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Die Welt · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41 „Die Welt" Seite 5 das schwarz-rot-goldene Band getragen, ein unausrottbares Deutschbewusstsein in seinem Herzen lebt. Also eine Art Ersitzung von Deutschtum. Den aus dem Ghetto eben hervorgeholten Juden bedeuteten die grossdeutschen Farben begreiflicherweise das Symbol ihrer jungen Freiheit und angeblichen Gleichheit. Aber der Traum vom schwarz-rot-goldenen Band ist in der heutigen jüdischen Generation ausgeträumt, gründlich und fast restlos. Unbegreiflich muss es erscheinen, wie ein Mann, der zu den stärksten Intelligenzen und achtungswertesten Persönlichkeiten unseres öffentlichen Lebens gehört, in so vorsintflutlicher Auffassung über politische Entwicklung und nationale Wertung im Judentum befangen bleibt. Gut denn, er fühle sich als Deutscher, da ihm in den alten Tagen das Umsatteln gar so schwer fällt — aber er möge doch nicht in jüdischen Versammlungen die so gesunde und mit schweren Opfern errungene Entwicklung stören, welche endlich die Wiener und österreichischen Juden von der deutschen Assimilation abdrängt und jüdischnationaler Erkenntnis zuführt. Das endlose Wühlen und Predigen gegen Klerisei und Kirche gehörte anno dazumal zum Rüstzeug der jüdischen Liberalen. Wir sind auch darüber hinausgewachsen und erblicken darin nicht mehr Zweck und Inhalt jüdischer Politik. Demokratie und Sozialpolitik, auf die die Herren Brunner und Omer schwören, sind ganz schöne, erstrebenswerte Dinge, aber nicht als Alleinzweck, sondern im Rahmen einer Vernunft - und zeitgemässen jüdischen Volkspolitik. ♦ «jj jje „Moralische Defekte der jüdischen Rasse", „arischchristliche Weltordnung und Sittlichkeit", „jüdische Unmoral* — so tönt aus der antisemitischen Presse der Echoschall eines Skandalprozesses entgegen, der vor einigen Tagen in Wien stattfand und die sexuellen Verirrungen eines getauften jüdischen Millionärs zum Gegenstande hatte. Es ist überflüssig, eine zornerfüllte Verteidigung gegen die generalisierende Verleumdung, die in solchen Fällen zu den Gewohnheiten dieser Presse gehört, vom Stapel zu lassen. Die Verleumder werden nächstens ja doch ins selbe Horn stossen. Aber die Wahrheit gebietet es einzugestehen, dass der gesellschaftliche Hintergrund des Prozesses die Entartung und Entjudung gewisser jüdischer bourgeoiser Kreise erkennen lässt. Im Sumpf einer solchen Assimilationswut ist es anders nicht möglich» In Wien und anderwärts. Der verhätschelte Millionärssohn, der längst getauft und assimiliert ist, ist kein jüdischer, sondern ein spezifisch assimilatorischer Typus und nur die notwendige Ergänzung zu den äusserlich noch jüdischen Grosstadtjuden, die ständig auf dem Sprungbrett zur Taufe stehen. Nicht das Jüdische, sondern die Unnatur ihres Unjüdischen, die innere Zerrissenheit macht sie dekadent, korrupt, verächtlich. Es ist eine alte geschichtliche Erfahrung, die hier ihre Bestätigung erfährt. Immer, wenn die Wogen der Assimilation hoch gingen und das jüdische Volkstum zu verschlingen drohten, waren es gerade die Reichen und Grossen im jüdischen Volke, die, das Judentum als Ballast empfindend in der Assimilierung ausarteten und entarteten. Die breite Masse des Volkes blieb unversehrt und unverderbt, hielt jüdische Moral und Reinheit hoch. In ihr lag die Volkskraft und die jüdische Zukunft, Einer, der jene Wiener Kreise gründlich kennen und nach Gebühr schätzen gelernt hat. Hermann Bahr, schreibt im Wiener „Weg* ins Tagebuch vom 13. Oktober: „Gestern, im „Zwischenspiel*, halb amüsiert und doch wütend über die hochachtungsvolle Freude, welche die Juden im Parkett und in den Logen, gerade sie, an Schnitzlers jungem Fürsten haben, vor Wonne wedelnd und nass. Merkwürdig. Gerade sie, die doch unseren Adel kennen..... Warum fröstelt sie also vor Ehrfurcht, wenn ein Aristokrat auf die Bühne kommt? Warum verachten sie sich so? ... . Mir ist um die Kinder, dieser durch Reichtum verdorbenen Juden bang. Bang und leid. Und Herzl ist tot.