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Die Welt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „bie # w$it" Nr. 45 dass der jüdische Ursprung des Christentums der ^bittere Tropfen" ist und die geheime Ursache des Judenhasses. Er folgt daher den Spuren Delitzsch' und sucht mit allerlei Hypothesen, Unwahrheiten und Ungenauigkeiten zu beweisen, dass die jüdische Ethik und Moral nicht von dem Juden stamme, sondern dass er für die Religion das sei, was für den Handel der Zwischenhändler, der Mittelmann, und — „Nieder mit dem Mittelmann". Weder dieses Buch noch irgend ein anderes oben erwähntes Moment hat eine mehr als vorübergehende Bedeutung, aber als Symptome und Teilerscheinungen einer starken antijüdischen Stimmung zeigen sie deutlich, weiche Gefahren eine weitere Einwanderung sowohl für die bereits angesiedelten als auch für die einwandernden Juden bringen muss und dass auf dem Wege der Einwanderung die Judenfrage nie gelöst werden kann. Dr. Karl F i s c h 1. Brief aus Lemberg. (Sonntagsruhe. Parteibewegung.) Die jüdische Bevölkerung Galiziens lebt im Zeichen der Sonntagsruhe. Die Sonntagsruhe ist ein Symptom des ökonomischen Niederganges, aber auch der politischen Indolenz der Juden. Seit einer Reihe von Jahren wanderte die Sonntagsruhenovelle in allerlei Kommissionen herum, im Herrenhaus modifiziert, ist sie wieder im siechen Abgeordnetenhaus aufgetaucht, und erst knapp vor dem 1. November, wo das Gesetz in Kraft treten muss, erst in der späten zwölften Stunde, begannen die Juden die traurige Tragweite dieser neuesten Schöpfung der sozialen Politik Oesterreichs zu ermessen und die Kaufleute veranstalteten Versammlungen und wählten Deputationen, um in ihrer Ohnmacht gegen die Macht des Gesetzes —■ bei der Landesregierung — wenigstens eine nachsichtige Handhabung des Gesetzes durch die entsprechende Einteilung der Arbeitsstunden zu erbitten. Solche Verzweiflungsschritte blieben auch niemals ohne sofortige Wirkung, denn auf jede jüdische Spekulation folgte sofort eine Gegendeputation der Christen mit gar wenig judenfreundlichen Ansprüchen. Vor zwei Tagen ist endlich die Statthaltereiverordnung erschienen, die das Offenhalten der Geschäfte an Sonntagen in den grösseren Städten von 8—11 Uhr gestattet. — Es ist dies eine kleine Konzession nach allen Seiten, für uns ist es die Verkürzung der bisherigen Arbeitszeit um eine Stunde. Dies allein wäre jedoch an und für sich noch nicht so schlimm, wenn nicht das öffentliche Geheimnis uns beängstigen würde, dass die wenigen Arbeitsstunden nichts anderes sind, als ein Zuckerl, das verabreicht wird, um den kranken jüdischen Kaufmannsstand über das Gift der vollständigen Sonntagsruhe hinwegzutäuschen, die in der Gesetzgebung mit Riesengewalt sich bahnbricht. Die Volksvertretung, die für eine echte Volkspolitik allzuwenig reif ist, ist einer vernünftigen Antisemitenpolitik sehr wohl gewachsen und das grosse Wort drin führen die Klerikalen, denen es bloss um das Feiern des katholischen Sonntags zu tun ist und die nicht zum Schutze der Handelsangestellten, sondern vielmehr zur Untergrabung des jüdischen Handelsstandes ihr politisches Gehirn mit den verschiedensten Projekten abquälen. Und an die Rockschösse der Seelenhändler von der „schwarzen Internationale" klammern sich — wie immer, wenn man Gesetze gegen die Juden schmiedet — auch die „freiheitlichen" Demagogen von der „roten Internationale". Welche Folgen die vollständige Sonntagsruhe nach sich ziehen wird, ist für jedermann klar, der es weiss, dass viele Kaufleute ihre besten Abnehmer in den Provinzbewohnern haben, die am Sonntag von der Umgegend nach der Stadt zu kommer, pflegen, um ihre Einkäufe zu besorgen, und sich jetzt allerdings auf andere Weise — meistens zuungunsten der bisherigen Lieferanten — einrichten werden. Die gänzliche Sonntagsruhe wäre ein sicherer Ruin für hunderte von