Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 „biS # Welt" Seite 7 Polizei klar ist, so dürfte wohl die Annahme berechtigt sein, dass der Pogrom von der Regierung als Kontrarevolution in Szene gesetzt wurde. Die Regierung wollte beweisen, dass nur die Juden die Konstitution forderten, dass das russische Volk noch gar nicht konstitutionsreif sei. Letzterer Beweis ist ihr glänzend gelungen. Ich spreche hier natürlich nicht von der schwarzen Bande, sondern von demjenigen Teile des russischen Volkes, welcher in liberalen Versammlungen schöne Reden hielt und anhörte und jetzt ruhig den Pogrom mit ansah, ohne auf die Kontrarevolution der Regierung zu antworten, ohne zu beweisen, dass nicht die Juden die Konstitution ver-langten und erkämpften, sondern durch sie die russische Intelligenz. Im Gegenteil, der vom Volke gewählte Bürgermeister Hess eine Bekanntmachung verteilen, die an Antisemitismus den Neidhardtschen Auslassungen nicht nachsteht. („Die Juden mögen doch niemanden zum Pogrom reizen" — alte Politik, dass die Juden sich selbst Pogrom machen.) Wo war denn die liberale Duma, in deren Namen der Bürgermeister solche Sachen schrieb? Und die Sozialdemokraten? Vierzigtausend organisierte Arbeiter iiaben wir, brüsteten sie sich. Wo waren denn diese organisierten Arbeiter während des Pogroms? Das Gerücht geht umher, viele von ihnen seien unter den Plunderern gewesen.; Ich weiss nicht, ob es wahr ist, aber in der Abwehr war nur eine verschwindend kleine Zahl derselben — und das auch meistens Juden. Ein einziger Teil der „russischen* Gesellschaft hat sich in der Schreckenswoche ein unsterbliches Verdienst erworben, nämlich der „Jüdische Arbeiterbund". Heldenmütig zogen sie die ersten in den Streit und vollzogen neben den Zionisten wahre Heldentaten. Eine einzige glückliche Ausnahme in dieser trostlosen Indifferenz war Die Universität. Hier wurde während des Progroms rastlos Tag und Nacht gearbeitet. Professoren schafften Patronen für die Abwehr herbei. Hier organisierten sich die Seemannsschüler, welche von den Zionisten Waffen erhielten und, in die Abwehrgruppen verteilt, Grosses leisteten. Hierher wurden die von der ^Abwehr arretierten Plünderer und wiederabgenommenes fremdes Gut geschafft und. aufbewahrt. Die Universität übergab dann die Arretierten — meistens Polizisten und Polizeispione — dem Staatsanwalt. Von der Universität aus zogen mehrere Studentengruppen — auch eine armenische, die nicht wiederkehrte und nun im Brudergrabe die letzte Ruhe fand — zur Abwehr aus. Mit einem Worte, die Universität war in dieser Schreckenswoche die einzige Stätte, die einen kleinen Trost gewährte, die uns sagte: „Es gibt schon Russen, die sicti einem Pogrom aktiv widersetzen. Jetzt wiederum ist die Universität der Mit'elpunkt der Hilfeleistung". A. B. (Fortsetzung folgt,) Kiew. Hie/r begann der Pogrom am Abend des .31. Oktober. Leute, die an, den Pogrom des Jahres 1882 denken., versichern, dass. der jetzige unvergleichlich grösser und empfindlicher sei, da er das ganze Judenquartier heimegnscht und unzählige wohlhabende Menschen in wenigen Stunden zu Bettlern gemacht habe. Nachdem «die reichen Magazine und Wohnungen auf dem Kreschtsehatik und Podol ausgeplündert und deren Kostbarstes auf gemieteten Wagen vor den Augen der Pviizei weggeführt worden war, begann Mittwoch den .1. November früh die Arbeit auf dem „jüdischen", dem sogenannten „galrzischcu Markt". Banden jugendlicher Hoolygans im Alter von 18 bis 20 Jahren, geführt und ermutigt von Agitatoren, machten sich an die Arbeit, nachdem ein elegant gekleideter Mann eine Rede gehalten und erklärt hatte, man müsse sich der Freiheit