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Die Welt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 45 „bie & w*it" Seite 9 Die Arbeiter und Handelsangestellten, die in der „Achwah" und im „Poalei-Zion" sich gruppieren, haben behufs besserer Agitation ihre Organisation nach Kreiskomitees eingerichtet; der Agitation für den Zionismus sowie der Aufklärung der Rassen soll auch das Jargonblatt „Der Jud" dienen, das vom Krakauer Distriktskomitee herausgegeben wird. Die Lemberger Toynbeehalle, die die Bestimmung hat, Bildung in unsere weiten Volksschichten zu bringen, hat — wie man jetzt allmählich einsieht — schon am Tage ihrer Entstehung den Zweck verfehlt. Die Frequenz der Vortragszuhöier war zwar stets eine ziemlich ansehnliche, allein die grosse Zah lder Korsomädchen, die dei Toynbeehalle zumeist als angenehme Wärmestube betrachten, kann nicht den Mangel von orthodoxen und Arbeiterscharen ersetzen, die jedweder Kultur am meisten fernstehen und für die eine jüdische Volksuniversität in erster Reihe gedacht sein sollte. Der neugewählte Vorstand muss hierin Wandel schaffen. An Stelle der einzelnen abgerissenen Referate von zufällig aufgefundenen Referenten muss eine geordnete Gruppe von Prolegenten und ein geregeltes System der Vortragsthemata treten; jüdische Geschichte und jüdische Angelegenheiten müssen mehr Berücksichtigung finden; der Tummelplatz für bequeme Rendezvous muss sich zu einem wahren, möglichst unentgeltlichen Volksbildungsheim umgestalten. Dr. Leon Reich. Zirkular des „Schweizerischen Zionistettverband". Basel, Oktober 1905. An die Herren Kultusvorstände, an die Vorstände jüdischer Vereine und an die Herren Rabbiner der Schweiz. Sehr geehrte Herren! Wer heute im jüdischen Leben eine öffentliche Stellung einnimmt, dem ist die „Judenfrage4' eine bekannte Erscheinung. In der „Judenfrage" ist aber das wichtigste Problem die „Judennot". Wir meinen hier weniger die moralische Judennot, die unsichtbaren, dafür aber nicht weniger drückenden Mauern des geistigen Ghettos, die Zurücksetzung von Aemtern und Würden, die gesellschaftlich inferiore Stellung, in die wir gedrängt werden, sondern von der materiellen Judennot wollen wir sprechen, vom Hunger, von den Entbehrungen aller Art, unter denen hunderttausende unserer Glaubens- und Stammesgenossen schmachten, ganz abgesehen von den schrecklichen „Pogroms", den blutigen Judenhetzen, welche den Aermsten der Armen ihr Hab und Gut, ihre Gesundheit und ihr Leben rauben — einzig und allein, weil sie Juden sind. Nun erkennen wir ja gerne an, dass die schweizerischen jüdischen Gemeinden, Korporationen und Private auf dem Gebiete der Wohltätigkeit vieles leisten. Wir unterstützen auch alle die philanthropischen Anstalten, seien sie für Kinder und Greise, für Kranke und Schwache, für Witwen und Waisen oder für Hungernde und Darbende bestimmt. Aber wir wissen auch — und Sie werden uns darin beistimmen müssen — dass durch all diese Institutionen und durch alle gebrachten Opfer, auch wenn wir sie vervielfachen könnten, die „Judenfrage" als solche, die trostlose Lage der jüdischen Massen, die furchtbare Judennot von Millionen des Ostens nicht um Haaresbreite verändert, d. h. gebessert würde. „Dann ist die „Judenfrage" überhaupt nicht zu lösen!" könnte man einwenden. Wir aber sagen: „Sie ist zu lösen," und zwar kann und wird sie gelöst werden durch Umwandlung der gegenwärtigen, ganz abnormen Lebensbedingungen des jüdischen Volkes. Wenn aus einer Grosszahl der jüdischen Kleinkrämer, Hausierer und Paupers bodenständige und sesshafte Bauern geworden sein werden, wenn der jüdische Handwerker, Kaufmann und Intellektuelle sich in normalen Verhältnissen