kommen verstümmelte Judenleichen zu tausendeu. Verstümmelte Leichen: aber die Verstümmelungen wurden an den Lebenden ausgeführt. Wie? Diese frechen Juden haben der Freiheit das Wort geredet? Dafür werden ihnen die Zungen ausgerissen. Sie haben ihre Hände nach der Arbeit statt nach dem Branntweinglas ausgestreckt? Dafür werden ihnen die Hände abgesägt. Die Judenkinder wollten durch Schulbildung in die Höhe kommen? Dafür werden sie zum Fenster h ^abgeschleudert. Und. diese Judenmädel waren für ihre Keuschheit berühmt? Dafür werden sie geschändet. Um Geld, Gliedmassen, Ehre beraubt und dann 'erschlagein: es .sind ja bloss Juden. Auch der Hoolvgan muss etwas haben von der Freiheit. Seine mächtigen Gönner gewährten ihm für seinen Teil die Vogelfreiheit der Juden. Das alles ist nicht neu. Die Gönner des Hoolygans sind Nachkommen Hamans, der offenbar mehr Söhne gehabt haben muss als jene zehn, die in der guten alten Zeit gehenkt wurden. Und die Mörderlegitirnationen der Hoolygans entsprechen nur jenen „Schriften, die durch Eilboten in alle Provinzen des Herrschers gesandt wurden, um auszurotten, zu erschlagen, und zu vernichten alle Juden vom Knaben bis zum Greise, Säuglinge und Frauen an einem Tag . . . und ihre Habe zur Beute'4. Und um die Aehnlichkeit vollzumachen, haben auch Hamans Nachfahren dem Herrscher einzureden versucht, die Judenmorde geschähen zum Vorteile der Krone . . . Judenmorde sind ein Klischee der Weltgeschichte, die iiir unseren Stamm stets ein blutiges Weltgericht war. Was aber jetzt unseren Brüdern in Russland geschieht, übersteigt bei weitem alle Greuel, die seit jeher die jüdische Sterblichkeitsquote zu einem irrationalen Faktor der Statistik gemacht haben. Sie sind nicht mehr zu lesen, sie sind nicht mehr vorstellbir, sie sind nicht mehr zu ertragen, diese endlosen Depeschen vom russischen Judenmassenmord, und eine Art Selbsterhaltungstrieb des Nervensystems überredet uns schliesslich, uns abzuwenden und unseren mit Schrecken übersättigten Augen ein anderes Schauspiel zu suchen .... Fs gibt ja noch andere Judeugreuel zu sehen in unseren Tagen. Betrachten wir z. B. den Aufstand der gerührten, der empörten jüdischen Herzen im Westen gegen das Entsetzen im Osten. Ueberall stehen sie jetzt auf, die O.eneralpächter des Mitleids, und protestieren und resolutionieren und sammeln und spenden. Viele Proteste, viele Spenden. Mächtig regt sich die jüdische Solidarität — vor jüdischen Leichen. Wir konnten es zwar nicht hindern, dass Juden erschlagen werden. Aber nichts und keiner darf uns wehren, wenn wir den Hinterbliebenen den gequälten Tod ihrer Ernährer anständig vergüten. Konnten wir jene Morde wirklich nicht verhüten? Haben diejenigen, die jetzt Riesenschritte machen, um zu Hilfe zu eilein, vorher auch nur ein Schrittchen getan, um dem Massenmord vorzubeugen? Wehl wir diese Frage nicht bejahen können, erscheint uns diegrosse Hilfsaktion, die jetzt von den grossen Juden eingeleitet wird, in sonderbarem Lichte. Wir vermögen die Grosstaten jüdischen Mitleids nicht anders als zu lohen, aber unser Lob gilt dem gesammelten und gespendeten Gelde, nicht den Sammlern und Spendern. Denn diese schulden dem jüdischen Volke noch etwas anderes als Geld. Sie schulden ihm die Reue. Das Unglück, von dem das russische Judentum jetzt heimgesucht wird, entstammt keiner überraschenden Katastrophe. Seit Jahren und Jahrzehnten liegt das russische Judentum, elend und von Angst geschüttelt, in ei neun Hause, das die Gespenster des Hungers und des Mondes umschleichen. Mit unheimiliicher Regelnlässigkeit holt sich der Judenhass seine Opfer aus dem Hause. Die Vorbereitungen zu den Raub- und Mordexpeditioiieu gesehenen am hellichten Tage vor aller Welt Augen. Wie in dem bekannten Gruselstücke des belgischen Dichters Maeterlinck beschleicht der Tod das russische Judenhaus. Schon von weitem meldet er sich an, sendet Zeichen und Boten. Die Unglücklichen hören lange zuvor das knirschende Dängeln der Sensen, womit sie niedergemäht werden sollen. Sie wissen: im Hause bleiben heisst lange Todesangst vor qualvollem Tode. Führt keiner die Unglücklichen aus dem Hause? Einer wollte es. Ein grosser Jude, ein heller Kopf, ein tieffühlendes Herz. Fr bat und beschwor: Führt mit mir die Eiernden aus den. Häusern, in denen sie hilflos auf die Mörder warten. Aber die reichen Mitleidigen, die jetzt sammeln und spenden, 'hörten mit überlegenem Lächeln dem grossen Phantasten44 zu. Sie wussten besser, was zu tun sei. Hier eine Handvoll Geld, dort wieder eine. Sind jüdische verstümmelte Leichen nachweisbar, dann gleich mehrere Handvoll: Geld auf einmal. Ein Land für ein arbeitswilliges Volk? Unsinn! Armenhäuser für die Niedergebrochenen dieses selben Volkes? So viel ihr wo'l 1t! Denn wir sind nicht geizig. Wir geizen nicht mit uiise-nem Herzen, das noch immer — Gott sei Dank! — echt jüdisch ist. Wir geizen nur mit unserer Einsicht, unserem Verstände, dessen ganze erprobte Schärfe wir an internatio-

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