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Die Welt · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 Mbk *> w*it" Nr. 44 handelt in einem „Wir und die Zionisten4 betitelten langen Leitartikel das Verhältnis dieser Gruppe zum Zionismus. Wer Gelegenheit hatte, die feindselige Haltung und Argumentation tschechischjüdischer Assimi'lanten gegenüber der zionistischen Bewegung in den letzten Jahren zu beobachten, wird mit Genugtuung konstatieren müssen, dass auf dieser Gegnerseite trotz aller verschrobenen Urteile und Missdeutungen etwas mehr Verständnis für die Judenfrage und wärmeres jüdisches Gefühl Platz gegriffen hat. Wie sieh überhaupt gerade die „Rozvoj'-Assimilanten bemühen, mit Ernst und Interesse allen jüdischen Fragen näherzutreten! Der Zionismus hat sie es langsam gelehrt. Sie verstehen ihn zwar noch lange nicht, aber befassen sich sehr eingehend mit ihm. Wenm ihnen seine A<iitationskraft und volkstümliche Basis imponieren, wie der Leitartikler eingesteht, ist das kein Wunder, denn sie sehen mit eigenen Augen, wie er den Assimilanten beider Landessprachen immer mehr Terrain abgewinnt. In einer früheren Nummer entlockt die Gründung einer zionistischen Ortsgruppe in Nachod dem Blatte den resignierten Stossseufzer: „Unsere tschechischjüdische Intelligenz ist wie vom Erdboden verschwunden." Es steckt ein guter Witz darin, dass in derselben Notiz jene Ortsgruppe ein „Asyl für national indifferente Juden" genannt wird. Unverbesserliche Schwärmer! Eine nationale Bewegung erscheint dem leitartikelnden Ethiker, der nur in der Reform der jüdischen Religion und in der Besserung galizischer und ungarischer Juden das Heil des Judentums erblickt, in unserer Zeit aLs „absoluter Anachronismus". Die moralische Begründung fehle der jüdischen Renaissancebewegung, weil sie nur materielle Endzwecke hat und die jüdische Nation nicht die Trägerin höherer geistiger Ideen sei. Der Mann leidet an der fixen Idee, dass im Zionismus ethische und moralische Beweggründe prinzipiell ausgeschlossen sind. Palästina verurteilt er natürlich als das unfruchtbarste Land, ohne Eisen, ohne Kohlen, ohne Regen, ohne Wälde'r, ohne Fassungsraum für 12, sage zwölf Millionen Einwohner „Alles oder nichts'4 ist sein Motto. Besonders scharf hat es der schreibselige Leitartikler auf die galizischen und ungarischen Juden, mit denen er wohl jede Solidarität als kulturelle Erniedrigung ablehnt, die er aber gebessert wünscht, um für ihre Fehler nicht mitverantwortlich gemacht zu werden. Es ist seine zweite fixe Idee, dass die Zionisten jüdische Fehler ä tout prix decken und von Selbsterkenntnis den Juden abraten. Nur nebstbei sei erwidert: So unerbittlich, scharfe und strenge Kritik an den Juden und ihren Schwächen ist von antizionistischer Seite kaum noch geübt worden. Aber stumpfsinnig wäre es, für berufliche Gliederung z. B. oder Zustände, die mit Notwendigkeit aus dem wirtschaftlichen und politischen Milieu heraus sich entwickeln, die Juden zur Verantwortung zu ziehen. In jedem Lande sind heute die Juden das Produkt der Umgebung und stehen dort, wohin sie ihre und dieses Landes Geschichte gestellt hat. Hierzulande können nicht wir allein unsere Existenzbedingungen schaffen und entscheidend beeinflussen. Jedenfalls ist das Argument, dass die Zionisten den Juden schmeicheln und um die Volksmoral sich überhaupt nicjit kümmern, originell. Man hat uns bisher als Oppositionelle gehasst und Unruhestifter genannt. Im „Rozvoj"4 wird die Taktik geändert. Es muss den Herren sehr schlecht gehen in Böhmens Gauen droben, wenn der Artikel in den Verzweiflurigsschrei ausklingt: „Die Zionisten sind dank ihrer Schmeicheleien geliebt und wir in Ungnade, sie erobern stets an Boden und wir verlieren ihn,' Schmeicheleien, geliebt — nicht lachen, ihr Besserinformierten! Der Gute übertreibt in seiner Angst vor der zionistischen Flut, sieht das Ende der tschechischnationalen Asshnilantenbewegung herannahen. Nicht immer waren ihre publizistischen Wortführer so kleinmütig und erkenntnisnahe. Eines sei zugestanden: Die Leute in und um den „Rozvoj" sind unsere unsympathischesten Gegner nicht. Nicht alles Jüdische ist ihnen fremd. Wir können aus dem Leitartikel" trotz alledem die Hoffnung schöpfen, dass sie besserungsfähig sind. Gelegentlich einer Polemik präzisiert „Egyenlöseg" seine Stellung zur Wahlrechtsbewegung. Ganz auf dem löblichen Standpunkte des Altruismus stehend, entpuppt sich Herr Szabolcsi als entschiedener Anhänger des allgemeinen Wahlrechtes und tritt mit aller Verve für die Einführung desselben ein. Er schreibt: .Jen verstehe mich nicht auf die Politik und kann es nicht begreifen, inwiefern es meinem Vaterlande schaden würde, wenn zwei Millionen unzufriedener Menschen zufriedengestellt würden, und inwieweit es ein Malheur wäre, wenn diese, die einen beträchtlichen intelligenten und im übrigen auch gewichtigen Teil der Bevölkerung repräsentieren, jedoch keinen Einfluss auf die