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Die Welt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ISeite 6 „hie # Weith Nr. 45 Schlafe, ein wenig „frische*' Luit zu schnappen. Dazu kommt noch, dass der Sommer gewöhnlich busy time ist und ein grosser Teil der Arbeiter sich auch des Nachts keine Ruhe gönnt, wodurch natürlich auch die Arbeitgeber mehr in Anspruch genommen werden. Mit dem Einzug des Herbstes und seiner stickenden verschiedenfarbigen Nebel, die das Strassenleben Londons unmöglich machen, fällt gewöhnlich auch die fatale slack Zeit zusammen und der Arbeiter hat genügend Zeit für das Vereinswesen und seine Verpflichtungen, sofern ihm dies das während des Sommers ersparte Sümmchen gestattet. Freilich muss hier bemerkt werden, dass der vergangene Sommer eine löbliche Ausnahme bildete, allein das ist dem besonderen Interesse zuzuschreiben, welches durch den letzten Kongress und den Kampf der Meinungsverschiedenheiten in unserem Lager, der hier mit besonderer Schärfe ausgefochten war, geweckt wurde. Die Tätigkeit unserer Vereine hier hat zwar in den meisten Fällen noch keine praktische Form angenonirnen, wie es bisnun ein besonderer Vorzug der englischen Zionisten gewesen ist. Sie beschränkt sich einstweilen gewöhnlich auf Diskussionen über die Beschlüsse des letzten Kongresses und ihre Tragweite für unsere Bewegung und das Wohl des jüdischen Volkes überhaupt, wie über das Verhalten von Zionisten zu der neuen Organisation, die in Basel während des letzten Kongresses aufgetaucht ist und. hier den Sitz ihrer Leitung hat. Es ist jedoch ausser jedem Zweifel, dass diese Debatten, die nach einem Kongresse von so grosser Wichtigkeit unvermeidlich sind, wie immer hier der Fall war, in eine gesteigerte praktische Tätigkeit ausmünden werden. Es wurden bereits einige neue Vereine ins Leben gerufen; eine grössere Organisation ist jetzt im Gange, die, gleich der hier besonders tätigen Heilsarmee, die militärische Organisation sich zum Vorbilde nimmt und alle Aussicht hat, sich zu einem wichtigen Faktor im Leben unserer Vereine auszubilden: die London Zionist League, der die Intelligenz des Westends angehört, hat ihre Tätigkeit wieder aufgenommen und sie dem Publikum durch ein schönes Manifest für den nationalen Zionismus pur sang bekannt gemacht, und die Kaaresssammlung am Vorabend des Versöhnungstages, der eine Massenversammlung im Eeastend voranging, auf welcher Mr. Joseph Cowen als Hauptredner figurierte, ergab auch heuer ein sehr gutes Resultat und legte ein glänzendes Zeugnis ab für die Organisationsfähigkeit von Führer und Masse. Die jährliche zionistische Landeskonferenz, die dieses Jahr eine Woche nach Sukkoth in Glasgow stattfinden sollte, wurde aus verschiedenen technischen Gründen für Ende Dezember verschoben. Bezüglich des Ortes wurde keine Aenderung vorgenommen. In Leeds wird nächstens eine sehr wichtige philanthropische Institution eröffnet werden, die den Namen „The Herzl Memorial Nursing Hörne" führen wird. Diese Institution wurde von unserem Gesinnungsgenossen Mr. Moser J. P. aus Bradford zum Andenken unseres unvergesslichen Führers gestiftet und soll sich zu einem jüdischen Krankenhaus entwickeln, dessen Fehlen in der grossen armen jüdischen Bevölkerung von Leeds so fühlbar ist. Diese grossartige philanthropische Aktion stiess, wie bekannt, anfangs auf grosse Unzufriedenheit, welche sich sowohl in der Presse als in den Gemeindestuben kundgab, einerseits auf Seiten der Gesinnungsgenossen, die die Gründung einer rein zionistischen Institution erwarteten, andrerseits auf Seiten unserer „Jewish Englishmen", die sich an den Gedanken eines j ii d i s c h e 11 Krankenhauses nicht gewöhnen konnten. Mr. Moser versprach auch, das „Home" die ersten drei Jahre allein auszuhalten. Ein anderer Gesinnungsgenosse, Dr. Umansky, der als Arzt des „Home" fungiert, ist die Seele dieser Institution, der er seine ganze Kraft und Energie widmet, damit sie Erfolg habe und den stolzen Namen Herzls in Ehren trage. Arn vergangenen Versöhnungstage wiederholten sich hier die