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Die Welt · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr.,44 flbie $ W^lt" Seite 9 und Kritik» Liberale Denkart äussert sich da sehr deutlich. So waren und sind sie alle, die liberalen Führer von Schlesinger bis zu Pergelt, vom Landesausschussbeisitzer, der Juden nicht anstellte, bis zum Abgeordneten, der mit ihnen in einem Klub zu sitzen sich weigert. Die Drohung, mit der Herr Professor Rauchberg seinen Angstgefühlen Luft macht, wird nicht verfangen* Die Alternative „Deutsch oder Tschechisch", vor die er die Juden, weil er ihre kommende nationale Stellung und Entwicklung von Grund aus verkennt, gestellt sieht, ist gar nicht die letzte Eventualität. Nur ihre strikte Neutralität im nationalen Streite der anderen, die ihre nationalen Schlachten gefälligst mit eigenen Mannschaften, nicht mit gedungenen oder gezwungenen Landsknechten schlagen mögen, ist der beste und erfolgreichste Ausweg. Der einsichtsvolle, jüdisch denkende Teil der böhmischen Juden hat ihn auch als einzig gangbaren erkannt. Er hat schon gewählt — durchgreifend und endgültig. Er organisiert sich auf nationaljüdischer Basis und echauffiert sich nicht mehr für den nationalen Besitzstandkoller, der die Sudetenländer erfasst hat. Mit anderen Worten : Die odiose „Deutsche Tradition" ist uns Hekuba. M o r a v u s. Brief aus Budapest Unsere Bewegung hat in ganz Ungarn, vor allem aber in der Hauptstadt des Landes, einerseits den bis zum Lächerlichen gesteigerten ungarischen Chauvinismus, andrerseits dengrossen Indifferentismus für alles, was jüdisch ist, im Wege. Im Geiste der grossen Pester israelitischen Gemeinde wird die jüdische Seele damit beruhigt, dass man kleinere oder grössere Gaben irgend einem israelitisch genannten Wohltätigkeitsinstitut einmal im Jahre vor der Thora zugute kommen läset. Bevor sie sich mit der allgemeinen jüdischen Frage befassen, wird ihr ungarisches Gewissen befragt und sie bekommen die Antwort, dass die Verwandtschaft der Eeligion keine ausreichende Ursache ist, sich um Untertanen fremder Länder zu bekümmern. „Die Katholiken Ungarns kümmern sich ja auch nicht um ihre katholischen Brüder, die in Frankreich wohnen". So lautet ihre gewöhnliche Antwort, wenn man mit ihnen über Zionismus sprechen will. Oder „meineWeste steht mir näher als mein Bock", befassen wir uns also lieber mit der Frage der Szedier oder Csangös als mit den russischen Juden, die ohnehin nicht arbeiten wollen. Wenn auf den Donaudampfschiffen oder auf den Zügen der Budapest-Predealer Linie der Strom der rumänischen Judenwanderung nach Budapest gelangt, dann kommt das „jüdische Herz" in Bewegung, es wird gesammelt mit Händen und Füssen, jüdische Abgeordnete und Redakteure interessieren sich stark für die armen Juden, um den Ruf des Wohltäters später bei den Landtagswahlen benützen zu können oder dass man Jahre hindurch gegen den Zionismus damit argumentieren kann: „Wir Ungarn mosaischer Konfession haben gezeigt, dass wir auch kein steinernes Herz haben! Wo waren damals die Zionisten?a Nachdem sie dann die rumänischen Juden mit riesigem Geldaufwand über die Grenze geschafft haben, nachdem die Wahlen vorüber waren, haben sie an das alte Lied und Leid vergessen, kehren zurück zum Lieblingsspielzeug, das heisst, sie machen grosszügige ungarische Politik in den letzten Reihen der Ungarn. Indessen arbeiteten die Zionisten ihrer Kraft gemäss ruhig, aber zielbewusst. Erst von Person zu Person, später agitierten sie in grossen Versammlungen, so dass heute schon ausser dem Studentenverbindung „Makkabäa" ein aus zahlreichen Bürgern bestehender Verein namens ,ür. Herzl" und eine aus den russischen