Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „blt # W$lt" Nf. 46 völkernng entspreche". Wie Graf Witte den Newyorker Bankiers" erklärte, rechtfertigt die russische Regierung ihre Handlungsweise damit, dass die russische Gesellschaft noch nicht dazu vorbereitet ist, den Juden die Gleichberechtigung zu schenken und dass bloss auf dem Wege allmählicher Massregeln eine Besserung in der schweren ökonomischen und rechtlichen Lage der Juden durchgeführt werden kann. Und in der Tat, die judische Gleichberechtigung erscheint nicht bloss jenen Elementen nicht erwünscht, welche das alte bureaukratische Regime unterstützen, sondern auch einem grossen Teile der radikalen russischen Elemente. Diese Tatsache wird selbst von einigen aufrichtigen Repräsentanten der jüdischen radikalen Partei zugegeben. Dieser Umstand eben bewegt viele von ihnen, die jüdische Frage nicht allein für sich in den Vordergrund zu drängen, um ihre Mitverbündeten nicht zu diskreditieren. Man kann indessen leicht sehen, dass man gerade jetzt, da die russischen radikalen Elemente der Hilfe der Juden noch so sehr bedürfen, den Moment nicht vorbeilassen sollte, um das zu erreichen, was später verweigert werden könnte oder was einen verzweifelten blutigen Kampf erfordern würde, wenn das im Manifeste vom 17./30. Oktober angekündigte Programm durchgeführt sein wird und die radikalen Gruppen der russischen Gesellschaft die Hilfe der Juden nicht mehr benötigen werden. Unterdessen aber veranstalten breite Schichten der russischen Bevölkerung, welche in den Juden die Hauptschuldigen der gegenwärtigen Wirren sehen, unterstützt von Agenten der regierenden Macht tatsächliche Abschlachtungen der Juden, verbunden mit offenem Raub des jüdischen Eigentums bei einer vollständigen Gleichgültigkeit der Obrigkeit. Die Gerechtigkeit verlangt indessen, zu bekennen, dass die Verantwortlichkeit für dieses Blutvergiessen auch auf die äusserste jüdische Partei zurückfällt, deren Aufruf zur Zerstörung alles Bestehenden und zur Einsetzung einer sozialdemokratischen Bepublik an Stelle der jetzigen Ordnung selbst den besten Teil der russischen Gesellschaft mit Entrüstung erfüllt. Wieviele jüdische Reiche könnten aufgebaut werden, wenn das jüdische Volk für seine nationale Freiheit so viel Blut vergiessen würde, als es schon für eine fremde Freiheit vergossen hat! Wir hatten Gelegenheit, einer Versammlung einer Handwerkervereinigung beizuwohnen, welche an der Spitze der befreienden Bewegung steht; es wurden damals gerade die Telegramme ausgerufen, welche die Abschlachtung der Juden an verschiedenen Orten mitteilten, doch unter allen Radikalen fand sich kein einziger, welcher im Namen der Versammelten die Stimme der Entrüstung und des Protestes gegen diese Greuel erhoben hätte. Vom speziell zionistischen Gesichtspnnkte muss das Manifest vom 17.|30. Oktober begrüsst werden, welches den Zionisten das Recht gibt, Versammlungen abzuhalten, Verbände zu organisieren und ihnen die Redefreiheit gewährt, um eine breit angelegte Agitation zugunsten der jüdischen national befreienden Bewegung führen zu können. Wenige Jahre werden vergehen und die russischen Juden werden sich überzeugen, dass die längst gewünschte Neugestaltung Russlands ihnen dasjenige nicht gegeben hat und nicht geben konnte, was jedes Volk nur auf seinem eigenen Territorium erlangen kann. Die Zukunft wird zeigen, ob die russische Konstitution die Antwort auf die jüdische nationale Frage geben wird und ob die Formel der kulturnationalen Selbstbestimmung des jüdischen Volkes anerkannt