Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 „bi* * Weit11 Seite 7 die Kolumbus benutzte, stammten beide von Juden, erstere von dem als Mathematiker und Geograph bekannten .lehuda Cresques, letztere von Abraham Lacuto. Ein Neffe des oben erwähnten Gabriel Sanchez war auf der ersten Fahrt Oberaufseher, zwei Aerzte waren Juden und sogar unter den Matrosen befanden «ich zwei, von denen» der eine, Rodrigo de Triana, zuerst Land sah. Ein jüdischer Student, den Kolumbus als Dolmetsch mitgenommen hatte, war wahrscheinlich der erste Weisse, der den Boden Amerikas betrat, da Kolumbus ja im Glauben war, in Indien gelandet zu sein und dem Herrscher des Orients seine Grüsse übermitteln wollte. Es erscheint wie eine Schickung der Vorsehung, dass Juden bei der Entdeckung eines Landes, das Jahrhunderte später vielen ihrer Nachkommen eine Zufluchtsstätte werden sollte, eine so hervorragende Rolle spielten. Entsprechend der damaligen starken Verteilung der Juden auf die romanischen Länder und den hervorragenden Anteil der letzteren an den Entdeckungsfahrten, kamen zuerst Juden aus Portugal und Spanien in den neuen Erdteil, und zwar nach Südamerika. Aus dem Jahre 1548 stammt die erste Nachricht von jüdischen Ansiedlern in Brasilien, die vor der Inquisition aus Portugal geflohen waren. Doch die Unduldsamkeit zog mit ihnen hinüber und viele fielen in der neuen Welt der alten Inquisition zum Opfer. Ais daher die Holländer in den folgenden Jahren den portugiesischen Teil von Brasilien streitig machten, standen die Juden treu und mutig auf der Seite der Holländer. Unter deren Herrschaft entstanden rasch aufblühende Gemeinden, so z. B. in Recife, das 5000 Juden zählte, als es nach mehrjährige m, verzweifeltem Kampfe von -Jen Portugiesen zurückerolert wurde. Ein grosser Teil der jüdischen Bevölkerung kehrte nach Europa zurück, andere gingen nach Westindisn und einige wanderten, in dem Bestreben, unter holländischer Herrschaft zu bleiben, nach Neu-Amsterdam ein. Dies war die erste jüdische Ansiedlung in Nordamerika am 9, November 1654. Einige Monate darauf kam eine grössere Einwanderung und gab damit Anlass zur ersten Erörterung der Beschränkung der jüdischen Immigration. Der damalige Gouverneur Peter Stuyvesant fragte bei der holländischen Regierung an, ob er nicht die Einwanderung von Juden verbieten sollte, und bekam die offene und unzweideutige Antwort, „sein Verlangen lasse sich mit Vernunft und Recht nicht vereinbaren4'. Mit dieser ersten und besten Entscheidung in der Einwanderungsfrage war den Juden offiziell die Ansiedlung gestattet, mit der einzigen Beschränkung, dass sie für ihre eigenen Armen zu sorgen haben. Doch waren sie noch einigen drückenden Beschränkungen unterworfen, wirklich frei und gleichberechtigt wurden sie erst im Jahre 1664 mit dem Beginn der englischen Herrschaft. Seit dieser Zeit konnten die Juden als freie Bürger ihre besten Kräfte ungehindert entfalten und haben auf allen Gebieten Hervorragendes geleistet und sich stets als gute und aufopferungsvolle Staatsbürger erprobt. In den zahlreichen Kämpfen der jungen Republik haben die Juden an Blut- und Geldsteuer mehr als den ihnen zukommenden Teil geleistet. Mehrere Juden waren in hervorragenden militärischen Stellungen; als Beispiel für die Begeisterung, mit der sie sich zum Waffendienste meldeten, wird ein fiSjähriger Jude aus New York, Gomez, angeführt, der als er wegen seines Alters abgewiesen wurde, die spartanische Antwort gab, er könne ebenso gut wie ein Junger eine Kugel aufhalten. Im mexikanischen Kriege, ebenso im Bürgerkriege spielen jüdische Generale eine hervorragende Rolle und zahllos sind die wegen ihrer Tapferkeit belobten jüdischen Soldaten. Auch im letzten Kriege, dem spanischen, gab es einen grossen Prozentsatz jüdischer Freiwilliger, deren Mut und Todesverachtung von hervorragender Seite anerkannt wurde. Zu erwähnen wäre noch, dass sich auch um die Marine ein Jude, der im Jahre 1862 verstorbene Commodore Urich Philipp Levy, besonders verdient gemacht hat. Alle di?se für die Juden in Amerika wichtigen Ereignisse und Namen können aber nicht viel höhere als lokale Bedeutung haben, die