Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bi$ * W^lt" Nr:'44 Komischen Beigeschmack, wenn es wahr ist, was die Fama behauptet, dass die Wiege des so deutschnational sich gebärdenden Professors im Osten des Reiches stand und sein Deutschtum erst auf dem Umweg über den Taufkessel waschechtere Färbung annahm. Die germanisatorische Wirkung des Weihwassers wäre in dem Falle wirklich frappierend. Mit einer Selbstverständlichkeit, die auf seinesgleichen starken Eindruck machen wird, auf selbstbewusste Juden aber einfach provozierend wirkt, nimmt der Verfasser die Wahlhilfe und nationale Unterstützung der Juden für die Deutschen in Anspruch. Man kann die Helotenstellung der deutschliberalen Juden in Böhmens Politik nicht schärfer ins rechte Licht rücken, als er es tut. In der Phantasie der Prager Kasinogermanen herrscht also noch immer die Wahnvorstellung vom Schutzjudentum vor, das mit den Deutschfortschrittlichen durch dick und dünn geht. Tempi passati! Das Prager Kasino ist der Sitz des Oberkommandos für die Juden Böhmens längst nicht mehr. Aber ein anderes, uns Zionisten mit lebhafter Genugtuung erfüllendes Eingeständnis enthalten die Rauchbergschen Betrachtungen: Die Juden sind auf dem Rückzüge vom fremdnationalen Schlachtfelde begriffen und beziehen die kugelsichere Stellung des unbeteiligten Beobachters. Daran wird auch die durchsichtige Drohung nichts ändern, zu der in seiner nationalen Angst der Herr Professor greift. Es ist verlorene Liebesmüh. Er redet den widerspenstigen Juden in folgender eindringlicher Weise ins Gewissen: „Wo die deutschen Minderheiten abgenommen haben, sind die Juden an dem Rückgang erheblich beteiligt. Zur Zeit der deutschen Vorherrschaft im Lande standen sie durchaus auf deutschem Standpunkte. Die nationale Bewegung ist auch an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. In allen Dingen bestrebt, aus ihrer früheren Sonderstellung herauszutreten und sich der christlichen Umgebung gleichzustellen, konnten sie es nicht vermeiden, auch in der Sprachenfrage Stellung zu nehmen. Das ist in zwiespältiger Weise geschehen : Die einen sind der deutschen Tradition treugeblieben, die anderen haben sich der tschechischen Mehrheit angeschlossen, nicht überall freiwillig, da und dort ohne ernstliche Nötigung. Im Jahre 1900 hat sich bereits die grössere Hälfte der böhmischen und insbesondere auch der Prager Juden zur tschechischen Umgangssprache bekannt. Zahlreiche jüdische Privatschulen mit deutscher Unterrichtssprache sind aufgelassen und die Kinder, für die sie bestimmt waren, in die tschechischen Volksschulen verwiesen worden. Man kann die Bedeutung dieser Tatsachen kaum hoch genug anschlagen: Nicht nur dass die deutsche Stellung in jenen Orten erschüttert, in manchen wohl aufgegeben erscheint, so würden dadurch weiterhin die Besuchsverhältnisse der deutschen und tschechischen Mittel- und Hochschulen je länger, desto empfindlicher verschoben und viele Jünglinge, die sich sonst der deutschen Sache angeschlossen hätten, ins tschechische Lager gefüh r„t. In dem nationalen Kampfe kommt es auf jeden Mann an. Ist es denn klug, wenn ein Teil der Deutschen sich auf den Rassenstandpunkt stellt und so den Juden den Anschluss erschweren will? Diese Frage aufwerfen, heisst sie beantworten. Aber auch die Juden haben allen Anlass, zu bedenken, ob sie gut daran tun, eine jahrhundertealte Tradition abzubrechen. Die Meinung, als ob sie den Mantel nach dem Winde hängen und sich je nach dem Vorteile bald auf diese, bald auf jene Seite schlagen könnten, wird sich als irrig erweisen. Durch das ganze Land geht der Zug nach nationaler Auseinandersetzung, nach Auflösung der utraquiatischen Positionen. Diejenigen Juden, die es in sprachlicher Hinsicht mit den Tschechen halten wollen, müssen darauf gefasst