und im Leben durchgeführt sein wird. Es kann jedoch kaum einem Zweifel unterliegen, dass auch die Zionisten die volle Freiheit des Handelns erlangen werden, die notwendige Propaganda zur Schaffung eines einheitlichen jüdischen Willens und zur Vereinigung aller zerstreuten Teile unter eine nationale Fahne zu entwickeln. Die letzten Ereignisse in Russland haben von neuem gezeigt, was ein Volk durch einen einmütigen Willen und mit festvereinigten Kräften zu erreichen imstande ist Und die Rettung unseres Volkes liegt in der Einheit eines zur Erreichung eines bestimmten Zieles gerichteten Willens. Das Konzerf der Mächte, Die Nachrichten, die unausgesetzt aus Russland, dem grössten europäischen Reservoir, kommen, überbieten einander in Grässlichem. Man muss zurückgehen auf die Schilderungen der schrecklichsten Zeiten des Barbarismus, auf die Zeiten des finstersten-Mittelalters und auf die alte Geschichte der sogenannten nichtzivilisierten Völker, wenn man Aehnliches finden will wie das, was jetzt in Russland sich zuträgt. Wer je in Grätz' Geschichte der Juden die Bände durchblättert hat, welche von den fanatischen Ausbrüchen des Hasses gegen die Juden in Spanien oder Deutschland, zur Zeit, wo es am dunkelsten war, berichten, wird kaum oder nur schwer von gleichen Szenen lesen. Und während dies alles an ehern der grössten Glieder des europäischen Staatskörpers sich abspielt, ist die Weltgeschichte doch nicht so grausam, um nicht auch ein freudiges Ereignis zubringen: wir meinen die ungetrübte Eintracht des Konzertes der Mächte, Konzert der Mächte, das ist das richtige Wort für diese Erscheinung. Konzert, Frieden, Eintracht, Zusammenklang! Gibt es in der sogenannten Kulturwelt vielleicht einen Winkel, wo dieses Konzeit gestört würde, einen Spieler, der die Harmonie der Gedanken stört, oder erschallt ein Laut aus irgend einer Ecke des Orchesters, der einen schrillen Misston in dieses idyllische Spiel bringt? Die Gestaltung der neuesten Zeit hat es mit sich gebracht, dass die Dirigenten dieses Konzertes wechseln. Bald England, bald Deutschland, bald Amerika, das neuestens hinzugekommen ist, und dann so weiter fort. Alle wussten sie ihren Taktstock mit gleichem Geschicke zu führen und man möchte glauben, dass es wirklich eine Orchesterschule war, die sie ausgebildet hat für dasselbe System. Und die Partitur trägt immer die gleiche Vorschrift: Nicht einmischen in die Angelegenheiten eines fremden Staates, das heisst, nota bene, wenn es uns nicht passt. Denn mit diesen inneren Angelegenheiten hat es ein eigenes Bewandtnis. Handelt es sich um die Armenier, dann sind es offenbar keine inneren Angelegenheiten, handelt es sich um die Juden, dann sind es innere Angelegenheiten. Die Frage der Kutzowalachen ist keine innere Angelegenheit des betreffenden Staates, selbst die Art, wie die Spanier in ihrem eigenen Gebiet auf Kuba in den Philippinen gehaust haben, scheint — man mag es glauben oder nicht — keine innere Angelegenheit gewesen zu sein, denn Amerika hat sich hineingemischt. Die Judenmassakers, die sich in immer schnellerem Tempo in Russland seit dreissig, vierzig Jahren wiederholen, sind aber streng innere Angelegenheiten dieses Reiches. Kreta, Makedonien, die Hühneraugen irgendwelches fremden, christlichen Untertanen der Türkei sind keine innere Angelegenheit. Jüdische Kinder, Weiber und Greise sind streng innere Angelegenheiten. Wer diese Logik nicht verstehen will, der kennt überhaupt das System der herrschenden Kultur nicht. Schon die einfachsten Definitionen des Rechtes dieser Kultur