Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „bie & weit" Nr. 46 wir nicht mehr unser Leben als Martyrium, als ein notwendige^ zu unbekannten, verborgenen Welt-Jenseits-Ewigkeitszwecken erforderliches Dulden und Selbstaufopferung betrachten wollen -— wie sollen wir uns mit unserem Leben abfinden? Einst fragten nicht die Menschen nach dem Sinn und Zweck ihrer Handlungen. Man tat und litt, man lebte und starb, weil es so befohlen, von Gott oder vom Fürsten, vom „Könige des Himmels oder der Erde" bestimmt war. Die Entwicklung des Lebens hat mit sich auch die Selbstbestimmung, innere .Freiheit, das Zielwissen gebracht. Menschen leben nicht mehr ohne Sinn und Zweck und wollen nicht mehr sinn- und zwecklos sterben. Jedes Opfer muss jetzt eine Rechtfertigung haben. Jedes Individuum, jede Klasse sagt der (Gemeinschaft „do ut des" — ich gebe — aber damit ich was davon habe. Und wenn ich mein Höchstes gebe, mein Letztes und Ureigenes, mein Leben, so will ich wissen, wozu und wofür 't Las ist die Gesellschaft von heute — und in noch höherem Masse wird es die von morgen sein. Ich erinnere mich an die Worte eines Phantasten und Weltverbesserers, des amerikanischen Sozialreformers Winwood E-ead. Er sagte einmal; „Unsere Väter, zahllose Generationen haben mit ihrem Blute, mit dem Mark ihrer Knochen unser Leben geschaffen. Warum sollten wir uns nicht für unsere Nachkommen opfern?" Vielleicht hatte er recht. Vielleicht ist das ewige Problem der Erlösung der Kommenden durch das Selbstopfer der Jetztlebenden und Gebenden wirklich ein Lebensprinzip? Opfer sind nötig, aus dem Tode blüht neues Leben hervor! Gut — aber einen Zweck müssen die Opfer haben, eine Rechtfertigung. Die Opfer aller Völker, so grausam, so schrecklich sie waren, haben gewissermassen ihre Früchte gezeitigt, ihre Mission erfüllt. Die grosse französische Revolution hat zehntausende von Köpfen in den Korb der Guillotine geschleudert — aber dafür eine neue Aera der Weltgeschichte geschaffen. Die Befreiungskriege, die Revolution von 1848, die Kommunemassakers von 1871, ja die furchtbare, grausame, weil langsame Verblutung der russischen Kämpfer für die Freiheit — alle diese Opfer waren geschichtlich bedingt, waren wenigstens von Bedeutung für die Zukunft. Ein schwacher Trost für diejenigen, die dabei ihr Leben verloren, aber immerhin ein Trost Schimmer für diejenigen, die geblieben sind. — Aber wir, aber unser Volk, das alte jüdische Volk, was hatten wir von all unseren ungeheuren, namenlosen Martyrien, die wir erleiden mussten? Was haben wir als Entlohnung bekommen für den immensen Tribut, den wir zur Werdens- und Leidensgeschichte der modernen Gesellschaft beigetragen haben? Alle unsere Opfer seit ehedem waren sinn- und zwecklos in jedem Sinne, nach jeder Richtung. Was haben uns die ungeheuren Schlächtereien des Mittelalters gebracht? Sie — die Christen, die „Arier" —. sie haben aus dem Dunkel des Mittelalters eine herrliche Renaissance geschaffen, sich die Möglichkeit eines neuen, selbstherrlichen, zweckdienlichen Lebens errungen. Wir sind in die Ghetti zurückgestossen worden. Die Reformationskämpfe, die furchtbaren Bauernrevolten haben beinahe ganze Länder verwüstet, aber auf den Trümmern erblühte ein neues, frisches, schöneres Leben. Wir — wurden immer mehr aus der Gemeinschaft der zivilisierten Welt hinausgedrängt, in den slawischen Osten eingekeilt, erniedrigt, zu Polenknechten, „Ma j of es-Juden" gemacht. Das war unser Ertrag, unser Erlös. Und alle die grandiosen Kämpfe des neunzehnten Jahrhunderts, die ganze soziale Umwertung, an der wir uns mit hingebungsvollem Eifer, mit Selbstvergessenheit beteiligten, was haben sie uns gebracht? Eine kümmerliche, verkümmerte, menschenunwürdige Emanzipation in Westeuropa, eine unerhörte Folterexistenz im Osten. Welcher