Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 45 „bi* $ W^lt11 Seite 3 sehen Brüder; löwenmütig sind sie zum Selbstschutz aufgestanden, sie haben ihre Namen neben die der Makkabäer gestellt, deren Heldentaten wir in wenigen Tagen gedenken werden. Aber was nützte alle Tapferkeit vor dem Anstürme der Masse? Der Masse — das will viel und Trauriges sagen. Man spricht ja immer und ewig davon und unsere westlichen Auchjuden unterstreichen es so gerne zur Entschuldigung ihres Selbstbetruges, dass all die Pogroms von der Regierung angestellt wurden. Das soll heissen, dass mit der Aenderung der Regierung sich bald auch das im Moment allerdings beklagenswerte Schicksal der Juden ändert. Wie kommt es aber, dass die Regierung immer so unheimlich rasch, unheimlich viele und unheimlich bereitwillige Helfershelfer findet? Gibt es einen klareren B aweis dafür, dass die rohe Volksmasse auf Jahrzehnte hinaus mit der wildesten Judenfeindschaft gesättigt ist? Und nun, da die Regierung sich bis zu Witte geändert hit, da sie in rosigster Geberlaune verfassungsmässiger Völkerfreuden sich befindet, da die Freiheitskämpfer Nebenkommandanten sind; was haben eigentlich die Juden Russlands für ihre Zukunft von den Regierungen zu erwarten, da im günstigsten Momente Mord und Totschlag ihr Teil war? Wird Russland jemals auch für die Juden liberal werden? Ein Verfassungsmanifest ist draussen, das aus lauter ungelösten Rätseln besteht. Warten wir, was die Duma uns schenkt, warten wir, was der unabänderliche Wille des Zaren dazu meint, warten wir, was uns das Volk und die Regierung Russlands in Gnaden zu schenken bereit sind, wrenn sie die Gnade haben werden, der Gemetzel müde zu sein, Wir haben die Kühnheit, uns trotz der vielen tausend frischen Gräber, trotz der immensen Opfer, die uns der russische Freiheitskampf wie jeder andere gekostet hat, in einen Strudel der Hoffnungen zu stürzen, wir Avollen prophetisch Russland schon nach Europa, die russischen Juden in das Schicksal der deutschen und österreichischen versetzen. Beneidenswerte! Wir trauen uns zwar nicht, in einer christlichen Gesellschaft den Mund aufzumachen, jeder Bube zerrt zwar unsere Ehre in den Staub, aber unsere Fenster werden selten eingeschlagen und bis auf einzelne Ritualmörder sind wir ziemlich sicher. Aber diese Phantasie braucht noch mindestens zehn Jahre. Und diese zehn Jahre werden ausgefüllt sein von den Klagen über die Menschenopfer, die das letzte Unglück gekostet hat, das noch gar nicht zu Ende ist, von der Furcht vor neuen Schlägen und von den Bemühungen, der hervorgerufenen furchtbaren Armut womöglich Hilfe zu bringen. Aber nur weiter in der braven Unverdrossenheit des Zuwartens! Unsere reichen Führer halten das schon aus. Sie finden es schon für herrlich, wenn das Allerärgste überwunden ist. Und das hoffen sie trotz der Massenmorde in Russland. Die Verfassung ist ja da! Die Juden Russlands werden den Ansiedlungsrayon wahrscheinlich doch bald verlassen und sich bald unter der Menge zerstreuen, die ihnen so gut gesinnt ist. Rumänien hat zwar auch Verfassung und Galizien auch. Oesterreich auch und Deutschland auch. Ueberall wird's vielleicht erträglich sein oder auch nicht, wie eben unsere Herren wünschen. Es sind zwar jetzt wieder Millionen jüdischen Eigentums der Ungnade zum Opfer gefallen, wir sind zwar die verhältnismässig grössten Steuerträger fremder Staaten, unsere Männer fallen in fremden Kriegen und Slrassenkämpfen — aber der erste Referent am deutschen Judenlage, Justizrat Dr. Fuchs, betonte seinen Gegensatz zum Zionismus