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Die Welt · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 43 „big $ weit" Seite 13 Ergebnisse ankündigten, aber zugleich ausdrücklich verboten, von ihren Mitteilungen öffentlich Gebrauch zu machen. Ein berühmter deutscher Professor, den ich nicht nennen will, weil er vor kurzem gestorben ist und auf meine Anklage nicht antworten könnte, schrieb Marmorek einen begeisterten Brief über die Heilung eines verzweifelten Falles und veröffentlichte gleichzeitig in einer angesehenen medizinischen Zeitschrift einen Bericht, worin derselbe Fall als Misserfolg der Serumbehandlung dargestellt wurde! Pariser Aerzte schlichen in der Dämmerung zu Marmorek und baten um Serum, sahen sich aber an der Haustür ängstlich um, ob man sie nicht bemerkte. Im „Figaro" erschien ein Artikel, der in verschleierten Ausdrücken zu verstehen gab, man setze sich strafrechtlicher Verfolgung aus, wenn man ein behördlich nicht genehmigtes Geheimmittel, wäre es auch unentgeltlich, vertreibe. Unter dieser Entfesselung aller Feigheiten und Niederträchtigkeiten, die die Menschenseele schänden, blieb Marmorek ruhig und aufrecht. Er antwortete nicht, er liess sich auf keine Polemik ein, er arbeitete still weiter und begnügte sich damit, das Serum jedem zu geben, der es verlangte. Von den namhaften Klinikern verlangte es keiner. Kleinere Leute waren es, die zuerst den über Marmorek verhängten Bann brachen. Den Anfang machten vier Pariser Privatärzte mit einer Mitteilung in der „Societe de Therapeutique" über zwei Fälle, in denen sie gemeinsam das Serum mit Erfolg angewendet hatten. Es folgte ein Engländer mit einem günstigen Bericht im „Lancet". Andere wagten sich, ermutigt durch diese Vorgänge, mit ihren Erfahrungen hervor. Der „Progres Medical", die „Münchener Medizinische Wochenschrift", die „Berliner Klinische Wochenschrift", die „Deutsche Medizinische Wochenschrift", das „British Medical Journal" erhoben nacheinander die Stimme. Die Literatur über das Serum wuchs bis heute auf 18 Veröffentlichungen an. Der Weltkongress der Tuberkulose kam. Vor ihm sollte der Prozess des Antituberkuloseserums weitergeführt werden. Marmorek war einer der ersten, die sich als Mitglieder einschrieben und eine Mitteilung anmeldeten. Ich habe seine Mitgliedskarte gesehen. Sie trägt die Nummer 27. Die Mitteilungen sollten nach der Reihenfolge der Anmeldungen ihren Platz auf der Tagesordnung erhalten. Als diese vor einer Woche bekannt^ gegeben wurde, sahen wir verblüfft, dass Marmoreks Mitteilung den 144. Platz erhalten hatte : Die Abteilung für Therapie, vor der Marmorek sprechen sollte, hielt im ganzen sechs Arbeitssitzungen von je 21^ bis 3 Stunden. Das gab höchstens 16 Arbeitsstunden. Es war ganz ausgeschlossen, dass die 144. oder auch nur die 100. Mitteilung an die Reihe kam. Marmorek verschmähte es, darauf hinzuweisen, dass man gegen ihn einen Rechtsbruch begangen hatte, als man ihn, den 27. Eingeschriebenen, auf den 144. Platz verbannte; aber er forderte in der ersten Sitzung mit Nachdruck, dass eine Unterabteilung abgezweigt werde, in der die hohen Nummern zu Worte kommen konnten. Der Abteilungsvorsitzende wollte Schwierigkeiten machen; die entschlossene Haltung der Kongressmitglieder zwang ihn jedoch, sich zu fügen. Die Unterabteilung wurde eingerichtet, Freitag nachmittags sollte Marmorek in ihr zu Worte kommen. Die anberaumte Stunde kam heran und der Vorsitzende überraschte die Versammlung mit der Eröffnung, man habe die Tagesordnung geändert und die Sitzung der Verhandlung über die Lupustherapie eingeräumt Da erhob sich ein Sturm, wie ihn ein wissenschaftlicher Kongress kaum je gesehen, hat. Zweihundert Aerzte donnerten den Vorsitzenden an, -dass er völlig die Fassung verlor. Die Abteilung bestand darauf, Marmorek zu hören. Der Vorsitzende versuchte zu pariamentieren. Es half ihm nichts/ Seine und seiner Hintermänner Ränke waren vereitelt. Sieben Männer, die sich für den Lupus eingesetzt hatten, zogen jämmerlich ab und die Abteilung konnte sieh endlich mit dem Antituberkuloseserum beschäftigen. 