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Die Welt · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „bi* <* W^H1' Nr. 45 An die Mitglieder des grossen A,-C. und die Landesorganisationen. Dar Präsident de» A.-C, Herr D. Wolffsohn, hält zur Zeit mit anderen Mitgliedern des A.-C. und Delegierten aus Russland in Berlin Konferenzen ab, die sich ausschliesslich mit der russischen Katastrophe beschäftigen. Das engere A.-C. hat energische Schritte unternommen, um unseren gefährdeten Volksgenossen in Russland in ihrer jetzigen bedrohten Lage nach Kräften beizustehen, und ist in dieser Richtung unausgesetzt tätig. Gesinnungsgenossen! Wir fordern euch auf, unverzüglich öffentliche Versammlungen und Kundgebungen zu veranstalten, Sammlungen einzuleiten und hierbei die weitesten jüdischen Kreise heranzuziehen. Als Zentralen für die Entgegennahme von Beiträgen fungieren die Jüdische Kolonialbank und die Sammelstellen für den Nationalfonds. Kundmachung. Wahrscheinlich am Donnetstag, den 16. d., findet ein« von sämtlichen jüdischen Korporationen veranstaltete Versammlung statt, in welcher die Wiener Judenschaft Gelegenheit haben soll, Ihren Schmerz über unser grosses Unglück zu manifestieren. Kein Jude sollte dieser Versammlung fernbleiben, sondern durch seine Anwesenheit den Appell an die Menschlichkeit verstärken helfen, den wir an die Oeffentlichkeit richten wollen. Mittwoch, den 15. d., soll in sämtlichen Wiener jüdischen Gotteshäusern zur selben Stunde ein Trauergottesdienst für die Opfer barbarischer Grausamkeit abgehalten werden. Kein Jude versäume seine Pflicht des Beitragens zur momentanen Abhilfe schrecklichster Not. Die Administration „Die Welt", Türkenstrasse 9, nimmt Spenden gegen Ausweis entgegen. Odessa, 7. November (Orig.-Tel.) Während fünf Tagen wfliete hier furchtbarer Pogrom. Ueber viertausend Juden getötet, tausende verwundet, zehntausende Existenzen vernichtet. Elend unbeschreiblich. Laut telegraphischen Nachrichten passiert gleiches In vielen* anderen Städten. 0 dte s> a>/^Z;i> n i> t e n k o m i t e e. Aehnliche Depeschen mit schrecklichem Inhalt und gebieterischem Notschrei sind der Redaktion nach Schluss des Blattes zugekommen. Die Schlacht von Odessa. Eine Märtyrerzeit wie die syrische ist über uns gekommen, zu Tausenden fallen wieder die Blutzeugen des Judentunis. Unser Herz, das bei den Blutstellen unserer Geschichte langsamer aus Mitgefühl des wehen Leides und schneller aus Aufregung schlug, erlebt nun schaudernd in seinen Tagen all die Gräuelszenen aus den Klagen der Kinnoth, alle Grausamkeiten des Mittelalters. Wir fluchen unserer Ohnmacht, die uns nur mit dem Gefühl und Geiste dort sein lässt, wo der FamilienTater mit Axt und Schusswaffe an der Schwelle seiner Wohnung steht und über seine Leiche weg der Pöbel über die Frau stürzt, während die Kinder von tierischen Mordbrennern trotz Sträubens und Jammerns aus den Fenstern heraus in die Flammen, in die Sensen geworfen werden; wir können nicht dabei sein, wie in grausenerfüllten Tagen und feuererhellten Nächten brüllende Banden unter Gewehrgeknatter durch die Strassen ziehen als unbarmherzige Henker all der Juden, die in ihre Hände fallen; wie die Flüchtlinge in den Synagogen den elenden Tod des Scheiterhaufl-ns erleiden. Kommt es dagegen in Betracht, dass die Juden ganzer Städte zu Bettlern .gemacht wurden? Sprechen wir nicht von den zugrunde gegangenen Millionen unseres