Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „bi* # W$ltfÄ m 44arbeiten. Versagt blieb ihm die volle Berufsfreudigkeit, versagt die Freuden des Familienlebens, für das er in so reichem Masse veranlagt war. Einsam ging er durchs Leben und einsam schied er aus demselben. Die einzige Freude seines Daseins war der Zionismus. Das grosse Werk der Regeneration seines Volkes füllte ihn voll und ganz aus. Diesem widmete er fast zwei Dezennien seines Lebens, ihm galt sein letzter Gedanke* Was er dem Zionismus war, wurde schon kürzlich in diesen Blättern angedeutet. Zu einer Zeit, in der im Westen Europas noch keinerlei jüdischnationale Organisation bestand, nahm er an der Gründung und dem Ausbau des Verbandes „Zion" in Oesterreich den lebhaftesten Anteil und ward so der Mitschöpfer der Grundlage für die spätere politische Bewegung. Und als der „ Judenstaat * erschienen war und es uns gelang, den Verfasser, der „mit der Publikation seine Aufgabe für erledigt" hielt, zu bewegen, nicht nur Architekt zu sein, sondern auch der Baumeister des von ihm geplanten Baues zu werden, da wurde K o k e s c h sein eifrigster Gehilfe. Mit Begeisterung stürzte er sich in die grosse Arbeit und bald wurde er die Seele der Geschäftsführung im Aktions-Komitee* An der Schaffung der Kongresse, an der Gründung der Jüdischen Kolonialbank, an dem Bau unserer an Ausdehnung ihresgleichen suchenden Organisation hat er hervorragenden Anteil genommen. Viele der gegenwärtig im Zionismus geltenden Gesetze sind sein Werk, zahlreiche juristische Arbeiten hat er für die Bewegung ohne jedes Entgelt gemacht, wie denn überhaupt seine zionistische Tätigkeit nicht nur jederzeit eine völlig selbstlose, sondern mit schweren materiellen Opfern seinerseits verbunden war. Selten trat er in die Oeffentlichkeit, er sprach nur dann, wenn er etwas zu sagen hatte, sein Wort war kurz und scharf. Aengstlich mied er äussere Ehren, sein Wirken war still. Seine fast bis zur Schüchternheit gehende Bescheidenheit war in seiner Stellung vielleicht eher ein Fehler. Denn mehr als je gilt hier das Wort Goethes: „Ein Fehler ist's, dass man sich mehr dünkt, als man ist und man sich weniger schätzt als man ist". Diesem letzteren Umstand ist es vielleicht zuzuschreiben, dass K o k e s c h es erleben musste, nach achtjähriger hingebungsvoller, ja aufopfernder Arbeit für den Zionismus von berufener und unberufener Seite mit Steinen beworfen zu werden. Der Mann, der den Todeskeim bereits in sich trug, vermochte nicht mehr die Angriffe genügend energisch abzuwehren. Er hat allen, die ihn kränkten, aufrichtig verziehen, als er vom Leben Abschied nahm. Ich aber, der ich an der Wiege unserer Bewegung stand und ihr innerstes Getriebe kenne, halte es im Interesse der historischen Gerechtigkeit für meine Pflicht^ zu erklären, dass vieles, was seit dem ersten Kongresse zum Wohl unserer Bewegung geschehen, und gar manches, was zum Nutzen des Zionismus nicht geschehen ist, K o k e s c h zu verdanken ist. Mit Kokesch scheidet eine Individualität, deren Beurteilung nur denjenigen möglich ist, die einen tieferen Em blick in dieselbe nehmen konnten. Klar und wahr sein Denken, tief und echt sein Fühlen, rein und treu sein Handeln, schlicht und einfach, gut und stark. So war der Mann beschaffen, den wir schwer vermissen werden. Sein Andenken ehren, heisst ihm an Liebe und Hingebung für den Zionismus nacheifern, sein Werk mit seiner Treue fortsetzen, damit die Endlichkeit seines Daseins nicht die Vergeblichkeit seines Strebens bedeute. Wien, am 31. Oktober 1905. Dr. M. T. Schnirer. Breslau. Zion. Ver. Zu Beginn der Versammlung vom 24. Oktober gedachte der Vorsitzende Zahnarzt Schachtel des wenige Tage zuvor zur letzten Ruhe eingegangenen A.