Geschäftsleuten, die noch an der Tradition festhalten und im Winter schon Freitag nachmittags ihre Geschäfte sperren; sie bedeutet auch den Bettelstab für eine Menge von Handelsangestellten, die durch den Bankrott ihrer jüdischen Brotgeber ihre Stellung verlieren würden und sich dann lange — vielleicht vergebens — nach einem anderen Posten umsehen müssten. Deswegen dürfen die Juden, schon von jetzt angefangen, mit aller feurigen Ueberzeugung des Unrechts, das ihnen zugefügt wird, gegen jedwede weitere „Reform" der Sonntagsruhe kämpfen. Die strengste Vorsicht ist hier geboten und den zionistischen Organisationen soll auch daran gelegen sein, das jüdische Volk auf die ökonomische Gefahr aufmerksam zu machen, die ihm bevorsteht. Im Parteileben wird es immer reger. Der Herbst der Jahreszeiten ist in jeder Bewegung der Frühling der Arbeit. Neue Vereine werden gegründet, die eingeschlafenen erwachen wieder, in den bestehenden werden neue Präsidien gewählt, die ein reichhaltiges Tätigkeitsprogramm entwickeln. Allen lebensfrohen und arbeitslustigen Zionisten voran schreitet die akademische Jugend, die für den 5. November einen Zionistentag aller Studenten Galiziens einberufen hat. Unsere jungen Gesinnungsgenossen sind zur Ueberzeugung gelangt, dass sie als zionistische Männer uns nicht viel nützen werden, wenn sie nicht schon als zionistische Studenten in tätiger Arbeit uns beistehen; sie haben eingesehen, dass das lose Herumirren in den einzelnen Vereinen ohne äusseren Zusammenhang miteinander, ohne inneren Kontakt mit der Idee der Bewegung nicht so sehr schaden mag, wie das vertraute Zusammenleben miteinander und das stete Sichanschmiegen an die Idee der Bewegung nützen könnte. Die desorganisierten Elemente sollten sich nun organisieren, sie sollen auch Umschau halten über die bisherigen Leitungen des Zionismus, ihr Verhältnis zur Partei feststellen und ihre Stellung gegenüber der nichtjüdischen und andersnationalen Jugend bestimmen. Zu gleicher Zeit ist das Distriktskomitee in Lemberg mit der Einberufung einer galizischen Landeskonferenz beschäftigt, an der auch manche Mitglieder der in Basel gewählten Propagandakommission teilnehmen sollen. Die so oftmals theoretisch behandelte und vielfach kommentierte „Landespolitik", das Verhältnis zum jüdischen Proletariat, das Verhältnis zum L.-K. in Wien: all dies sind Fragen, die ihrer Lösung harren und endgültig entschieden werden müssen. Die Konferenz soll auch viele unklare Begriffe über den Zionismus richtigsteilen, viele Widersprüche beseitigen, viele absichtlich gefälschte Meinungen auf ihre „ethische" Grundlage zurückweisen. Eben deswegen als auch wegen ihres demonstrativ öffentlichen Charakters wird die Konferenz gewiss von unübersehbarer Bedeutung für die weitere Förderung des Zionismus in Galizien bleiben. Das D.-K. ist sich auch der hohen Aufgabe bewusst, der es sich durch die Einberufung der Konferenz unterzogen hat, und hat bereits bei der am 20. v. M. im Vereine „Dorsche Schlom Zion" stattgefundenen vertraulichen Sitzung der Delegierten aller drei Dristrikte alle theoretischen Vorbereitungen getroffen, um die Jännerkonferenz möglichst ernst und würdig zu gestalten. — Von den akademischen Institutionen hat der Turnverein bereits seine Tätigkeit aufgenommen. Die „Judäa" hat für den Winter eine Reihe von Diskussionsabenden angekündigt und die „Emunah" hat einen Palästinakurs unter Leitung des Gesinnungsgenossen Dr. Korkis eingefühirt. Ausserdem bewähren sich die Mitglieder der letztgenannten Verbindung sehr eifrig bei der Herausgabe der „Moriah", die trotz ihrer Bestimmung, als Jugendzeitschrift zu gelter, ebenso wegen der ernsten Abhandlungen als auch wegen der Aktualität der Fragen, die dort besprochen werden, in der jüdischen Publizistik Galiziens unstreitig eine hervorragende Rolle einnimmt.

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