schrecklichen Unordnungsszenen, die im Ghetto Londons seit einigen Jahren Sache einer Mode geworden sind, die jeden Jom-hadin mit einer pedantischen Regelmässigkeit ihren Einzug hält. Unsere „roten .lüdcheir, die in der letzten Zeit von „echter" Volksliebe und „echtem" Nationalismus, die nur bei ihnen, nicht bei den volksverführerischen Zionisten zu finden wären, so viel faseln, halten es für ihre heiligste Pflicht, an diesem von der ganzen Judenheit strengstens gehaltenen Fasttage frivole Bälle zu veranstalten und durch sonstiges arrogantes Benehmen den Fastenden gegenüber die breiten Massen des Fastend so zu empören, dass sich ihre Wut über diese Sakrilegen Gesellen durch eine fürchterliche Prügelei Luft macht. Dieses Jahr haben diese Szenen eine besonders scharfe Form angenommen, obgleich sich die englisch-jüdischen Blätter alle Mühe gaben, das Vorgefallene soviel als nur möglich zu vertuschen und en rniniature auszumalen. Acht Personen sollen mehr oder weniger gefährliche Wunden erhalten haben und ein älterer Herr soll von einem tödlichen Messerstich getroffen worden sein. Die Polizei nahm mehrere Verhaftungen vor, nur waren die Verhafteten merkwürdigerweise meistens Sozialisten. Die Gedenktafel für Colonel A. E. Goldsmid, die morgen in der grossen Synagoge von Dukes Place enthüllt werden wird, ist aus Bronze mit Rahmen aus Eichenholz und trägt folgende englische Inschrift: They go from Strength to Strength. In affectionate and respectful memory of Colonel A. E. W. Goldsmid, M. V. 0., Founder and First eommandant of the Jewish Lads Brigade, who died on April I6th 1904. This tablet was placed here by past and present Non-Commissioned Officers and Lads of the Brigade to perpetuate his memory. — Oktober 1905. —- Generalmajor Sir Alfred Turner, K. C. B., der die Tafel enthüllen wird, ist von jüdischer Abstammung und gehört jetzt dem internationalen Direktorium der Ito an, für welche er durch Miss Carmel Goldsmid, eine Tochter des seligen Obersten, gewonnen wurde. Ein Gottesdienst ist mit dieser Feier verbunden, an welchem auch eine Predigt von Rev. M. Adler stattfinden wird. Bear. Zweihundertundfünfzig Jahre jüdischen Lebens in Ameiika. Ein Vierteljahrtausend bildet selbst im Leben der Völker einen ganz beträchtlichen Zeitraum, in der jüdischen Geschichte, um so mehr, wenn während dieser Zeit keine Unterbrechungen durch Austreibungen vorkamen. Im September 1655 landeten die ersten jüdischen Ansiedler in Neu-Arnsterdam, wie damals New York hiess, und allenthalben rüsten sich die Juden in den Vereinigten Staaten, die 250jährige Wiederkehr dieses Tages festlich zu begehen. Ein grosses Komitee, dem die hervorragendsten Juden Amerikas angehören, hat die Veranstaltung einer würdigen Feier in allen Gemeinden und Vereinigungen übernommen und zur bleibenden Erinnerung die Errichtung eines Denkmais in New York beschlossen. Es ist eine beliebte antisemitische Behauptung, dass der Jude nicht gern als Pionier in neue Länder gehe, sondern lieber die ausgetretenen und gefahrlosen Handelswege wandle, dass er erst dann ins Land komme, wenn es genügend zivilisiert ist und geordnete Zustände aufweist. Einen schlagenden Beweis für die Unrichtigkeit dieser Ansicht bildet die Geschichte der Juden in Amerika. Welchen Anteil die Juden an derselben hatten, hat der jüngst verstorbene Professor Kayserling in seinem Buche „Kolumbus und die Beteiligung der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen" festgestellt. Jüdisches Kapital und jüdische Intelligenz haben Kolumbus seine erste Reise ermöglicht. Die schöne Erzählung von der Königin Isabella, die ihre Juwelen versetzte, um die zur Ausrüstung der Schiffe nötige Summe zu verschaffen, ist von der Forschung als unwahr erwiesen worden. Nunmehr haben zwei hervorragende jüdische Marannen, Gabriel Sanchez und Louis de Santangel, die erforderlichen Geldmittel aufgebracht — da essich um eine Entdeckungsfahrt handelte, keine auf Gewinn berechnete Kapitalsanlage. Die Karten und astronomischen Tafeln*

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