Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bi? # weit11 Nr. 46 Ziel der „schwarzen Bande" war die Rischeljewskaja — eine reiche jüdische Geschäftsstiasse. Weit kamen die Plünderer hier nicht — sie zerstörten drei bis vier Läden und eine Apotheke — denn die z onistische Abwehr stellte sich ihnen hier n)it einer solchen Entschiedenheit entgegen, dass sie in die Noworybnaja einbogen, wo sie raubend und mordend bis zur Kanatnaja kamen, dortselbst 6—7 Läden ausplünderten und auf die Bolschaja Arnautskaja — eine jüdische Strasse — kommen wollten. Doch rechtzeitig kamen 10 bis 15 Jünglinge der Abwehr heran und eröffneten auf die 200köpfige schwarze Bande ein solches Revolverfeuer, dass dieselbe umkehrte und in die Malaja Arnaudskaja einbog, wo sich den Zionisten zwei Armenier, gute Schützen, anschlössen und mit einem bewunderungswürdigen Mute wurden hier jüdisches Gut und Blut vor der Wut der Räuberbande geschützt. Diese Gegend war für den Tag gerettet. Hie und da kamen noch in der Stadt am Abend und in der Nacht. Zusammenstösse vor, aber im allgemeinen kann man sagen, dass es in der Stadt diese Nacht ruhig war. Was aber in dieser Nacht auf der Moldawanka — ein jüdisches Stadtviertel — geschah, spottet jeder Beschreibung. Die Schrecken Kischenews sind nur ein Kinderspiel dagegen. Ganze Familien wurden abgeschlachtet. Keine Hintertreppe, kein Boden, kein Keller blieb undurchsucht, und wo ein Jude gefunden wurde, ward er niedergemetzelt. Hier halfen uniformierte, wohlbewaffnete Soldaten tüchtig mit. Von Abwehr konnte keine Rede sein. Die Soldaten brachen die Pforten ein, knallten die Abwehr nieder, liessen die Plünderer ein und üewachten das Haus, damit die schwarze Bande ungestört arbeiten könne. An 50.000 (fünfzigtausend) Juden der Moldawanka retteten ihr Leben im jüdischen Hospital, Hab und Gut in Stich lassend. Am nächsten Morgen fährte man mehrere Möbelwagen mit Toten und Verwundeten von der Moldawanka fort. Die Moldawanka stellt jetzt einen Schutthaufen, unter welchem die mehrjährige fleissige Arbeit, die Existenzen von Zehntausenden, der schwer erworbene Wohlstand von Tausenden und die abgerissenen Körperteile von Hunderten unserer Biüder begraben sind, dar. Auch 40 Bundisten der Abwehr sollen in dieser Nacht gefallen sein» Am nächsten Morgen (Donnerstag) begann wieder die Arbeit in der Stadt, und zwar am Anfange der Puschkinskajastrasse, wo aber in die Plünderer eine Sprengbombe geworfen wurde. Darauf erschien die „schwarze Bande" auf der Gymnasiumstrasse (Besimjanaja) und begann einen jüdischen Laden zu plündern. Mit grosser Bravour stürzte sich ihnen aber hier die Abwehr entgegen. Eine andere Abwehrgruppe fiel den Unholden in den Rücken. Die Strassenbewohner halfen von den Balkons und aus den Fenstern tüchtig mit — unter letzteren auch ein russischer Lehrer — und die Strasse wurde so ziemlich gerettet. Drei Stunden währte der Kampf und die Plünderer zogen nach dem Hause Nr. 84 der Kanatnajastrasse, welches zerstört wurde. Von Abwehr konnte hier keine Rede sein, denn genanntes Haus befindet sich gerade der Gendarmenkaserne gegenüber und die Gendarmen liessen die Abwehr auf Flintenschussweite nicht heran. Gesagt muss noch werden, dass auf der Besimjanaja Soldaten in die Fenster und auf die Balkons schössen. Zur selben Zeit wurden einige Attacken auf das Haus Nr. 67 der Puschkinskaja unternommen und der Versuch gemacht, weiter in die Rischeljewskaja einzudringen. Beides dank der Abwehr vergebens. Später gelang es den Plünderern mit