wegen der geringien Za'hl der Juden (zur Zeit des Bürgerkrieges J5 000) und der grossen räumlichen Entfernung Amerikas für die allgemeinen jüdischen Interessen keine besondere Wichtigkeit hatte. Als aber infoige der Krise, die über die Juden des Ostens hereinbrach, und infolge der'Verbesserung und Verbilligung der Verkehrsmittel die Einwanderung enorm zunahm, änderte sich die Bedeutung Amerikas für die Juden, und andrerseits, besonders in letzter Zeit, die Bedeutung der Juden für Amerika. New York ist die grösste jüdische Stadt, die je existiert hat, fast der zwölfte Teil der Juden der Welt lebt derzeit in Amerika und eine Einwanderung von jährlich 100 000 Juden ist ein Beweis, dass dieses Land für uns noch stets das ist, was es seit 250 Jahren ist, das Land der Freiheit, das Ziel der Verfolgten. Aber die Stellung der Juden in der öffentlichen Meinung Amerikas beginnt sich langsam zu ändern. Der Aussenstehende, der von der Ferne nur die grossen Strömungen beobachtet, kann diese Stimmungsnüancen nicht wahrnehmen. In der Tat haben noch die Ereignisse des letzten Jahres gezeigt, wie stark in dem Amerikaner das Gefühl für Recht und Freiheit, das Mitgefühl mit dem Verfolgten entwickelt ist. Aber in Amerika beginnen sich die Schäden der „unverdauten Einwanderung", wie es in den Blättern heisst, zu zeigen und unter den Vorurteilen, die gegen die Ausländer herrschen, haben natürlich die Juden besonders zu leiden, weil sie in geschlossenen Massen wohnen, sich nicht oder sehr schwer amerikanisieren, in den Lohnkampf mit der Energie ihrer Rasse und der Genügsamkeit ihres bisherigen Lebens eintreten und überdies noch die religiösen und Rassenvorurteile gegen sich haben. Mit der Zunahme der jüdischen Einwanderung mehren sich auch die Zeichen einer antijüdischen Stimmung und in den jüdischen Blättern sind Berichte über antisemitische Vorfälle zu einer ständigen Rubrik geworden. Die Einwauderungsakte vom Jahre 1905 haben die erwünschte Herabsetzung der Einwanderungsziffern nicht gebracht, daher wird für Ende dieses Jahres eine Konferenz nach New York einberufen, die zweifellos neue Beschränkungen für die Immigration beantragen wird. Die Anti-Immigration League trifft alle Vorbereitungen für diesen Anlass. In der gesetzgebenden Versammlung von Maryland wurde in der letzten Session ein Antrag eingebracht, jedoch abgelehnt, Vorkehrungen gegen die Einwanderung von Negern, Chinesen und Juden zu treffen. In Newr York wurden am zweiten Rosch Haschonoh - Tage 2001) Juden während des Gebetes von italienischen und irischen Arbeitern überfallen und vier von den Angreifern, die verhaftet worden waren, sämtlich freigesprochen. Aehnliche Vorfälle ereignen sich in Mihvaukee. Jüdische Beamte müssen an ihren höchsten Feiertagen ihren Dienst tun, Lehrerinnen sind gezwungen, am Sabbat Prüfungen abzulegen und. in Poughkeepice (New York) fühlt sich sogar die Nachbarschaft eines Tempels durch das Schofarblasen belästigt und sucht durch eine Anklage die Verlegung zu erzwingen. Nächst dem wirtschaftlichen ist die stärkste Spielart des Antisemitismus der gesellschaftliche. Kein Jude, sei er an Geld und Würde noch so hoch gestellt, entgeht diesem. Es gibt Klubs und Hotels, wo kein jüdischer Gast aufgenommen wird, und die Angelegenheit des Dr. Metrie Dewey, der Staatsbibliothekar war und. gleichzeitig ein Hotel nach streng antisemitischen Prinzipien leitete, hat in den amerikanischen Blättern Anlass zu einer erbitterten Kontroverse gegeben. Viele hervorragende Privatschulen sind den jüdischen Schülern verschlossen. Als Dritter im Bunde stellt sich jetzt der religiöse Antisemitismus ein. Da erschien vor einigen Wochen ein Buch von G. H. Warner „The Jewish Spectre" (Das jüdische Gespenst), das, mit Reklame und. Geschick auf den Büchermarkt gebracht, sofort der Mittelpunkt lebhafter Erörterungen und Kontroversen wurde. Auch ohne es persönlich zu kennen, kann man sich aus den übereinstimmenden Kritiken ein Bild seines Inhalts und Wertes machen. Irgendwelche Bedeutung hat das Buch nicht, sondern nur der Umstand, ist wichtig, dass ein solches Machwerk in Amerika erscheinen konnte. Warner ist der Ansicht,