1 Marmorek sprach nur einige Minuten, knapp, sachlich, bescheiden, wie immer. Er ' begnügte sich damit, die Ergebnisse der Behandlung in den ihm bekannt gewordenen etwa 350 Fällen mitzuteilen. Nach ihm aber nahmen zwölf Aerzte 'aus sieben Ländern, darunter Professoren, Krankenhausärzte. Sanatoriumsvorsteher, das Wort, zählten ihre ans Wunderbare grenzenden Heilungen auf und schlössen alle mit wahren Begeisterungsausbrüchen, mit Hymnen aut Marmorek und sein Serum. Die Schlacht war gewonnen. Aber der Sieg sollte auf die vier Wände der Unterabteilung beschränkt bleiben. So wollten es dieselben Leute, die versucht hatten, Marmorek auf dem Kongress mundtot zu machen. Der vom Kongresssekretariat ausgegebene Tagesbericht erwähnte weder die Sitzung der Unterabteilung noch die Mitteilungen Marmoreks und der zwölf Aerzte, die über ihre Erfahrungen mit seinem Serum gesprochen hatten, auch nur mit einem Worte, und so kam es, dass die ganze Pariser Presse, mit Ausnahme von drei Zeitungen, den Vorgang einfach totschwieg. Freilich ist auch dieser letzte Anschlag misslungen, denn wir sind einige, die entschlossen waren, die Verschwörung des Schweigens dem grossen Publikum zu denunzieren. Der Widerstand gegen die Entdeckung Marmoreks ist an sich verständlich. Aerzte und Kranke haben die entsetzliche Erfahrung mit Kochs Tuberkulin noch nicht überwunden. Nach dem schmählichen Versagen dieses angeblichen Heilmittels, dem die ganze Kulturwelt die höchsten Erwartungen entgegengebracht hatte, ist Misstrauen gegen jedes neue Serum berechtigt. Die Abneigung gegen Versuche in dieser Richtung ist durch die Schwindler und Marktschreier lebhaft unterhalten worden, die in kurzen Abständen mit angeblich unbekannten Heilmethoden auftreten, goldene Berge versprechen und alsbald der wohlverdienten Vergessenheit anheimfallen. Noch eins kommt hinzu. In Sanatorien, diesem letzten Auskunftsmittel der therapeutischen Verzweiflung, sind in Deutschland allein mehrere hundert Millionen Mark, in der ganzen Welt üßer eine Milliarde angelegt. An diese Milliarde, ihre Verwaltung, den Betrieb der Anstalten knüpfen sich die persönlichen Interessen von Zehntausenden'. Obschon diese es nicht wahr haben wollen, ist doch auf dem Kongresse von unbefangenen Richtern geurteiit worden, da&s die wirklichen Heilerfolge der Sanatorien gleich null sind und dass sie höchstens als Ferienkolonien für die Arbeiterbe völkerung in Betracht kommen und sozialpolitische Bedeutung haben. Es ist zu erwarten, dass die Interessenten der Sanatorien jeder Entdeckung, die sie sofort überflüssig machen würde, den entschlossensten Widerstand entgegensetzen. Das ist nicht ideal sittlich, aber es ist menschlich. Man darf sich nicht beklagen, wenn Marmoreks Entdeckung zunächst mit stärkstem Z weifel aufgenommen wurde. Das musste er erwarten. Es ist notwendig, es ist nützlich, dass sie der genauesten, meinetwegen selbst feindseligsten Prüfung unterworfen wird. Was aber nicht geduldet werden kann, ist, dass man ihn und seine Arbeit totzuschweigen sucht, dass man sich weigert,

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