trotz allem und allem. Der Mann hat jetzt in Russland gefehlt. Der Mann hat Mut. J. U p f i m n y. Der russische Jude auf dem Scheidewege. Noch ist das Ende der russischen Revolution nicht abzusehen. Aus einer einheitlichen Bewegung gegen die Regierung hat sie sich zu einem schrecklichen Kampfe der einzelnen Bevölkerungsschichten untereinander entwickelt und aufgelöst. Wie das Chaos geschlichtet werden mag, weiss keiner. Nur die eine Hoffuung bleibt aufrecht, dass die durch die Revolution errungenen Freiheiten nicht mehr untertauchen werden. Nach einem Interregnum blutbesprengter Verwirrung wird der grosse Tag der Freiheit über Russland aufgehen. Es hat keiner den pessimistischen Mut, an dieser Zukunft zu zweifeln, wrenn auch die Vorzukunft die armen Harrenden, besonders die Juden, mit grausamen Prüfungen anfällt. Die Juden zahlen nach dem uralten Gesetz ihres Schicksals einen höheren Preis für ihre Befreiung als die anderen; darum verspätet sich der Termin für ihre Blutsteuer und sie werden noch zahlen und bluten, wenn die andern schon beim Friedensmahle sitzen. Aber schliesslich müssen und werden auch die russischen Juden frei sein. Und unsere Geduld prüft Umfang und Folgen dieser Freiheit schon heute. In einer von uns bereits reproduzierten Aeusserung hat Graf Witte die Erteilung der Gleichberechtigung an die Juden in sichere Aussicht gestellt und freimütig erklärt, dies sei die einzig mögliche und richtige Lösung der Judenfrage. Man hat vorläufig keinen Anlass, den Worten und Absichten Wittes zu misstrauen. Ein Verrat seitens der Kameraden, an deren Seite die Juden für die Befreiung Russlands gekämpft, ist ebensowenig zu befürchten. Man darf also mit einem starken Grade von Sicherheit von der Voraussetzung ausgehen, dass in naher Zeit der russische Jude gleichberechtigter Bürger des neuen Russland, mit anderen Worten, dass die gegen die Juden gerichteten Ausnahmsgesetze, die bisher in Geltung waren, aufgehoben sein werden. Die erste sichtbare Folge davon wäre die Befreiung der russischen Juden aus der Zusammenpferchung in den Hungerquartieren des Ansiedlungsrayons, ihr Recht, überall in Russland wohnen und ihr Brot verdienen zu dürfen. Der staatliche Zwang zum Verelenden hört auf, die .notwendigste Bedingung der wirtschaftlichen Entwicklung ist gegeben. Der Kerker, zu dem Passamt und Gendarmerie den Schlüssel hatten, ist geöffnet und mit Rührung sieht die Welt den unendlichen Zug der Gefangenen ins Licht treten und sich im Freien verstreuen. Aber neben der Rührung ergreift den einsichtigen Beobachter auch eine bange Sorge, eine liefe Angst, die zu der Frage drängt: was wird der russische Jude mit der neuen Freiheit anfangen? Denn das eine ist uns. die wir schon länger die Segnungen und Tücken verfassungsmässigen Lebens kennen, ohne weiteres klar; So wenig die Freiheit ein Geschenk ist, das man kampflos erhält, so wenig ist es ein Gut, das i nveränderlich und ohne nachdrückliche Verteidigung im Besitze des Bürgers bleibt Ist sich der russische Jude schon klar darüber, dass es auch eine scheinbare Freiheit gibt, die demoralisierender wirkt als wirkliche Unfreiheit? Dass nur die gesetzliche Freiheit ein Erfolg des Kampfes, die wirkliche Freiheit aber der Lohn der Wachsamkeit und Selbstentwicklung ist? Kurz und gut, hat der russische Jude aus den traurigen Beispiel« n Westeuropas gelernt und kennt er die Gefahren, denen er entgegengeht? Der russische Jude geht auf dem Scheidewege. Die R^gierungsgrundsätze des jetzt beseitigten Systems haben das jüdische Volk in Russland in nationaler Ab*