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Die Welt · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „bis # Welt" Nr. 46 zu rühren. In den Tagen von Dienstag bis Samstag wurden in das Alexanderspital 66 Verwundete und 27 Tote, in das Kirilower 16 Verwundete (darunter 8 Juden), in das jüdische Spital 27 Verwundete gebracht. Wie die lokalen Zeitungen berichten, haben christliche Frauen aus den besten Kreisen bei den Plünderungen viele Waren fortgeschleppt. Nach dem Pogrom konnte man Polizisten sehen, die geplünderte Sachen öffentlich feilboten. Wohl gelang es einer Gruppe von Studenten, einzelnen Hoolygans <Jie geraubte Beute abzunehmen und dem Schutze von Soldaten zu übergeben. Die Beute wurde vor dem Denkmal des B o g d a n C h m e 1 n i t z k i aufgehäuft; ein Spiel des Schicksals, als wollte es diesem klassischen Judearwürger von vor 250 Jahren zeigen, dass man heute noch tapfer sein Beispiel befolge! Bald aber kehrten die Räuber zurück und schleppten die Beute fort, unbekümmert um die wachhabenden Soldaten., die ihrem Treiben lächelnd zusahen. Und doch hat die Stadtduma beschlossen, den Soldaten dafür zu danken, dass sie das Vermögen der Einwohner beschützt haben. Nur 20 Stimmen traten in der Stadtvertretung auf, die das Verhalten des Militärs strenge verurteilten. Russlands Neugestaltung.*) Von S. Ahksandrow (pptprsburg). (Aus dem russischen Original übersetzt.) Die grossen Mängrel des bureaukratistischen Regimes in dem staatlichen und gesellschaftlichen Leben Rus^laucls, welche während des letzten Krieges mit besonderer Deutlichkeit hervorgetreten sind, die ökonomische Krisis, welche die Grundfesten des Wohlstandes verschiedener Klassen der Bevölkerung erschüttert hat, die gänzliche Erschöpfung der finanziellen Ressourcen des Staates, deren Folge eine äusserste Belastung der zahlenden Bevölkerung gewesen ist, das überraschende Wachstum des Gedankens bei den Gebildeten und der leidenschaftliche Drang der Gesellschaft nach politischer Freiheit und nach einer Sicher- Stellung der Grundlagen des bürgerlichen Rechtes, alle diese Umstände bewogen die oberste Staatsgewalt, den hartnäckigen Forderungen der Gesellschaft entgegenzukommen und ihr eine Konzession zu machen» Am 6. August 1905 wurde, wie bekannt, das Gesetz von der Reichsduma erlassen, welches einigen Kategorien der Bevölkerung, die ziemlich bedeutende Steuerträger sind, das Recht gibt, in diese die Gesetze beratende Institution Repräsentanten zu entsenden. Dieses Gesetz hatte eine tiefe Enttäuschung1 der Gesellschaft zur Folge, welche in einer ganzen Reihe von Resolutionen, die bei verschiedenen Kongressen und Versammlungen gefasst wurden, die Zusammenberufung einer konstituierenden Versammlung forderten deren Vertreter auf den Grund-' laKcn einer a'lgem«jinen, unparteiischen, direkten und geheimen Abstimmung gewählt werden sollten. Obwohl alle Klassen der Bevölkerung, die Unzulänglichkeit der Reichsduma klar erkennend, zugeben mussten, dass sie den? herangereiften Bedürfnis nach einer Neugestaltung der ganzen Verfassung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens nicht entspreche, sprach sich indessen nur eine unbedeutende, aus den äussersten Parteischattierungen zusammengesetzte Minderheit für die Boykottie-ring der Reichsdumi aus und für den Widerstand gegen deren Zusammenberufung. Eine bedeutende, durch die gemässigten Parteien gebildete Mehrheit sprach sich dagegen für die Notwendigkeit aus, an den Wahlen teilzunehmen, jedoch die Duma zu keiner organisatorischen Arbeit zuzulassen, sondern mit Hilfe einer Obstruktion deren Unwandlung in eine konstituierende Versammlung