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Die Welt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 flbie wtitM Nr. 46 sonderung erhalten, Gezwungenermassen bildet es eine zusammenhängende Masse von gleichem Schicksal, gleicher Entwicklung, gleicher Art, Das Gesetz, das sie wie kluge, gefährliche Tiere behandelte, verbot ihnen die Assimilation, die sie unkenntlich, daher „gefährlicher* gemacht hätte. Im Russland alten Stils war die Ausnahme, was bei uns verbreitete Regel ist, dass nämlich der einzelne Jude den Versuch macht, auf dem Wege der Taufe aus seiner Rasse auszutreten, wie aus einem Vereine, dessen Statuten ihm nicht mehr behagen. Einer Massentaufe russischer Juden aber standen vor allem die nicht genug zu bewundernde Stammes- und Glaubenstreue entgegen. Die organisierte Charakterlosigkeit als Rettungsmittel war und blieb ihnen fremd. Kein Volksstamm der Erde, mit Stolz dürfen wir das aussprechen, wäre, solchem Schicksal, solchen Leiden unterworfen, so aufrecht, so mannhaft, so selbsttreu geblieben, hätte sich mit solcher Hartnäckigkeit die Freiheit gewahrt, bei der Sache auszuharren, die den vielen grausamen Göttern der Selbstherrschaft so gründlich missfiel. Aeusserlich unfrei, innerlich frei — das war das Bild des russischen Juden. Jetzt steht er auf dem Scheidewege und von seiner Entscheidung hängt es ab, ob er auch in der Freiheit seiner Art und seinem Volke treu bleiben oder ob er jenes Bild verkehren und äusserlich frei, innerlich unfrei werden will Die Versuchung wird nicht ausbleiben. Auch ihm wird von unverständigen Freunden ins Ohr geraunt werden, dass seine Stärke gegen den gemeinsamen Feind ihn geehrt habe, seine Schwäche gegen die Bundesgenossen aber ihn nicht schänden könne. Auch ihm wird der Rat werden, das Werk seiner Befreiung so zu vollenden, dass er sein Volkstum abwerfe als das Kle:d, das jahrhundertelang die Zeichen der Knechtschaft getragen. Die Aussicht, in die nationale, politische und Kulturgemeinschaft eines Volkes zu treten, das im Rate der europäischen Völkerfamilie einen geachteten Rang einnimmt, eröffnet sich ihm — diese Aussicht, din schon so viele Juden vor ihm verlockt und dann furchtbar enttäuscht hat. In diesem Augenblicke hat der russische Jude seine Zukunft noch in seiner Hand. Er kann die Gleichberechtigung dazu benützen, durch kosmopolitische Sentimentalität, die dann erfahrungsgemäss in fremdnationale Mitläuferpolitik ausartet, einen Akt der Selbstentmannung zu vollziehen — dann erwartet ihn das Schicksal seiner westeuropäischen Brüder, die heute von der Gnade derer abhängen, denen zuliebe sie ihr Recht der Selbstbestimmung voreilig aus der Hand gelegt haben. Oder aber er versteht und übt seine Gleichberechtigung so, wie sie im Jahrhundert der nationalen Politik allein richtig verstanden und allein nützlich geübt werden kann, d. h. er bleibt mit dem gleichen Rechte wie die anderen hinter der Bastion seiner nationalen Existenz — dann wird er als Lehrer und Vorbild seiner westeuropäischen Brüder den Beweis für das Selbstverständliche liefern, dass kein noch so mitgliederreicher Schutzverein von Staatsbürgern mosaischer Nation, sondern nur nationales Selbstbevvusstsein, nationales Zusammenhalten das gleiche Bürgerrecht zu verteidigen vermag. Die Mauern des grossen russischen Ghettos werden fallen. Wenn aber die Kameraden aus der gemeinsamen Leidensschule ins Freie stürmen, dann dürfen sie sich nicht verlieren, wie es sonst bei Schulkameraden der Fall zu