wird ausleben können, wenn dem Volke ohne Land das Land ohne Volk, d. h. Palästina, das Land der Väter, auf das es ein historisches Anrecht hat, wieder gewonnen sein wird, dann wird die „Judenfrage" gelöst, dann, aber auch nur dann wird die spezifische Judennot gehoben sein. Ohne auf die weitere Notwendigkeit und Möglichkeit dieser Lösung des Problems — d. h. auf den Zionismus — heute näher einzugehen, wollen wir nur das eine hervorheben, dass Hauptbedingung zum Gelingen des skizzierten Werkes die Erwerbung von Grund und Boden darstellt, auf dem schon vor Erreichung des Endzieles alle nötigen Vorarbeiten ausgeführt werden können. Eine besondere Institution ist diesem Zwecke gewidmet: der Jüdische Nationalfonds, dessen einzige und unverrückbare Bestimmung lautet: Erwerbung und Bebauung von Grund und Boden in Palästina und seinen Nachbarländern. Diese Ländereien werden für das jüdische Volk erworben und bleiben dessen unveräusserliches Eigenturn, ein Eigentum an Grund und Boden, aus dem auch dem jüdischen Volke wieder einmal alle Arten des menschlichen Glückes erspriessen werden. Man mag sich zu der zionistischen Bewegung stellen, wie immer man will, die Unterstützung des Jüdischen Nationalfonds ist heilige Pflicht jedes Juden und jeder jüdischen Institution. Nicht ein Einzelner ist es, der hier um ein Almosen bittet, es sind Millionen, es ist das ganze jüdische Volk, das von den Wirkungen des Nationalfonds seine endgültige Rettung erwartet. Wir sind der festen Ueberzeugung, dass der blosse Hinweis auf die eminente Wichtigkeit des jüdischen Nationalfonds auch Sie veranlassen wird, demselben Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit und Ihr praktisches Interesse zuzuwenden. Es kann dies in den verschiedensten Formen und bei allen Anlässen geschehen. Vor allem wäre es wünschbar, dass jede Gemeinde und jeder Verein dem Nationalfonds eine jährliche Subvention zuweisen würde, und dass von den Herren Rabbinern bei allen rituellen Anlässen entweder spezielle Sammlungen veranstaltet oder Teilbeträge der allgemeinen Kollekten dem Nationalfonds übergeben werden. Bei dieser Gelegenheit richten wir auch das Gesuch an die wenigen Gemeindevorstände, welche bisher Spenden an der Thora zugunsten des Nationalfonds nicht gestattet haben, solche von jetzt ab nicht nur zu dulden, sondern darauf aufmerksam machen zu wollen. Auch suchen wir hiermit um die Erlaubnis nach, dort, wo es noch nicht geschehen ist, in den Synagogen eine Nationalfonds-Sammelbüchse aufstellen zu dürfen. Noch auf eine andere Institution möchten wir heute Ihre Aufmerksamkeit lenken. Unter dem Namen „Bezale 1" hat sich eine Gesellschaft gebildet welche durch Einführung von Hausindustrien — vorzugsweise Kunstschnitzereien und Teppichwirkereien — in Palästina den dort lebenden Juden Arbeits- und Erwerbsgelegenheiten bieten will. Dadurch soll im allgemeinen das soziale Niveau der zum grösseren Teile blutarmen und fast verkommenen palästinensischen Juden gehoben, und dann auch das beschämende und empörende Berufsschnorrertum, eine betrübende Folge der Chalukah, beseitigt werden. Es ist somit naheliegend, die bisher für die Chalukah gestifteten Beiträge („Cahlogelder") dem „Bezalel" zukommen zu lassen. Damit dies in möglichst weitem Masse geschehe, erbitten wir Ihre geschätzte Unterstützung. Zu jeder wünschbaren Auskunft über die gestreiften Fragen stehen wir mit Vergnügen zu Ihrer Verfügung und wir gewärtigen gerne Ihre gefl. Antwort auf die Sie betreffenden Fragen. Mit vorzüglicher Hochachtung! Schweizerischer Zionistenverband. Der Vorort: Dr. Wormser, Präsident. M. Levy, Aktuar.

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