anzustreben. Bedeutende Ereig- *) Laut Telegr. abgesendet4. Nov., eingetroffen 14 Nov. nisse sollten sich erst im Anfange des Jänner 1906 abspielen, doch wurden sie beschleunigt durch den sich zuspitzenden aufrührerischen Zustand im Kaukasus und insbesondere durch tiefe Unzufriedenheit der arbeitenden Klassen, welche in dem Gesetze vom Q. August 1905 vom Wahlrechte gänzlich ausgeschlossen waren. Schon bei der Beratung der Naphthaproduzenten unter dem Vorsitze des Finanzministers Kokowzew hatten die Arbeiter alle durch die Bestimmtheit und die Entschiedenheit ihrer politisch-ökonomischen Forderungen überrascht, noch mehr aber waren alle erstaunt über die Deputierten der Eisenbahnbediensten, welche, nachdem sie in der anfangs Oktober in Petersburg abgehaltenen Versammlung ihre Angelegenheiten beraten hatten, dem Vorsitzenden des Ministerkomitees, Grafen Witte, am 11./24 Oktober ihre Forderungen einer Zusammenberufung einer konstituierenden Versammlung überreichten, welche auf den Grundlagen eines allgemeinen Wahlrechtes stattfinden sollte, auch unverzüglich ihre Versammlungen frei abhalten und Vereine bilden zu dürfen, ebenso wie auch nach Gewissens¬ und Pressfreiheit. Die nicht befriedigende Antwort des Grafen Witte wurde alsdann zum Signal, das Losungswort über die Notwendigkeit eines allgemeinen Streiks auszugeben, dem sich mit einem Male einige Millionen Menschen anschlössen (an Eisenbahnbediensteten und Arbeitern allein zirka 75.000). Die zu verschiedenen Verbänden organisierten einzelnen Klassen der Bevölkerung machten reichlichen Gebrauch von der Gastfreundschaft der autonomen Universitäten und anderer höherer Lehranstalten, um die Lage der Dinge zu besprechen und sich zu den düsteren Ereignissen vorzubereiten» Der nach seinem Umfange kolossale Streik, begleitet von einer ganzen Reihe gefährlicher Symptome, führte zur Bekanntmachung des kaiserlichen Manifestes vom 17.|30. Oktober, welches dem Volke „die unerschütterlichen Grundlagen der bürgerlichen Freiheit, gestützt auf die Prinzipien der Unantastbarkeit der Person, der Freiheit des Gewissens, der Redefreiheit-, des Versammlung-undVerbandsrechtes" gewährte und als unerschütterliche Regel feststellte, dass gar kein Gesetz ohne Zustimmung der Reichsduma in Kraft £eten könne und dass den vom Volke Gewählten die Möglichkeit einer tätigen Mitwirkung in der Kontrolle der Gesetzmässigkeit der Handlungen der Regierung gewahrt werden sollte, welches ferner jene Klassen der Bevölkerung, welchen kein Wahlrecht in die1 Reichsduma zugestanden worden war, zur Mitarbeiterschaft in dieser Institution zuzog. Nachdem wir den Leser in Kürze mit dem Gange der Ereignisse bekannt gemacht haben, erachten wir es für notwendig, das genannte Manifest vom 17./30. Oktober einer eingehenden Würdigung vom allgemein russischen, jüdischen und speziell zionistischen Standpunkte zu unterziehen. Das Manifest vom 17./30. Oktober bedeutet die erste Eroberung der politischen Freiheit des russischen Volkes, welche berufen ist, Russland aus einem Polizeistaate in einen Rechtsstaat, aus einem Lande der administrativen Willkür und der Laune höherer und niederer Obrigkeiten in einen gesetzmässigen Staat zu verwandeln, der auf den festen Grundlagen der bürgerlichen rechtmässigen Ordnung gegründet ist. Zum ersten Male wurden dem Russen die persönlichen Rechte zuerkannt und so seine Umwandlung aus einem einfachen Einwohner in einen Bürger vollzogen. Und deshalb ist die Macht des ersten durch das Manifest hervorgebrachten Eindruckes ungeheuer gewesen. Es schien, als würde alles Alte, Verwitterte in den Lethe versinken

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