Revolution sind wir nicht Paten gestanden, welche soziale und politische Umwälzung haben wir nicht mit dem Blut unserer Besten erkauft, und welche hat uns nicht dann zurüekgestossen? „Apage, SatanasI" „Fort, Satan!" hiess es immer, nachdem wir unsere Arbeit getan hatten. Nachdem wir nicht mehr nötig waren, konnten, mussten wir gehen. Und wenn wir nicht wollten, trieb man uns mit Peitschenhieben, mit wirtschaftlichem Ruin, mit Manniichergewehren. Der alte Shylock klagte einst: „Y;ou take my life, when you do take the means, whereby i live." „Ihr nehmt mir das Leben, indem ihr mir die Mittel zum Leben nehmt." Und Antonio lachte. Und Antonio nahm dem Juden alles, Geld, Ehre, die einzige Tochter, den Inhalt und Zweck des Lebens. Und wer blieb der Gebrandmarkte, der Verachtete? Shylock, der Jude . . . Alles hat man dem Juden genommen und auch das wichtigste, lebenerhaltendste Element seiner Seele ihm entwunden. Einst war der Jude hoffnungsvoll. Er war „israelozentisch". Er hat nie verzweifelt, weil er an sein Schicksal, an seine Bestimmung glaubte. „Wie eine Taube ist Israel", sagt der Talmud, „wie die Taube als Sühnopfer für die Sünden gesehlachtet wird, so fällt Israel als Opfer für die Völker/' Mit 'diesem Erlöserbewusstsein in 1er Brust konnte der Jude die schwersten, misslichsten Lagen ertragen und weiterhoffen, weiterleben. Da kam die Zivilisation und nahm den Juden auch diesen letzten Wahn. Die alte Welt des Judentums ist zerstört worden, und kein Damm, keine Schutzmauer hält den Andrang der Verzweiflungswelle auf. Da sahen wir es. Vor 23 Jahren war der erste, erschütternde Schlag hammergleich aufs Haupt gefallen. Es waren die Judenmetzeleien von 1882. Es war eine Offenbarung für viele. Offenbarung von den dunklen Kräften, die sich in den Völkern bergen, deren Opfer die Juden sind. Man hat die Judenfrage, die beinahe für abgetan und wenigstens imPrinzip gelöst schien, sich wieder aufrollen gesehen. Dann kamen die langen 23 Jahre der furchtbarsten Bedrückungen in Russland. Eine ganze Generation ist unter diesem Drucke herangewachsen. Eine Generation, die keine Jugend kannte, keine Freude, keinen Strahl des Glückes. Sie stöhnten, kämpften unmenschlich, übermenschlich. Aber wollten nicht verzweifeln, weder an sich, noch an anderen, an „jenen" .... Die Besten und die Stärksten gingen hin — zum russischen Volk, trugen ihm die Fackel des lodernden Protestes, das Feuer der Freiheitssehnsucht voran. Und sie rüttelten das schlafende Kussland. Sie opferten sich für dieses Land, das sie verstiess, verachtete, vertrieb. Tausende gingen nach Sibirien, in die Gefängnisse1. Und wenn man die Annalen der russischen Revolution lesen wird, so wird man die besten Seiten von jüdischem Blute beschrieben finden. Sie waren vielleicht zu grosse Optimisten, sie waren vielleicht, vom Standpunkte des jüdischen Volkes gesehen, Assimilanten und Volksvergessene. Sie haben fremde Gärten gehütet und ihren eigenen verschmäht. Aber welche moralische Grösse, Reinheit lag in ihrem Wollen, in ihrem Tun! Sie haben die verpestete Luft des bureaukratischen, vertierten, barbarischen Russland gereinigt, geadelt. Immer mehr und mehr rissen sie mit sich die arbeitenden Massen der Juden mit. Es gründete sich der „Bund", die Freiheitsidee schien die Gegensätze zwischen Juden und Nicht j uden zu verwischen, zu versöhnen. Da kam Kischenew und dann Hornel, und dann Schitomir. Es? waren Ueberraschungen; die jüdische Intelligenz ist überrumpelt worden. Judenmetzeleien im grandiosesten und furchtbarsten Stile, Barbareien, deren die Geschichte nur selten zu erwähnen hat ■— und die volle Teilnahmslosigkeit des „gebildeten" Russland, des „freiheitsstrebenden". Aber der jüdische Optimismus Hess sich nicht beirren. Es ist nicht das Volk — es ist die Regierung, die die