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Die Welt · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 „bie $ weit11 Seite 5 Metzeleien veranstaltete, sagte man sich damals und man hatte teilweise recht. Teilweise, weil nicht die Begierung gegen das Volk, sondern mit ihm die Judenpogroms inszenierte. „Wenn aber das Eegime ein anderes wird, dann . . . Dann? Nun ist das jßegime endlich ein anderes geworden. Was der Traum vieler Generationen war, ist zur Wirklichkeit verkörpert. Kussland ist ein konstitutionelles Land geworden. Noch ist die Konstitution nur auf dem Papier, aber was geschehen ist, ist geschehen: „In denselben Strom steigt man zweimal hinein." Die Gresehichte wiederholt sich nicht. Wir haben mit unserem Blute dem heiligen Mütterchen Kussland Dienste geleistet —. und das Mütterchen ist noch nicht satt. Es hat Judenblut gerochen. Einen Tag nach der Verkündigung des schicksalsschweren Manifestes vom 30. Oktober hat sich das russische Volk erhoben, um dem jüdischen Volke für seine Hilfe zu danken. Und wie dankte es? Tausende von Juden im ganzen Ansiedlungsrayon ermordet, ungezählte tausende verwundet, verkrüppelt, an den Bettelstab gebracht. Die Sklaven in Russland wurden freigelassen und sie haben Saturnalien gefeiert. Und die Opfer ihrer bestialischen Instinkte waren die Juden. Ich sage, das russische Volk und nicht das „schwarze Hundert", nicht die „Hoolygans". Nein, das ganze russische Volk samt und sonders ist schuldig, das ganze russische Volk vom ersten bis zum letzten ist mitverantwortlich. Wo war es, als die Banden die Juden mordeten? Wo blieb sein Protest, wo blieb sein Dank? Sie haben nicht die Hand gerührt, um die Juden zu beschirmen, und hätten es leicht tun können. Sie wollten nicht. Was ist ihnen der Jude? Ein Objekt zur Ausbeutung! Sie benützen unsere Kraft, unser Blut und Hirn und wenden sich dann von uns ab. Nun sehen wir, was wir von der russischen „Freiheit" zu erwarten haben. Wer bürgt uns dafür, dass dies das Ende der Judenverfolgungen sein wird? Wer kann uns versichern, dass dies nicht der Anfang einer neuen, furchtbaren Zeit für das Judentum sein wird? Juden bewaffnen sich, organisieren die Selbstwehr, Verteidigungskomitees. Sie müssen es, weil ihr Leben stündlich in Gefahr schwebt. Aber ist ein solches Leben überhaupt möglich? Ein Leben in ewiger Furcht, von Feinden umgeben, darauf gerichtet, immer auf die Rettung des nackten Daseins bedacht sein zu müssen! Ist denn unter solchen Umständen ein normales Volksleben möglich? Was wird denn die Vergeltung für alle unsere Opfer sein? Ich will nicht schwarzseherisch sein. Das Herz jedes Juden zuckt vor Schmerz zusammen, wenn man an die Möglichkeit denkt, dass auch das konstitutionelle Russland den Juden keine vollen Bürgerrechte einräumen werde. Aber wer kann jetzt mit Sicherheit behaupten, dass die Duma die Juden befreien wird? Wer kann jetzt schlankweg die Möglichkeit leugnen, dass die inferiore Stellung der Juden in Russland nicht vom künftigen Parlament aller Reussen sanktioniert werden wird? Die alten Prinzipien des Liberalismus ziehen nicht mehr. Im Namen der „Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit" wird nicht mehr gekämpft. Jetzt heisst es Interessen herrsc h a f t. Und wer weiss, ob nicht eine reaktionäre Majorität der Duma es im Interesse ihres Volkes für nötig erachten wird, die Juden auszuschalten. Ist denn Rumänien kein konstitutionelles Land und ist denn das „asemitische" Galizien, wo Judenexzesse auch nichts Unerhörtes sind, etwa ein autokratischer Staat?' „In Russland gibt es nichts Unmögliches," sagt der Russe. Und um so mehr, wenn es sich um Juden handelt. So steht es mit uns. So sieht