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Die Welt · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 „bi* $ weit11 Seite 3 Uns schaudert ob unserer Einsamkeit. Unsere bangen Augen suchen weiter. Europa! In diesen schicksalsschweren Stunden bohren sich unsere Blicke in das Antlitz Europas und suchen es zu enträtseln. Starr, unbeweglich bleibt dieses Antlitz. Europa, das doch nicht nur übertünchte Barbarei und geheuchelte Kultur ist, das doch trotz allem manchmal sich schämen, erzürnen, entrüsten kann, für uns ist es kaum mehr als ein Wort, Schall und Rauch. Kein zorniger Europäer stand auf und redete für die Juden ein flammendes Wort. Die noch vor kurzem in scheinbar echter Herzensnot (kui Schrei ausgestossen hatten: „Rettet Gorki!" sie blieben stumm. Hinter politischen Schranken verziehen sich die Grossen, hinter die Parteizäune die Kleinen. Ihr Liberalen, ihr Sozialisten, wo seid ihr? Ihr, denen der Protest, die Manifestation, der Ruf von der Strasse nicht fremd ist, auch wenn es um Kleinliches geht, die ihr die grössten Worte und Werte als funkelndes Rüstzeug handhabt, habt ihr nichts aus eurem Herzen hervorzuholen, wenn Hunderttausende in blutigen Zuckungen sich winden? Ihr Besten der Nationen? Habt ihr nichts übrig? Nicht einmal das Wohlfeilste, ein wenig Mitleid, nicht einmal ein Almosen für die Hungernden? Vergebliches Suchen,vergebliches Fragen! Mühsam bahnt sich die Geldmacht einiger Juden da und dort einen Weg, um mit dem blanken Metall — da auch unsere blanken Waffen zu schwach waren — über Europa hinweg nach Petersburg zu wirken. Da und dort ein edler Souverän, da ein Minister, der sich der Juden annehmen will. Europa aber begnügt sich, die furchtbaren Sensationen zur Kenntnis zu nehmen und zu schweigen. Wir aber blicken entsetzt in dieses starre Antlitz mit der gleisnerischen Lüge auf der Stirn und der Heuchelei auf . den unbeweglichen Lippen. Machtlos und einsam. Uns fröstelt. Das Grauen hinter uns und vor uns die Einsamkeit, unwillkürlich ringt sich die Frage empor: Wofür das alles? Was ist unsere Schuld? Noch einmal, zum tausendsten Male prüfen wir unser Volk, seine Geschichte, was es geleistet, was es gelitten, wir sehen nur die ungeheure Schuld der anderen, die sich auttürmt zu erschreckender Grösse. Uud diesmal, was war's doch? MiLlionen haben im schmählichsten Jammer der Sklaven gelebt, ein lebendiges Spielzeug barbarischer Lüste, da hat es sich unter ihnen geregt, sie haben um die Freiheit gekämpft, gelitten, sie haben ihr Leben hingegeben uni nun, da man die Freiheit zu geben sich anschickt, für die sie geblutet, da sie als Geschenk allen Völkern Rasslands dargeboten wird, was ist noch ihre Schuld? Und was ist die Schuld derer, die nie aus dem Elende kamen? Zwecklose Frage, die unser Hirn martert und das Herz aufwühlt! Man könnte in solchen Augenblicken irre werden an allem, was die Menschheit aufgerichtet hat. Zweifeln, verzweifeln an der Gerechtigkeit, an der Wahrheit, an dem Sieg der guten Sache über das Böse, Ja, man niuss sehr "stark sein, wenn man sich nicht aus der Bahn schleudern lassen will. Die Juden tragen in sich die Stärke der Märtyrer und Helden wie kein anderes Volk. Aber das Mass ist übervoll. Unsere Jugend will nicht mehr sinnlose, zwecklose Selbstopfer bringen. Jetzt singt die jüdische Mutter ein anderes Wiegenlied: „Wach auf, mein Kind, wach auf, mein Kind! Du sollst nicht sein, wie wir andern sind, Nicht wie dein Vater und Grossvater wa", Nicht