Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 „hlt m Wt" m. 44 sehaftlichen Lige der Jaden entstanden, sondern auch darum, weil die Juden von heute dadurch, dass sie sich selbst von ihrem Volke abwenden, dasselbe vor den übrigen Völkern diskreditieren. Ihr Wesen hat den modernen Zionismus hervorgebracht, so dass die Juden heute offen ihr Volkstum verkünden und sich ein Land zu verschaffen trachten, wo einmal der jüdische Staat zur Stütze der überall zerstreuten Juden entstehen soll. Er schliesst den Vortrag mit der Charakterisierung Horzls. Zum Schlüsse schildert Dr. Ludwig Dömöny die Lage der Juden in Ungarn und beweist, dass der Zionismus hier ebenso am Platze ist wie in welchem Lande der Welt immer. Der Erfolg dieser Sitzung war ein sehr schöner. Viele neue Mitglieder haben sich gemeldet und sämtliche Budapester Tagesblätter haben darüber güastig berichtet. Diese Sitzung wird von den Budapester Zionisten als Ausgangspunkt einer neuen erfolgreichen Epoche betrachtet. Abraham ben David. Nach Schluss des Blattes. Freie russische Juden. Wir sind .ein begnadetes Geschlecht. Der schönste Tag, der seit langem der Menschheit beschieden ward, uns ist's vergönnt, ihn mitzuerleben. Russland ist frei! Unsere Väter hörten nur das Stöhnen der russischen Sklaven. Wir erleben es, den Jubelsehrei der Befreiten zu hören. Wie oft weinten wir, wenn wir die Nachrichten aus Russland lasen! Und nnr in pochender Erregung lesen wir jetzt die während der Fertigstellung unseres Blattes uns zugekommene Depesche, deren Inhalt wir nicht gleich zu glauben wagten, weil er so unglaublich, so über all unseren Glauben, all unsere Erwartung hinaus schön und herrlich ist: Russland ist frei. Wir Westeuropäer haben Russland nie wirklich gekannt. Es war seit jeher für uns eine fremde, gleichsam von einer eigenen Kausalität beherrschte, eine andere Welt. Es wird jetzt eine neue Welt. Das Manifest des Zaren spricht das grosse Wort der Verwandlung. Unter Fieberwehen vollzieht sich da drüben eine gewaltige Neugeburt. Aber in dem Lande der Dostojewski und Tolstoi, in dem Lande der Logiker, die ihre Gedanken, auch die unangenehmen, die ein Opfer an ererbten Wahnvorstellungen heischen, gerecht zu Ende denken, in dem Lande, dessen Propheten stets Märtyrer waren, die für das Volk lebten und starben, in diesem Lande wird das Neugeborene kein Zwitter sein und kein Bastard, gezeugt von wiedererstandenem strotzenden Mittelalter und scheinlebendiger runzeliger Neuzeit. Mit komischer Arztenswürde verheisst heute Europa dem russischen Lande zur Belohnung seiner Neugeburtsschmerzen eine Zukunft, die dem entspricht, was Europa stolz seine Gegenwart nennt. Falsche Diagnose: Russlands Zukunft wird Europas Gegenwart beschämen. Woher die Zuversicht? — Unsere liberale Presse stellt alle Tage aufs neue die Sündenliste des russischen Absolutismus auf. Die grosse Tugend des russischen Absolutismus verschweigt sie: die Aufrichtigkeit. Der russische Absolutismus nennt sich das, was er ist, und ist das, was er sich nennt. Man kann das an seiner Stellung zur Judenfrage konstatieren. Der russische Antisemitismus gibt sich frank und frei, ohne Maske, ohne Heuchelei. „Was wir wollen? Wir haben fünf Millionen Juden im Lande. Sie sind intelligent, rührig, geschäftskundig und wir betrachten sie als eine grosse Gefahr für die anderen. Wir tun alles, um diese Gefahr einzuschränken, unbekümmert darum, ob unsere Massregeln human und gerecht sind. Jener Schutz ist uns indessen die Hauptsache, nicht diese Inhumanität und Ungerechtigkeit; und wenn uns einer den Weg zeigt, wie wir unseren Judenüberschuss anständigerweise loswerden können, so wollen wir ihn unterstützen."