bedienen, die aHein dem russischen Volke verliehen wurde, während es ja ausdrücklich gestattet worden sei, drei Tage lang die Juden zu morden und zu vernichten. Zuerst müsse aber ein Gottesdienst abgehalten werden, wie es sich für wahre Russen gezieme — dann könne die Arbeit beginnen. Und die Hoolygans teilten sich in Gruppen. Eine Gruppe, geführt von einem Arbeiter mit einer weissen Schürze, begab sich zur Vorstadt Schulawka und plünderte dort so lange, bis sie einer Abteilung Infanterie atisichtig wurde. Sie hinterliess wüste Trümmerhaufen, unter denen die ganze Habe jüdischer Kanfleute vernichtet und begraben war. Sie verstand es aus den Blicken der Soldaten, dass hier nichts mehr zu tun sei und kehrte in die Stadt zurück. Auf dem Wege wurden sie von Soldaten, Kosaken und Polizisten von den geplünderten Lädzn fortgejagt und auf die unbeschädigten hingewiesen. Man sah, wie eine Patrouille Soldaten ruhig ein Stück Leinwand zerschnitt und verteilte, wie ein Kosak einem Christcnknaben drei Schinne entriss und sie in Stücke zerbrach. Grossen Anteil an der Plünderung nahmen' auch die Soldaten der hier stationierten Landwehr. Ein christlicher Soldat vom Mirogroder Regiment erzählte, dass in .seiner Kaserne Waren im Betrage von: mehr als 10 000 Rubel sich befinden. Ein Offizier erklärte offen, die Juden verdienten alljährlich zehn solcher Pogrome, da sie Schwindler und Betrüger seien, den Militärdienst fHellen und im letzten Kriege sich freiwillig dem Leinde ergehen hätten Samstag den 4. ds. wurde eine Hausdurchsuchung bei einem Hauptmann in Podol vorgenommen und ein vollbeladener Wagen der feinsten Schnitt- und Seidemwaren aus seinem Hause geführt. Mittwoch abends gegen 8 Uhr kehrten die Hoolygans za den Läden auf dem Boulevard zurück, und da am Tage das Beste und Teuerste ausgeplündert worden war, zerstörten und verbrannten sie alles, was sie nicht davontragen konnten. Was am Mittwoch verschont blieb, wurde am Donnerstag aufgesucht und zwar schon um 5 Uhr morgens. Den ganzen Tag über waren die Gassen voll von Trägern, die jüdische Waren nacli allen Richtungen auseinandertrugen. Um Mittag fand eine „patriotische'" Kundgebung statt, die jedoch so wild verlief, dass das MJlitär zweimal Schüsse ab^ab, freilich in die Luft. Bald nach den. Schüssen jedoch kehrten die verscheuchten Hoolygans zur Arbeit zurück. Am Abend zogen sie gegen Intellektuelle, Studenten und abermals gegen Juden. Zum Glücke befahl ein Offizier, auf die Hoolygans zu schiessen. Die zwei abgegebeneu Salven töteten S Hoolygans, darunter zwei Frauen, deren eine, eine Hausbesitzerin, mit einem Paket Schnittwaren unter der Schürze zu .Boden fiel. Die Salven taten ihre Wirkung, denn sie haben die Hoolygans fast ganz eingeschüchtert, denen, mancher mutige Beraubte nunmehr sein Gut abnehmen körnte. Es verlautet mit Sicherheit, dass ein telegrapliischcr Befehl Wittes zur Nied.erhaltung des Gemetzels zwei Tage zurückgehalten wurde, während der Pogrom ungehindert fortwiiietc. Hundeite Juden lagen indes in Kellern und auf Dachböden in Todesangst versteckt. Hunderte von Schutzflehenden wurden in Hotels beherbergt, wo sie auch dichtgedrängt die Korridore und Stiegengänge stehend füllten. Von da suchten sie telcphoniseh reiche Juder. oder auch einflussreiche christliche Intellektuelle um Verwendung bei den Behörden au, sie erhielten aber zur Antwort, dass diese selbst in Lebensgefahr schwebten und ebenfalls sich in Versrecken aufhielten. Im rhiise des Dr. J. Benderski fanden über 100 Eamilien Zuflucht. Um die Zufluchtsstätten herum tobten Schüsse, Mord- und Raubwut. Die Polizei sah dem Schauspiele gelassen zu, ohne einen Einher