-K.-Mitgliedes Dr. Oser Kokesch. Er wies darauf hin, dass Kokesch, ein präherzl'scher Zionist, einer der ersten war, die sich Herzl anschlössen und einer seiner treuesten und fähigsten Mitarbeiter gewesen ist, dem das jüdische Volk ein dankbares Gedenken stets bewahren wird. Zürich. Der „Welt* entnehme ich die traurige Nachricht vom Ableben des Dr. Oser Kokesch. Das Hinscheiden dieses opferwilligen und selbstlosen Ehrenmannes bedeutet einen Verlust für die Armen unter den Aermsten und betrifft aufs innerste alle, die mit Oser Kokesch je zu verkehren das Glück gehabt haben. Dr. Farbstein. Moskau. (Tel.) Bin äusserst bestürzt über das Hinscheiden des unvergesslichen Dr. Kokesch. Hugo Uryson. Politische Rundschau. Zerfahrenheit und heillose Verwirrung überall. So ist unser Oesterreich. Im Lager der Wiener Juden ist's nicht besser. Die Politik der letzten Jahre hat ihnen Enttäuschung auf Enttäuschung gebracht, ihren Götzen, die liberale Partei, zertrümmert. Das plan- und ziellose Herumtappen kommt am deutlichsten zum Ausdruck, so oft in der nIsraelitischen Union", der einzigen nicht zionistischen Vereinigung, in der noch von Zeit zu Zeit jüdische politische und wirtschaftliche Gesamtinteressen zu ernster Diskussion gelangen, allgemeinjüdische Fragen angeschnitten werden. Die Parteientwicklung bereitet den offiziellen Herren grosses Kopfzerbrechen, da sie einen Ersatz für die liberalen Trümmer suchen und nicht finden. Es fehlt nicht an Projektenmachern. Die grosse Masse steht ihnen kühl bis ans Herz hinan gegenüber, erholt sich daheim von den Nachwehen des deutschliberalen Rausches. Und der gründliche Katzenjammer der jüdischen Wähler verdirbt jeder Organisationsidee das Konzept. In der „Union" kamen letzthin auch jüdische Politiker mit klangvollem Namen zum Wort. Nur eine Tatsache ist ihnen vollkommen klar : Die Juden sind desorganisiert und zu Untätigkeit in der inneren Politik verurteilt, haben keine verlässlichen Sachwalter* Herr Lucian Brunner, der Demokra, hat aus der Judenpolitik der letzten Jahre nichtt gelernt und nichts vergessen. Sein politisch Lieds bringt die alte Leier. Walze Nr. 1: Ich spreche als „Mensch" und glaube an die Zukunft wahrhafter demokratischer Gleichheit und Freiheit. Walze Nr. 2 : Er wittert im Klerikalismus den Erzfeind der Juden und verdonnert ihn, die Antisemiten sind nach dieser Melodie nur Knechte Roms. Walze Nr. 3: Die Zukunftspartei des wahren Liberalismus ist das jüdische Ideal und wird die konsequente Gleichberechtigung aller Staatsbürger bringen* Ergo: Eine rein jüdische Organisation ist abzulehnen. Und diese politische Weisheit verzapft er in jeder Versammlung. Ein beneidenswerter Optimist. Die deutsche und zugleich antiklerikale Walze für Judensachen hat der Abgeordnete Dr. Ofner, der Sozialpolitiker, auf seinem politischen Instrument. Er gibt auf die Frage „Was nun?* überhaupt keine Antwort. Aber die „Union" erfährt, dass, weil er schon im Jahre 1857 j