* So schreibt und denkt ein Arier, dem Antisemitismus kaum nachgesagt werden kann. Er vergisst hinzuzufügen : Das nationale Judentum hat Herzl geweckt und die Renaissance seines Volkes angebahnt. Die jüdische Grossbourgeoisie blieb nicht ohne Grund davon unberührt. Warum wohl? Und ist sie dem Nationalen noch wiederzugewinnen? Dem stolzen Gedanken von nationaler Würde, Ehre und Reinheit? Zweifel sind nicht unberechtigt. * # * „Ist die Beteiligung am Verband der deutschen Juden für die Bekenner des gesetzestreuen Judentums unbedenklich?" Im Mainzer „Israelit" wirft ein deutscher Rabbiner, der orthodoxesten einer, diese Frage auf und beantwortet sie in ausführlicher Beweisführung mit einem entschiedenen Nein. Für diese Herren dreht sich noch immer der Juden Schicksal und Glück um Zeremonien und Speisegesetze. Die Gründung des Verbandes, dessen wesentlichste positive Aufgabe die Schaffung einer staatlich anerkannten Organisation der Juden ist, wurde von allen bewussten Juden Deutschlands, die das Interesse der jüdischen Gesamtheit über kleinliche Fraktions- und Berufsinteressen steilen, mit Freude begrüsst und gefördert. Im „Israelit" kommt der überradikale Bekenner des überlieferten Judentums in seinem Hasse gegen alles, was von Reformjaden ausgeht, zum entgegengesetzten Resultat. Wie kleinlich diese Sorte von Orthodoxen jüdische Organisationsbestrebungen beurteilt, geht aus dem Satze hervor, mit dem der Rabbiner seine ablehnende Haltung begründet: „Die Gefährdung, die aus einer gemeinsamen Tätigkeit der Reinerhaltung der Geistes- und Lebensprinzipien des überlieferten Judentums droht, wiegt für mich weit schwerer als alle die Vorteile, die der Verband für die deutsche Judenheit erstrebt." Auf dieser Höhe von lächerlich - kleinlicher Auffassung und blinder Furcht vor frischem Luftzug bewegt sich auch diese Aeusserung : „Viele der Berufsstellungen, die der deutschen Judenheit zu eröffnen zu den vom Verbände notwendigerweise angestrebten Zielen gehört, werden zu Kollisionen mit den Forderungen des jüdischen Religionsgesetzes — ich erwähne nur das Werkverbot des Sabbats und der jüdischen Feiertage — führen." Als ob es unter Deutschlands Juden nur Rabbiner und sonst keine Berufskreise gebe, die ausser ausschliesslich religiösen Interessen auch irgendwelche Berufs- und wirtschaftliche Sorgen haben! Der Herr Rabbiner fürchtet, dass aus dem Verband allmählich eine „kirchliche Organisation" der deutschen Judenheit sich entwickeln könnte. Das sei ein Hochziel des Reformjudentums und seine Erreichung wäre ein vernichtender Schlag gegen den Fortbestand des „VätererbesV Die Zitate genügen, um die orthodoxen Klagen gegen den Verband zu charakterisieren. Es ist die alte Intoleranz, das alte Streben, die erstarrte Orthodoxie vor modernen Formen jüdischer Organisations- und Interessenvertretung zu schützen. Nützen werden solche orthodoxe Argumente und Quertreibereien nichts. Es gibt auch unter den deutschen Orthodoxen eine stattliche nationale oder wenigstens einsichtsvolle Gruppe, die auf das Kommando des „Israelit* nicht wartet und in der jüdischen

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