sein, auch in jeder anderen Beziehung von den Deutschen als Tschechen angesehen zu werden; sie können nicht hoffen, im Besitze derjenigen Verbindungen und Vorteile zu verbleiben, die man ihnen im Vertrauen auf ihre frühere Haltung eingeräumt hat. Sie haben zuw ä hl e n und die Entscheidung wird durchgreifend und endgültig sein." Deutsche Tradition! Wie vorsichtig ausgedrückt! Nur sie also, nicht die Stammeszugehörigkeit verpflichtet die Juden dem deutschen Volke, weist ihnen die Rolle von nationalen Handlangern und politischen Mitläufern zu. Der Herr Professor, der die jüdischnationale Bewegung aus seinem Kalkül gänzlich ausschaltet und nur Deutsche und Tschechen in seinem nationalen Schema anerkennt, kommt zu ganz merkwürdigen Ergebnissen gelehrter Beweisführung, indem er die deutsche Tradition als die einzig wirksame nationale Kraft und den massgebendsten Faktor den Juden aufnötigt. Er verkennt vor allem, in welcher heute doch schon völlig klaren Richtung diese dem Zuge nach nationaler Auseinandersetzung zu folgen gewillt und nach einfacher Gedankenfolge gezwungen sind. Seinen Blick trübt die Auflösung deutscbjüdischer Schulen und ein rein sprachliches Moment, das den politischen oder nationalen Frontwechsel, den er zu sehen glaubt, nicht im Gefolge hat. Die Auflösung solcher Schulen, die, unter Kaiser Josef IL nach dem Muster der deutschen Normalschulen errichtet, ausgesprochenen Germanisationszwecken dienten und jene durch die politische Entwicklung und Reife der Juden überholte Tradition mitbegründeten, mag ja den Deutschen mit Recht unangenehm sein, doch die Juden solcher überwiegend tschechischer Gebiete haben nicht die Lebensaufgabe, beim Festhalten sehr zweifelhafter deutscher Positionen zu verbluten und der deutschen Sache, die an solchen Punkten übrigens auch von den Deutschen selbst als unhaltbar angesehen wird, sich bis zur letzten Konsequenz zu opfern. Wenn sie sich im geschlossenen tschechischem Sprachgebiete zur Umgangssprache der Majorität bekennen, so ist dies — gleichgültig, ob es aus Opportunitätsrücksichten oder Ueberzeugung geschieht — ebenso richtig als klug. Die nationalen Bedürfnisse der deutschen Statistik, die hier auf dem Gebiete der Steuerzahlung, Schulpolitik und jedes ziffernmässig nachzuweisenden Postulates die Juden vollwertig nimmt und mit ihren Ziffern deutsches Glück verbessert, braucht die sonst halbwenig Genommenen nicht zu irritieren. „In dem nationalen Kampfe kommt es auf jeden Mann an..": Auf jeden deutschen Mann — wir haben nichts dagegen. Was ficht das die J.udm an? Auf ihrem Rücken soll der nationale Kampf auch in Zukunft ausgetragen werden? Sie wären eitle Toren, wenn sie nicht ausser Schussweite blieben. Es wird der nationalen Auseinandersetzung nur förderlich sein, wenn sie ohne die aktive Teilnahme der Juden erfolgt. Heute geschieht sie, dank der Rauchbergschen Methode, noch zum Teile gegen sie* Unterhaltend ist es, wie Professor Rauchberg den Juden die deutsche Rechnung präsentiert und ihnen „Verbindungen und Vorteile" vorrechnet. Kopfrechnen schwach, Gedächtnis ungenügend! All die immensen Opfer, die von den Juden auf dem Altare der Deutschfreundlicbkeit dargebracht wurden, Opfer an materiellen Interessen, an politischem Intellekt, an nationaler Würde, sind plötzlich vergessen und in ein Nichts zusammengeschrumpft. Nach seiner Rechnung und Logik kommt den Deutschen noch ein Rest heraus, der die Juden zu weiterem Ausbarren und zu weiteren Opfern verpflichtet. Heloten, meint er, haben nicht nachzurechnen, was ihr Herr und Gebieter an ihnen profitiert, sie haben Order zu parieren und sich in ihr Schicksal zu fügen. Und wie zaghaft, vorsichtig der liberale Kasinomann die Alldeutschen zurechtweist! Ihr Rassenantisemitismus ist nur unklug, sonst kein Wort der Abwehr