Eingewanderten gebildete Vereinigung „Chajole Zion'* in Budapest die Agitation in immer steigendem Masse fortsetzen An dem vergangenen zweiten Rosch Haschonoh-Tage wurden von jüdischen Studenten vormittags vor den meisten Synagogen, nachmittags am Donauufer, wo sich unsere Brüder zahlreich zusammenzufinden pflegen, um das Taschlichgebet zu verrichten, ungarische und deutsche Flugblätter verteilt, die das Volk dem Zionismus näher bringen und mit dem Baseler Programm bekanntmachen wollten. Die Sitzung der „Makkabäau gleich am Schlüsse des Festes war sehr lebhaft besucht und die Gäste wurden über die sämtlichen Institutionen der zionistischen Bewegung genau informiert. Nach der Rede des Referenten meldeten sich über 80 neue Schekelzahler. Einige Tage vor dem Sukkothfeste haben in der ganzen Stadt Plakate zur Kenntnis gebracht, dass am 15. Oktober die zionistische Korporationen im Prunksaale des neuen Stadthauses zur Bekanntmachung der Bewegung eine öffentliche Sitzung abhalten werden. Der Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt von Budapest hat den Beratungssaal des Magistrates auf einfaches Verlangen ohne weiteres zur Verfügung gestellt, der Rabbiner der Pester jüdischen Gemeinde aber, Herr Dr. Kohn, hat beinahe zur selben Zeit gegen den Zionismus, als eine unpatriotische Bewegung, in der Synagoge öffentlich gesprochen. Wir können aber mit um so angenehmer Genugtuung konstatieren, dass der zweitvornehmste Saal des ganzen Landes mit einem schönen Auditorium, an Zahl weit über 1000 Damen und Herren, dicht gefüllt war. Rechtsanwalt Dr. Nikolaus Weiszberger eröffnet um 3 Uhr nachmittags die Sitzung und bespricht in seiner Eröffnungsrede den Ausgangspunkt der im Programme gegebenen Vorträge: „Der Zionismus ist eine Volksbewegung des Judentums und beruht auf der nationalen Zusammengehörigkeit desselben. Das Judentum ist eine vollkommene Nationalität und als solche muss es aufrechterhalten werden. Die Vaterlandsliebe ist dadurch nicht tangiert. Der Zionismus will einerseits eine ruhige Heimstätte denjenigen schaffen, denen sie nottut, andrerseits will er das nationale Bewusstsein des jüdischen Volkes wachrufen und erhalten." Der erste Redner, ing. Armin Beregi, spricht von der allgemeinen Lage des jüdischen Volkes auf der ganzen Welt, er schildert sodann hauptsächlich seine drückende wirtschaftliche Lage und die fortdauernde Emigration, die eine Folge dieser Lage ist. Er sagt, dass die Kolonien in Argentinien zugrunde gehen, die aber in Palästina schön gedeihen. Das Volk muss sich selbst helfen, und zwar in dem Lande, wohin es sein Herz zieht. Diesen Wunsch sucht der Zionismus zu verwirkliehen, dessen Folge die jüdische Volksfreiheit sein muss. In dem zweiten Vortrage schildert Prof. Armin Bokor die Bestrebungen des jüdischen Volkes zur Selbstständigkeit und beweist mit Daten aus der Geschichte, dass der Zionismus in irgend welcher Form immer vorhanden war. Er spricht sodann über den politischen Zionismus, die Tätigkeit Herzls, der den Kongress, die Jüdische Kolonialbank, den Jüdischen Nationalfonds zustande gebracht hat. Ausführlich bespricht Redner das Baseler Programm und referiert zusammenfassend über die ausgedehnte und blühende hebräische Literatur, über die Presse in hebräischer und in anderen Sprachen, über die jungjüdische Kunst, die dem Zionismus zu verdanken sind. Als den dritten Punkt des Programmes liest Ingenieur Beregi die Arbeit des Herrn Bernät E i s e n b er g, die sich damit befasst, dass der Zionismus die natürlichste Folge der unleugbaren Tatsache ist, dass das jüdische Volk lebt. Der Judenhaes ist nicht nur aus der abnormalen wirt-

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