Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 floi$ # weit11 Nr. 16 An die jüdische Bevölkerung Wiens! Sonntag den 19. d. M. iOiUhr vormittags findet im Sofiensaale, HL, Marxergasse,eine für die Opfer der Judenverfolgungen in Russland statt. Glaubens- und Stammesgenossen! Gestaltet diese Versammlung durch massenhaftes Erscheinen zu einer imposanten Kundgebung eurer schmerzlichen Gefühle! Für die Einberufer: Kais. Rat Wilh. Ann inger, Dr. Edmund Kohn, Architekt Oskar M a r m o r e k, Siegmund Mayer, Dr. J. S a m u e 1 y, Dr. I, Schallt. „Im en ani Ii.." Von Berthold Feiwel. Wer kann das in Worten erschöpfen? Hinter uns schauervolles Unglück, dass uns das Entsetzen schüttelt, vor uns das grausige Gespenst unabsehbarer Gefahr — wer kann in solchen Tagen der Sprache die armseligen Worte abringen, die etwas von dem herausholen sollen, was in uns klagt, weint, bebt, sich empört, stürmt, wütet! Mörder, euer Streich sass! Wollt ihr euren Triumph haben, ihr sollt es wissen: Ihr habt uns getroffen, wie kaum je zuvor eure Mordbrüder. Nicht tausende Opfer habt ihr hingestreckt, Millionen traf's mitten ins Herz. Denn wir sind anders als die anderen. Mögen sie's drehen und wenden, wie sie wollen — in solcher Stunde, die Hüllen von den Heizen wegreisst, da fühlen wir's tausendfach, und tausendfach schreit es in uns auf, und so sollen es auch alle hören : Uns Juden, die wahrhaften Juden, trennen im Unglücke nicht die Grenzen, die kalte Menschen andrer Völker, so gerne gegen sich aufrichten. Wir sind anders als die anderen. Jeder Nerv in uns zittert, wenn irgendwo in der Welt Juden bluten, wir spüren wie am eigenen Leibe den heissen Schmerz jeder Wunde, die man jedem Juden schlägt, wir, die wir nicht umsonst die. Enkel jener Ghettomärtyrer sind, die ihr durch die Gossen schleiftet, die ihr getreten habt wie Hunde, die ihr zutode gemartert habt durch Feuer und Schwert, wir, die Brüder und Schwestern der Hunderttausende, gegen die jetzt eure tierische Bosheit sich kehrt. Mörder, noch grösser darf euer Triumph sein : Ihr habt unsere Herzen, die erschauerten wohl unter euren teuflischen Schlägen, den letzten Trost genommen, der die Ueberlebenden mit dem Sterben der ihrem Herzen Teuren versöhnt. Wenn es nur das gewesen wäre, dass unsere jungen Heldensöhne im blutigen Kampfe um die Freiheit gefallen sind — danklos, zwecklos vielleicht — wir hätten die Jugend und Herzensschönheit, die da starb, tief betrauert, aber das Hochgefühl, dass die Streiter für das Höchste, die Söhne unseres Volkes sind, hätte uns aufgerichtet. Wenn wir nur den Tod derer zu beweinen hätten, die zur Rettung der Ihren sich aufopferungsvoll den mörderischen Horden ent-* gegenstellten, wir wären erschüttert ob der unerhörten Opfer, die Grausamkeit und Hass uns abtrotzen — aber wir hätten vielleicht die Kraft gehabt, den Schmerz zu verbeissen: Seht her! Seht unseren Stolz! Die jungens Leiber liegen da, entseelt urjd entstellt, aber unsere Frauen und Kinder sin^ gerettet! . . . Nein, nein, sie haben uns das letzte genommen: Ueber die jungen Leiber hinweg, hinweg über die Hundert, die sich, so tapfer sie sich wehrten, von der SSebermacht der Tausende niederwerfen lassen mussten, gings ans Schlachten der Wehrlosen. Die Wehrlosen, die Frauen, die Kinder, die Greise schmählich 'zutode gemartert — hingemordet von Lumpenvolk, von Soldaten und Polizei —- und keine jüdische Kraft regt sich mehr, die es hindern kann, und niemand sonst steht auf, weit und breit kein Retter — und der Hass und die Mordgier rasen durch die Strassen, und es werden Menschen erschlagen, wie man widerwärtiges Tier erschlägt, es wird gemordet, gemartert um der Mordlust, um der bestialischen Bosheit willen und die Armen fallen unschuldig, nichts erkaufend, durch ihr furchtbares Sterben — ein himmelschreiendes Entsetzen und doch unaufhaltsam, unaufhaltsam— und die tollen Horden waten in wahnsinniger Lust durch die Blutlichen. . . Himmel, es ist zuviel! Unsere Äugen brennen vor Weh, die Faust ballt sich, die Pulse hämmern. In dieser furchtbaren Wirrnis, wo alles Menschliche zertreten am Boden liegt, ringen wir vergeblich nach einem befreienden Gefühle : Schmerz, Zorn, Rache, Verzweiflung — Schmerz, der das unsagbare Leid hinausschreien möchte in die Welt, Zorn, der all die Unholde und all das Unheilige niederstrecken möchte mit einem Faustschlag, Rache, die an den Kindern Edoms vergilt, was sie an uns getan, Verzweiflung, die an den Säulen rütteln möchte, mit Simson zugleich die Pihlister zu begraben — wir ringen nach, Befreiung, aber kein Gefühl ist stark genug, dass sich darin der Schauer unserer Empfindungen löse, und dazu die grausame, lähmende Gewissheit, dass keine Macht da istv die unsere Gefühle zur Tat werden lassen kann. Wir wehren uns, wir wollen uns nicht niederdrücken lassen, aber allmählich bezwingt es uns, ein einziges beklemmendes Gefühl, qualvoll, würgend, das Gefühl der Ohnmacht, furchtbarster schmerzlicher Ohnmacht. Sind wir ohnmächtig? Wenn unsere Stärke zu Ende ist, wenn die übermenschliche Kraft unserer Heldenbrüder vernichtet ist, wenn wir jetzt die anderen, rufen — da wir sie solange um nichts baten, als wir uns selbst helfen konnten — wenn wir sie jetzt rufen, wo wir allein zu wenig, zu schwach, fast wehrlos sind, da müssen sie doch kommen; sie können uns doch nicht allein lassen. Sie kamen nicht, sie kommen nicht. Wir lauschten gespannt. Jetzt, jetzt muss der eherne Schritt der Arbeiterbataillone erdröhnen, die ihrens Kameraden zu Hilfe eilen. Es blieb still. Da erwarteten wir ein anderes: Wenn nicht die Mithilfe, so das Mitgefühl. Wie ersehnten wir den ersten grossen Ruf, nicht um unseretwillen, um der Menschheit willen; wie erwarteten wir aus tiefster Seele den elementaren Aufschrei tiefempörter Brüderlichkeit, der jetzt die russische Gesellschaft hätte erschüttern müssen, sie, die eben die Freiheit bekam, deren erste, deren selbstloseste, deren aufopferndste Diener und Streiter die Juden gewesen. Umsonst! Kein Aufschäumen, kein Aufbäumen, kein grosses, bedenkenloses: Sie alles für uns, wir alles für sie! Mit der kalten, spärlichen Teilnahme, die ihnen vielleicht viel scheinen 'mag; die aber uns fast noch mehr schmerzt als der. Hass des Pöbels, mit jener ihnen selbstverständlichen Zurückhaltung, die uns in grausamster Wertlosigkeit entgegenzuhalten scheint: Es handelt sichja schliesslich doch nur um Juden! antworteten uns die Besten. Die anderen aber schwiegen oder bemänteln oder zucken die Achseln. Und die wenigen wahrhaft Brüderlichen und Hilfsbereiten, sie sind nur ein paar Edelmenschen, die russische Ge-' sellsehaft t sind sie nicht.