Hilfe der Soldaten durch die Troitzkaja, wo bei B. Schwarz für zirka 50.000 RubelWaren geplündert wurden, auf die Rischeljewskaja zu kommen, wo zwei Juwelierläden und das Papiergeschäft von Löwensohn (letzteres im Werte von zirka 150.000 Rubel) ausgeplündert wurden. Geplündert wurde noch der reiche Laden von Leo Rabbinowitz und alle jüdischen Läden der Deribessews'kaja— die reichste und schönste Geschäftsstrasse. Von beiden Seiten wurde hier die Strasse durch Soldaten abgesperrt, die mit den Rücken zu den Plünderern standen. Und so ging das auch am nächsten Tage und in der nächsten Nacht. Den Vorstädten Peres yp und Slobodka erging es in der nächsten Nacht ebenso wie der Moldawanka in der vorigen. Ermordet sind bloss in den Vororten über 400 Juden. Die meisten erlagen Beilhieben am Kopfe und Flintenschüssen. Verwundet sind gegen 10.000 (zehntausend), hauptsächlich am Kopfe. Jeden Tag sterben in den Krankenhäusern viele Verwundete. Seitens der schwarzen Bande sollen gegen 1000 gefallen sein. Andere behaupten, es sollen am christlichen Friedhofe bloss gegen 600 begraben worden sein. Jedenfalls sind auf der Seite der schwarzen Bande die Verluste nicht gering. Die Lage der Brot- und Obdachlosen ist verzweifelt. Sämtliche Lehranstalten" sind in Horte für Obdachlose verwandelt. Wohin man sich wendet, sieht man nur Elend, Elend und Elend. Die Polizei Die Rolle der Polizei in diesem Pogrom ist nun vollständig aufgeklärt.. Die Führer der finsteren Masse waren Polizisten, die genau die jüdischen Läden kannten. Bei vielen getöteten, verwundeten und arretierten Krawallanstiftern fand man Gorodowois-(Schutzmanns-) nummern. Manche waren in Polizeiuniform und trugen Zivilüberzieher. Viele Mädchen, welche Sanitätsdienste leisteten, behaupten, unter den verwundeten Krawallisten Gorodowois, Polizeispione, Revieraufseher, Gendarmerieunteroffiziere erkannt zu haben. Viele von den geplünderten Sachen fand man später in den Wohnungen der Gorodowois und Nachtwächter. Unter den von der Abwehr mit geradezu unbeschreiblicher Kühnheit Arretierten wurden viele Gorodowois, Polizeispione und Revieraufseher erkannt. Das schändlichste Werk der Polizei ist aber ein Befehl des Stadtgouverneurs, dahingehend, dass diejenigen Häuser, aus denen Schüsse erfolgen würden, ohne weiteres zerschossen oder mit Dynamit gesprengt werden müssen. Dadurch wurde der Abwehr eine wirksame Unterstützung genommen. Bei der jetzigen Pressfreiheit hätte die Rolle der Polizei im Pogrom festgenagelt werden können, aber der Stadtgouverneur Neidhardt hat die Redakteure zu sich berufen und drohte mit Fortsetzung des Pogroms („Ich garantiere für die Ruhe in der Stadt nicht"), falls die Presse die Tatsachen „einseitig" beleuchten werde. Die Zeitungen beschlossen infolgedessen, mit keiner Silbe den Pogrom zu erwähnen. Es ist unter diesen Umständen auch selbstverständlich, dass zahlreiche Hausdurchsuchungen bei Juden stattfinden, dass jüdische Jünglinge auf der Strasse angehalten und durchsucht werden. Mit einem Worte: „ Wehrst du dich, erwartet dich der Tod, wehrst du dich nicht — der Tod, bittest du Pardon — der Tod, und willst du sprechen — der Tod". Das ist die Atmosphäre, welche die Polizei in Odessa geschaffen hat: „Tod den Juden!" Die Parole, die ausgegeben wurde, lautet: „Schont keine Patronen!" Und was sagt die russische Gesellschaft dazu? Da der Odessaer Pogrom nicht vereinzelt dasteht, denn in vielen andern Städten begann und hörte der Pogrom zu fast gleicher Stunde auf, da ferner die Rolle der