sein pflegt. Sie würden sonst auf Umwegen in die Knechtschaft zurückrennen, in die schrecklichste von allen, die selbstverschuldete, freiwillige. Der blosse Gedanke an eine solche Möglichkeit tut einem weh. Diese Unglücklichen, die Unsagbares gelitten, diese Helden, die die Geschichte ihres Volkes und zugleich die Ge-* schichte der menschlichen Freiheit mit dem unsterblichen Ruhm so vieler Märtyrer und Blutzeugen bereichert haben — möchten sie doch auf dem Scheidewege von einem treuen, wegkundigen Ratgeber geleitet sein! In diesen Tagen erwächst dem russischen Zionismus eine Aufgabe von historischer Bedeutung. In Russland lebt der Hauptstock unseres Stammes. Von den Entschliessungen des russischen Judentums hängt zum guten Tuile die Richtung der Golusgeschichte ab. Wenn es sich vom Zionismus beraten lässt, wird das russische Judentum seine freigewordenen Kräfte dazu benutzen, um jüdische Geschichte zu machen — ihm zum Vorteil und allen zur Ehre. Die russische Revolution hat auch das Judentum auf den Scheideweg gestellt . . . Dr. B. Fs. Politische Rundschau. Der 6. November wird in der Geschichte der Wiener Universität als historischer Tag zu gelten haben. Als Ehrentag der gesamten nichtdeutschen und besonders der jüdischnationalen Studentenschaft, welche würdig und eindrucksvoll für die akademische Freiheit und ihre nationalen Rechte auf akademischem Boden demonstrierte. Der Bann ist gebrochen, der akademische Behörde n und nichtdeutsche Studenten bisher vor dem brutalen Terrorismus des alldeutschen Aulamobs zurückweichen hiess. Es musste endlich so kommen und die enge Koalition fast aller nicht unter alldeutschem Kommando stehenden Studentengruppen hat gezeigt, wie sehr die Deutschnationalen den Bogen überspannt haben. Am Montag ward dem zügellosen Terror auf der Wiener Aula ein energisches Halt geboten. Der deutsche Charakter der Universität wird nicht angetastet, wenn dem chauvinistischen Getue einer überradikalen Gruppe ein Riegel vorgeschoben wird. Die bisherigen Zustände, die in den letzten Jahren dank der schwächlichen Haltung von Rektoren und Professoren, dank der Favorisierung durch die liberale Tagespresse, dank der Zersplitterung der nichtdeutschen Studenten eingerissen sind, waren ein Hohn auf Universität und Deutschtum. Eine Bildungsstätte deutscher Kultur und Gesittung sollte sie sein und zum Tummelplatz alldeutscher Politik und Pöbelei ist sie herabgewürdigt worden. Die jüdischnationale Studentenschaft ist nicht um Haaresbreite abgewichen von dem allgemein zionistischen Grundsatze vollster Neutralität im fremdnationalen Kampfe, sie hat sich für und gegen nationale Forderungen anderer Gruppen nicht engagiert. Sie ist in die Koalition eingetreten in der Ueberzeugung, dass eine weitere stillschweigende Duldung der deutschnationalen Ueberhebung und Herrschsucht unwürdig und feige wäre. Wir können stolz sein auf unsere Studenten, welche sich in der Koalition als bestorganisierte, verlässlichste Gruppe erwiesen haben. Es bat sich gezeigt, dass die überwiegende M<#irheit der jüdischen Universitätshörer der jüdischnationalen Fahne folgt und das blau-weisse Abzeichen als das stolze Merkmal selbstbewussten Judentums mit Begeisterung trägt. * * * Ein Universitätsfunktionär hat anlässlich der letzten Aulakrawalle auf die rege Wechselwirkung hingewiesen, die zwischen den Vorgängen auf den Wiener Strassen und der Aula bestehen. Die „ Arbeiter-Zeitung" tut un-

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