wie der Nachbarn demütige Schar — Sollst sie schlagen, die deine Feinde sind! Hörst du, mein Kind? ..." Noch sind wir einsam; und man glaubt, uns einsam lassen zu dürfen. Aber man darf uns nicht lange mehr preisgeben — dass Mass ist übervoll. * * . * Unsere zornigen Gedanken tragen uns fort. Fassen wir uns, seien wir ruhig und fest im Angesicht der Toten, in der drängenden Sorge für die Lebenden. Den Toten geloben wir's, den Opfern, die unschuldig gefallen sind, unseren jungen Helden zumal, den Besten, die aus den Reihen Zions fielen, beides nie zu vergessen : Dass sie fielen, weil sie Juden waren, dass sie in herrlichem Mute kämpften, weil es Juden galt. Wir sind allein, nur auf uns gestellt. Aber in unserer Einsamkeit schliessen wir fester und fester uns zusammen. Stolzer und wehrhafter werden wir von Tag zu Tag. Aus dem vergossenen Blute wallt neue Glut auf. Vielleicht wird sie bald stark genug sein, dass die starren Eiswände hinschmelzen. Vielleicht . . . Jetzt aber steht vor uns das Wort, warnend und tröstend zugleich: Wer ist für mich, wenn nicht ich für mich bin! Die Opfer. Von A. 0 oral n i k. Eine alte jüdische Sage: ,,Es war wahrend der Zerstörung des.ersten Tempel*. Im Kate des Ewigen ist be- K-hlosson .worden,, Unglück und schwere Heimsuchung auf das Volk Israel heraufzubeschwören, weil es sich von. den (-besetzen des Ewigen abgewendet hat. Und .Bittsteller kamen, einer nach dem anderen, einüussreiche, verdienstvolle, um für d'as Volk Israel zu bitten und Jen Zürn Gottes zu versöhnen. Da kam Erzvater Abraham .und erinnerte an seine Vergangenheit, an die Versprechen, die ihm Gott gegeben, dass „seine Kinder wie der Sand des Meeres und die Gestirne des Himmels an Zahl sein werden**, er gedachte der Worte Gottes vor Sodom, dass „um fünf Gerechter willen die sündenvolle Stadt verschont bliebe** — alles halt nichts. Gottes Zorn blieb ungestillt. Und es kamen Isaak, Jakob, und es kam der grosse Moses. Er flehte nicht, er zürnte, er sprach Worte des Ingrimms und der unendlichen Trauer für sein Volk, das er erlöst und befreit hat. ,.\*ur nicht langsam sie toten! Wenn du sie schon vernichten willst, so tue es mit einem Schlage. Nur nicht foltern \'c Und Gottes Sinn blieb unbeugsam. Da nahte eine dunkelverhüllte^ gramgobougte, tranendurchzitterte Gestalt dem Throne G-ottes. Es war die .Mutter Kachel. Und sie schluchzte ihr Mutterherz in die Ewigkeiten hinein : ,.Nicht fordern, nicht verlangen will ich, o Ewiger, o Barmherziger! Nur um Gnade bitten für meine Kinder, nur Erbarmen für meine Täiibchen, die geschlachteten, die gewürgten/* . . . Und vom Throne des Allmächtigen herab wurde ein Schluchzen vernehmbar — Gott weinte."------- Und gar oft musste er weinen. Die erste .Heimsuchung des jüdischen Volkes waren Kinderleiden, die wirklichen, grossen, schmerzlichen sind erst gekommen. Unaufhörlich, ohne Gnade. Gottes Tränen haben den Becher bereits zum Ueberfliessen gebracht und wir leiden mehr denn je. Glücklich diejenigen, die noch sich trösten konnten, die noch glauben konnten, dass es für sie, die Enterbten und Verlorenen, einen Anwalt gebe irgendwo, im Himmel, in der Unendlichkeit, ein Mutterherz, das für sie schlagt und betet und schluchzt. Aber wir, die uns nicht mehr damit trösten können? Aber wir, die wir nur das Leid des Judentums gerettet haben, ohne seine kindlich-innigen 11 Öffnungen, Tröstungen mit herübergenommen zu haben, wir, die

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