Verwaltung des Landes ausüben, in Zukunft bei einer Abgeordnetenwahl so stimmen würden wie wir, resp. nur denselben Einfluss auf die Gesetzgebung hätten wie wir. Vielleicht können nur wir allein gut walten, sie nicht? Ist es nicht klüger und besser, wenn mehr Faktoren in der Gesetzgebung des Landes in Frage kommen? Kettet sie dies rieht fester an die Nation und ist die Wahl nicht besser, an welcher 10 000 teilnehmen, als die, an welcher eine geringere Zahl teilnimmt? Und gibt ein solches Parlament, welches von drei Millionen Bürgern gewählt wird, nicht eher die Stimmung des Landes wieder als das, wekhes bloss 800 000 repräsentiert?4' Bezüglich der Frage, ob das Parlament ein magyarisches sein werde, äussert er sich folgendermiassen: „Ungarn hat den nichtmagyarischen Nationalitäten viel grössere Rechte gegeben, wie jeder andere Staat Europas, in dem es ausser der herrschenden Nation noch Nationalitäten gibt. In Ungarn bestehen unter anderem mehrere tausend Schulen, in welchen die Unterrichtssprache nicht die Staatssprache ist und in denen man die magyarische Sprache zum mindesten nicht mit Erfolg lehrt. Davor, wo'für es in keinem parlamentarisch regierten Staate kein Beispiel gibt (?), hütet man nicht das Magyarentum; doch fürchtet man sich, das Recht zu geben, welches sogar in Deutschland besteht, wo man die Nationalitäten mit Hilfe der Staatsinstitutionen ihres nationalen Besitzstandes beraubt. Ich frage nun: War der Staat magyarischer, als nur wenige das Wahlrecht ausübten, als sich in den Händen des Adels jegliche Rechte befanden? Ist nicht um so grösser und mächtiger ejn Staat, auf je grössere Massen er seine Rechte ausbreitet, je geringer die Zahl der Ausgeschlossenen und zur Unzufriedenheit Berechtigten ist? Hat die Geschichte und das Beispiel der zivilisierten Staaten denn Einfluss? Schon die Bibel lehrt, das gleiche Recht möge herrschen für jedermann im Lande.* Welche Gerechtigkeit ist es, dass die arbeitenden!, produzierenden Massen 'keinen Einfluss auf das Land, das sie ejrhalten, ausüben? Das ist eine römische Auffassung, die nur den als Herrn gelten ilässt. der nicht arbeitet. Auf den Arbeitenden hat man herabgesehen und ihn seiner Rechte beraubt ... Es ist im übrigen unbegreiflich, dass man nicht einsieht, dass nicht nur die Nationalitäten, sondern auch hunderttausende von Magyaren vom Wahlrecht ausgeschlossen werden. Denn die Magyaren sind im Land in der Majorität, also auch in den Klassen, welche jetzt vom Wahlrecht ausgeschlossen sind.'4 Nur eines vergisst Herr Szabolcsi zu beantworten: Was wird mit den Juden geschehen? Welche Vorteile werden sie von dem allgemeinen Wahlrecht haben, ausser dem Ruhm, wenig an sich und mehr an die anderen gedacht zu haben? Register zu den Protokollen der Zionistenkongresse I—VI. Von Hugo Schachte iL Kommissionsverlag: „Jüdischer Verlag4', Berlin. Das Büchlein, eine überaus fleissige und langwierige Arbeit, füllt zweifellos eine fühlbare Lücke aus und ist eine wertvolle Ergänzung zu den Kongressprotokollen, die jetzt für den zionistischen Praktiker und Theoretiker an Wert und Gebrauchsmöglichkeit gewinnen. Die Einteilung des Registers ist sehr zweckgemäss. Das ungeheure Material, das alle Gebiete des Judenproblems umfasst, ist nach folgenden Hauptgesichtspunkten geordnet: Zionismus, Lage der Juden, Organisation, Aktionskomitee, Kongress, Palästina, Kolonialbank, Nationalfonds, Gegenwartsarbeiten, Geistiges Element im Zionismus, Wirtschaftliche Gegenwartsarbeit, Körperliche Hebung, Politische Fragen. Ein allgemeines Sachregister und ein „Sprechregister" — die Namen der Kongressredner — bilden die nächsten Abschnitte. Dem Register folgt eine kurze bibliographische Zusammenstellung der Palästina-, Orient- und Kolonisationsliteratur, wie sie von der Palästinakommission veröffentlicht wurde. Obwohl sehr unvollständig, ist sie immerhin am Platze. Es wäre empfehlenswert, mit dem nächsten Register, das auch ein Verzeichnis aller bisherigen Kongressdelegierten mit biographischen Angaben bringen soll, statt dieser Zugabe von zweifelhaftem Wert eine vollständigere Bibliographie Palästinas und eine möglichst genaue Zusammenstellung der zionistischen Literatur zu verbinden. Die Anschaffung des Schachteischen Büchleins ist für zionistische Bibliotheken und Besitzer der Kongressprotokolle selbstverständliche Notwendigkeit. Leider sind letztere zum Teile schon vergriffen. Wäre eine Neuauflage nicht möglich? —ss— W«Jt» SbroniH. Die deutsche Diplomatie und die Kutzowalachen. Eine sehr treffende Bemerkung macht die „Frankfurter Zeitung" anlässlich des Eintretens der deutschen Diplomatie für die Rechte der Kutzowalachen, eines unter türkischer Hoheit stehenden rumänischen Volksstammes, indem sie u. a. schreibt: „Das Eintreten der deutschen {Diplomatie für die Kutzowalachen ist sehr bemerkenswert. Als vor einigen Jahren die Vereinigten Staaten von Amerika im Namen

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