unsere Bilanz aus, nachdem wir unter unsere Rechnung an Opfern und Ausgaben den Strich gezogen haben. Wie wird die Zukunft sein? Ein düsterer Schleier umhüllt sie. Vielleicht stehen wir vor dem entscheidenden Momente. Vielleicht gelingt es jetzt unserem Volke, sich zu befreien, selbständig zu werden, auf eigene Rechnung zu leben, für sich, zu kiinrnj'en. für sich zu sterben. Vielleicht! . . . Die Gegen\vart ist zu schwer, dnss unser Wunsch unsere Hoffnung steigert, hlinsi horten die alten Juden, die von ihrer Heimat naeli rJabvlou vertrieben waren, auf ihrem Wege nach der Frenwie eine Stimme von oben: ,,l:i.id es werden zurückkehren die Kinder nach ihren Geniarken." So die Sage. Hoffen wir! Der Pogrom in Odessa. (Originalbericht unseres Korrespondeuten.) Noch zittern mir die Hände, noch klingen die unaufhörlichen Jammerrufe und Hilferufe der unglücklichen Brüder in den Ohren, noch haben die Revolverschüsse aul den Sirassen nicht aufgehört und das Blut der Ermordeten dampft noch auf den Strassen, so dass es gar keine Möglichkeit gibt, die Gedanken zu sammeln und einen genauen Bericht der Schreckenswoche zu geben. Vielleicht gelingt mir dies in meinem nächsten Briefe. Heute will ich nur das schreiben, was ich selbst gesehen und gehört habe. Am Dienstag den 18.|31, OMober kam das berühmte Manifest von den Freiheiten, Das Volk sammelte sich auf den Strassen und im allgemeinen Jubel schien es wirklich, dass es nunmehr im heiligen Russiand weder Hellenen noch Judäer gäbe. Da Um gegen 3 Uhr nachmittags die Nachricht, dass auf der Dalnifzkaja — eine Fabrikstrasse an der äusseren Peripherie der Stadt — ein Judenpogrom begonnen habe. Diese Nachricht rief bei den meisten nur ein mitleidiges Lächeln hervor. Im freien Russland ein Pogiorn? Das ist ja nur ein Missverständnis, das wird sofort wieder aufhören, rasch ein paar Soldaten hinschicken und es wird wieder «»tili werden, jubelt weiter, Brüder! Da verlautete es wieder: auf der Dalnitzkaja geschieht etwas Schreckliches; verkleidete Polizisten und Kosaken rauhen jüdische Läden aus und metzeln alles nieder,, was sich ihnen in den Weg stellt. Ruhig aber setzte die Menge auf der Deribassowskaja und auf dem Dumaplatze, wo ich zur Zeit war, die Unterhaltung über die Konstitution fort. Dak^m ein Gymnasiast herbu^estürzt: „Auf der Chersonskaja schiesst man." Das schien dem Publikum doch ein bisschen zu gefährlich und man ging auseinander, in der Hoffnung, dass es bloss ein Miss Verständnis sei, dass ein Pogrom heute nicht mehr möglich wäre. Daher die vollständige Unorganisiertheit und Verworrenheit, als am nächsten Morgan aus dem Missvers'ändnis ein bitterer Ernst wurde. Die einzigen, welche dem Frieden der Nacht nicht trauten, waren die Zionisten und am frühen Morgen des nächsten Tages war die ganze zionistische Jugend, ohne dass sie gerufen wurde, an Ort und Stelle. In aller Eile bewaffnete man sich und Abwehrgruppen aus 10 — 15 Personen wurden in die Stadt verteilt. Inzwischen wurden die Nachrichten von der Stepowaja und Dalnitzkaja immer beunruhigender. Dort wurden sämtliche jüdischen Läden zerstört und ausgeplündert und viele Fabriken lür lange Zeit arbeitsunfähig gemacht, wodurch eine grosse Anzahl jüdischer Arbeiter brotlos wurde. Als aber die Abwehr, bestehend aus „Bundisten" — es sollen unter ihnen auch einige russische Sozialdemokraten gewesen sein — herbeieilte, wurde dort für kurze Zeit die Schreckensarbeit unterbrochen. Die zionistische Abwehr stürzte nach dem Samajaplatze, kam aber zu spät, denn hier war bereits alles zerstört und ausgeplündert und die Plünderer kamen der Abwehr in geschlossenen Reihen entgegen. Das

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