Geldes vor der Heiligkeit unserer tausend er toter Brüder, an denen die verruchte Phantasie des Mörderwahnsinns zur phantastisch grausamen Tatsache wurde. Die erste Woche des Matcheschwan wird uns eine neue Trauerwoche, der Novemberanfang 1905 erhielt Trauerembleme in unserem historischen Kalender. Nicht ein kurzes Aufflammen gewalttätiger Niedertracht war es, wie es unser Sklaventum schon zur Gewohnheit machte, es war ein Vernichtungskampf. Fünfmal vierundzwanzigStunden raste der entfesselte Pöbel inOJessaallein, wo die Juden einen an Zahl und Kraft mächtigen Teil der Stadt bilden, wo sie die meiste Unterstützung an den Aufgeklärten fanden, wo ihre Selbstwehr am besten organisiert war. Wie ist es erst denen in den vielen Städten und Orten gegangen, wo die Kraftlosigkeit der Angegriffenen die Wut des Schicksals noch erhöhte? In ein paar dürren Zeilen der russischen Korrespondenz ist ein unendliches Unglück des jüdischen Volkes geschildert. Das Telegramm dieser Korrespondenz vom Sonntag, nachmittags 3 Uhr, besagt: „Aus Saratow, Kasan, Kiew, Odessa, Kischenew, Rostovv, Minsk, Tomsk, Bachmut, Feodosia, Jaroslaw, Mariopol, Elisawetgrad und vielen anderen Plätzen liegen Nachrichten über Judenmassakers vor. Sogar in den offiziellen Berichten wird zugegeben, dass eine u ngeheure Zahl von Personen ermordet oder verwundet wurde. Die Verluste an Werten sind unberechenbar, jedenfalls aber gehen sie in die Millionen. Die reaktionären Elemente betreiben offen oder geheim die antisemitische Agitation. Die Stellung der Behörden ist zweideutig. Es werden hier in Petersburg bei der Regierung lebhafte Vorstellungen gemacht und es liegen auch von ihrer Seite; Versprechungen vor. Soeben läuft noch ein Telegramm aus Solotonosch ein; nahezu der ganze Ort ist zerstört, 500 Familien sind obdachlos; allenthalben übersteigt die Not alle Grenzen." Zu jedem dieser Ortsnamen gehören hunderte Namen unserer toten Brüder, zu jenem Odessas tausende. Wie, tönt nicht e i n Schrei des Entsetzens durch die gesamte Presse des zivilisierten Europa, drängt nicht die brausende Entrüstung der öffentlichen Meinung die Regierungen stürmisch zur Intervention? In den Jännertagen, als die armen Arbeiter Petersburgs mit Salven empfangen wurden, flogen hier die Extrablätter durch die Strassen, schraubten die Leitartikler ihre Empörung bis zur höchsten Grenze der Möglichkeit. Nun genügen die Erzählungen der notwendigsten Telegramme; kein Publizist, kein Politiker, kein Parlament fand ein Wort für diesen neuen Massenmord an Juden. Für China, für die Türkei, selbst für die Hottentotten nehmen die Regierungen den Mund voll mit der Kulturlüge, nur die armseligen Juden lässt man im unerhörtesten Massaker der Neuzeit in barbarischer Gleichgültigkeit wie Tiere hinschlachten, während man — aus Gründen erlogener Humanität das Schächtverbot bestätigt. Hat man nicht neulich für die Handvoll Kutzowalachen interveniert? Versorgt man nicht die Makedonier mit Liebe und Güte und Waffen? Die paar Millionen, die aus Marokko zu holen sind, haben beinahe einen Weltkrieg entzündet — fünf Millionen Menschenleben und ihr Eigentum sind vogelfrei, wenn sie Juden gehören. Ein allzu schwacher Trost in diesem Elende, dessen Nachrichten uns vor Aufregung schütteln, ist die Tapferkeit der Angegriffenen. Sie haben sich nicht wie Lämmer abschlachten lassen, unsere herrlichen rus'si-

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