*) Niemals war der westeuropäische Antisemitismus aufrichtig genug zu solchem Bekenntnis. Er war immer mit einem weiten, faltigen Heuchlermantel bekleidet und am verlogensten ist er seit 1848, wo die Juden, um das neue Kleid der Staatsbürgerschaft anzulegen, sieh vorher der jüdischen Toilette entledigten. Von dem brutalen und offenen Antisemitismus lässt sich eine aufrichtige Umkehr erhoffen. Von dem Antisemitismus, der sich der Auslegung freiheitlicher Gesetze als einziger Waffe bedient, von diesem unangreifbaren Antisemitismus erhoffen nur die Toren, eine Regung der Gerechtigkeit. Wienn Graf Witte in der von den Tagesblättern mitgeteilten Unterredung mit dem Petersburger Rechtsanwalt Adler, einem Verwandten des Londoner Oberrabbiners, und unseremSokolow dieErteilung derGleiehberechti^ung an die russischen Juden in Aussicht stellte, so billigten wir seinen Worten schon deshalb die Aufrichtigkeit zu, weil Russland vordem so aufrichtig war, direkte Gesetze gegen die Juden zu erlassen und sie rücksichtslos zu handhaben. Dieser warmblütige Antisemitismus hat keine Ausreden gesucht, um die Juden zu verfolgen, wie der kaltherzige Antisemitismus, den wir kennen, der judenfeindliche Gesetze drechselt, in denen das Wort Jude nicht vorkommt. Als Juden sind unsere Brüder in Russland geknechtet worden: deshalb dürfen sie hoffen, als Juden frei zu werden. Als Juden, denen keiner das Opfer ihrer Eigenart abverlangen, denen keiner raten wird, die Freiheit durch Selbstknechtung zu denken. Diese Hoffnung ist eine grosse Freude für uns. Ehrlich und mit ganzem Herzen freuen wir uns auf die Aussicht einer besseren Zukunft für unsere Brüder. Denn nur Dummköpfe oder Verleumder können glauben, dass wir Zionisten Anhänger einer jüdischen Katastrophentheorie sind. Die Verelendung der Juden ist nicht der richtige Acker für unsere Saat. E-s ist richtig, dass erst die Judennot vielen Juden die Augen öffnet und sie in unsere Reihen führt. Aber die Unmenschlichkeit einer Parteiphilosophie liegt uns ferne, die den bitteren Zwang als Werber begrüsst. Wir sind Schwarzseher aus historischer Erkenntnis, nicht aus Profession. Dass wir den Pessimismus nicht als Agitationsmittel benützen, beweist eben der Optimismus, dem wir uns in bezug auf die Zukunft unserer russischen Brüder hingeben. Man male sich diese Zukunft noch so schön, mit noch so weitem Horizonte aus — der Zionismus hat weitere Ziele, die auch noch dem mit der Gleichberechtigung beglückten Juden des Strebens und des Kämpfens wert sind. Es ist nur scheinbar richtig, dass der Pogrom der Bundesgenosse des Kongresses war. Der unfreie russische Jude war ein nervöser Mitstreiter und um seinetwillen war unsere Bewegung oft von nervösen Schauern geschüttelt: dem äussersten Elend wollte man gerne rasche Hilfe bringen, und man schämte sich fast, es auf einen sicheren, aber langen Wege zur letzten, endgültigen Freiheit zu verweisen. Aus dieser Scham zog die jüdische Philanthropiepolitik ihre Wurzeln. Der freie russische Jude wird erst der richtige, er wird ein herrlicher Streiter in unseren Reihen sein. Er wird warten können wie wir — und desto lieber, ja schönere Früchte die Geduld and die von keinem Pogrom zur Ueberhast gedrängte Arbeit verheisst. Auf den freien russischen Juden als Mitarbeiter freuen wir uns. Ihm gratulieren wir aus tiefem, freudig erschüttertem Herzen. Dr. B. Fs. *)Aus dem berühmten Gespräche zwischen Herzl u. Plelrwe.