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Die Welt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45 lf5ie Welt11 Seite 5 recht daran, die tiefe, mehr als symptomatische Bedeutung der letzten Studentenkrawalle zu verkennen und die Studenten darob zu höhnen. Gewiss, der heroische Kampf der Arbeiterschaft um ihr politische? Recht lässt sich diesen Raufereien nicht vergleichen. Aber da und dort handelt es sich um Ausmerzung eines alten österreichischen Uebels, das Knechtung, Privilegierung, Zurücksetzung heisst. Die Universität bietet das getreue Spiegelbild österreichischer Verhältnisse. Auf dem engen, heissen Kampfboden der Aula will eine vergewaltigte Majorität gegenüber der terroristischen Minorität den Studenten aller Nationalitäten gleiches Recht und volle Bewegungsfreiheit erkämpfen, Ist dies ein so unverzeihliches, unbegreifliches Streben in der Zeit der historischen Wahlrechtskämpfe, wo die politisch entrechteten Schichten die ihnen zukommende Teilnahme an Gesetzgebung und parlamentarischer Vertretung erringen wollen? Der deutschen Universitätsjugend, die einer bisher wehrlosen und als minderwertig behandelten Majorität gegenübersteht, billigt ein Wiener Journal den Milderungsgrund eines „fehlerhaften Idealismus" zu. Ihre Gegner werden verspottet, weil sie den Geist der nationalen Unduldsamkeit und Ueberhebung aus der höchsten Bildungsstätte des Reiches verbannen und den nationalen Frieden anbahnen wollen. Es ist nicht wahr, dass die nichtdeutschen Studenten dem gigantischen Kampfe des Proletariats untätig oder gleichgültig zusehen. Wer ein freies Oesterreich ohne Privilegien, ohne Bürgerkategorien, ohne Unterdrückung und stete Verbitterung will, muss auch den Kampf der Nichtdeutschen auf der Universität billigen. Das revolutionäre Wetterleuchten, das unser Land durchzieht, hat auch das Dunkel auf der Universität erhellt. So wie das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht der Schlachtruf aller ist, die auf die Gesundung und Konsolidierung Oesterreichs hinarbeiten, so ist auf der Universität die Kampfparole der Nichtdeutschen: Volles und gleiches Recht für alle Studenten! Man demoliert ein Stück des alten, morschen Oesterreich, wenn man die alldeutsche Vorherrschaft auf der Universität in Stücke schlägt. Die Formen des Kampfes, die sicherlich nicht immer akademisch und billigenswert sind, müssen mit in Kauf genommen werden. Aber die Erringung des Kampfpreises — die volle akademische Freiheit und Gleichheit — ist ein Schritt nach vorwärts. Nss. Die Einigung. Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und Berlin am 29. Oktober 1905. Anwesend waren die Herren: Rechtsanwalt Dr. Bo d en heimer, Dr. E.Adler, Dr. Adolf F r i e d em a nn, Rechtsanwalt Gronemann, Rechtsanwalt Dr. Hantke, Dr. KarlJeremias, Dr. Ernst Kalmus, Dr. Alfred Klee, Rechtsanwalt Dr. Leszynski, Julius Simon und Max Wollsteiner. Es fehlten mit Entschuldigung die Herren: Doktor Alfred Elias, Dr. M. Kaufmann, Dr. EmilSimonson und Gustav Wolf f. Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung mit einem warmen Nachruf auf Dr. Oser Kokesch. Das Zentralkomitee fasste sodann folgende Beschlüsse: Zum Vizepräsidenten des Zentralkomitees wird Herr Dr. E. Adler gewählt. Zu Mitgliedern des Pressausschusses werden die Herren Dr. Klee als Vorsitzender, Dr. Jung mann und Dr. Mühsam als Beisitzer gewählt. Das Zentralkomitee trat sodann in eine Beratung über die jetzige Lage innerhalb des deutschen Zionismus ein. In derselben wurde folgende Erklärung verlesen, die der Verband der deutschen Zionisten in seiner Tags zuvor stattgefundenen Sitzung beschlossen hatte: Weil von anderer Seite erfolgversprechende Schritte für Gründung einer autonomen jüdischen Siedlung ausserhalb Palästinas unternommen werden, in denen wir ein zweckdienliches Mittel für Erreichung des zionistischen Endzieles erblicken, sehen wir uns in der Lage, den Widerstand gegen die diesbezüglichen Beschlüsse des VII. Kongresses und die Agitation dagegen einzustellen. Die in dieser Resolution zutage getretene Auffassung vom Wesen, den Zielen und Zwecken der I. T. 0. wird in der Versammlung heftig bekämpft. Nach langwierigen Verhandlungen einigte man sich einstimmig zu folgenden Resolitionen: 1. Das Zentralkomitee begrüsst David Wolffsohn als Präsidenten des engeren Aktionskomitees und erklärt, dass die Beschlüsse des VII. Kongresses vertreten werden. 2. Das Zentralkomitee hält eine Entscheidung des demnächst zusammentretenden engeren Aktionskomitees, dahingehend, dass in Anbetracht der gegenwärtigen Sachlage deutschen Zionisten als Einzelpersonen der Eintritt in die I. T. 0. gestattet wird, für eine wichtige Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenarbeiten innerhalb der zionistischen Bewegung. 3. Das Zentralkomitee stellt die Uebereinstimmung seiner Mitglieder darüber fest, dass, abgesehen von den technischen und wissenschaftlichen Vorarbeiten, eine Tätigkeit der zionistischen Organisation in Palästina erst tunlich ist, wenn dies nach den Landesgesetzen oder mit Zustimmung der Landesregierung möglich ist. 4. Sämtliche anwesenden Mitglieder des Verbandes der politischen Zionisten erklären hierauf, dass sie ihren Widerstand gegen die Beschlüsse des VII. Kongresses und die Agitation dagegen einstellen, und dass sie ihren Verbandsgenossen die Einstellung der Tätigkeit des Verbandes empfehlen werden. 5. Das Zentralkomitee rügt den oft unangemessenen Ton der „Jüdischen Rundschau" und ersucht den Pressausschuss, Abhilfe zu schaffen. 6. Das Zentralkomitee lehnt den Antrag auf Einberufung eines ausserordentliches Delegiertentages ab, da es einen solchen mit Rücksicht auf die im Zentralkomitee erfolgte Einigung nicht für zweckmässig hält. 7. Das Zentralkomitee fordert alle Gesinnungsgenossen auf, wie bisher ihre gesamten Kräfte in den Dienst unserer gemeinsamen Sache zur Erlangung Palästinas zu stellen und die Agitation dafür mit erneuten Kräften aufzunehmen. Bodenheime r, Adler, Friedemann, Gronemann, Hantke, Jeremias, Kalmus, Klee, Leszynsky, Simon, Wollsteiner. Brief aus England. Mit dem Beginn des Winters, der hier heuer sein Debüt etwas frühzeitig gefeiert hat, macht sich auch eine grössere Rührigkeit im Leben unserer zionistischen Vereine bemerkbar. London bietet, wie bekannt, so wenige Tage mit gutem Wetter, dass man unmöglich von den Londonern, namentlich aber von den arbeitenden Klassen, die vom frühen Morgen bis späten Abend in engen, luftarmen Fabriken eingepfercht sind, erwarten kann, nach der schweren, ermüdenden Arbeit des Tages überfüllte Versammlungslokale anstatt ein Stündch&i vor dem

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