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Die Welt · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bie & weit" Nr. 43 W«tt-<§brof)ik. Nyitra. Die hiesige Chewra-Kadischa, eine durchaus konservative Körperschaft, hat für Dr. Theodor Herzl eine Haskara gewidmet, und hiervon den Vorstand des hiesigen Zionistenvereines verständigt. Dieser edle Vorgang ist umso höher anzuschlagen, als die Nyitraer Chewra-Kadischa die erste derartige Körperschaft ia Ungarn ist, die unserem unvergesslichen Führer diese Ehrung erweist, und sie es sich auch nicht nehmen liess, seinem Namen den Ehrentitel OTPxn tws »das Haupt der Zionisten" beizufügen. Es sei bei dieser Gelegenheit des Präses der Brüderschaft, Herrn Adolf Ehren f eld, der den edelgedachten Antrag einbrachte, ehrenvolle Erwähnung getan. Antisemitismus in Amerika. Am zweiten Rosen Haschonohtage wurden in New York gegen 2000 Juden am East River, wohin sie in Befolgung einer alten Zeremonie gezogen waren, von zwei Banden, die aus italienischen und irischen Arbeitern bestanden, angegriffen und mit Steinen beworfen. Es entstand begreiflicherweise eine Panik, die sich steigerte, als einer nach dem anderen verletzt wurde. Erst als die Polizei herbeieilte und einige Verhaftungen vornahm, endete dieser Angriff auf wehrlose Andächtige. Aerztliche Ambulanzen mussten herbeigerufen werden, um die Verwundeten, darunter zwei Schwerverletzte, zu verbinden. Der Angriff war durch Brückenarbeiter und andere,! die den Grund der Ansammlung nicht oder falsch verstanden, veranlasst worden, deren aus Europa mitgebrachter Judenhass durch die Konkurrenz der jüdischen Arbeiter in Amerika frische Nahrung erhielt. Zum allgemeinen Erstaunen wurden die vier Verhafteten bei der Verhandlung am nächstfolgenden Tage freigesprochen. Ihre Verteidigung, die Juden hätten kein Recht gehabt, sich den Brückenarbeiten zu nähern, da Ankündigungstafeln in Englisch und Yiddish vor unbefugtem Betreten warnen, war stichhältig befunden worden. — Aehnliche Vorfälle ereigneten sich in Milwaukee. Die dortige „Hebrew|Protective;Association" sah sich genötigt, in einer Petition nm Schutz vor Verfolgungen, die arme jüdische Hausierer zu erdulden hatten, zu ersuchen. Es sind Fälle von Verletzungen durch Steinwürfe und anderer Art angeführt. Die Petition wurde der Rechtssektion zur Erledigung zugewiesen. — Den Kuratoren der Synagoge in Poughkeepsie wurde von der Grand Jury of Dutchess county eine Anklage zugestellt, des Inhaltes, dass der Gottesdienst einschliesslich des Blasens des Schofars Mutwille (nuisance) sei, und es wurde für dieselben die Erlegung einer Bürgschaft von 100 Dollars vorgeschrieben. In Verbindung mit der Synagoge ist eine jüdische Schule, bezüglich der sich die Nachbarn beschwerten, dass das Geschrei der Kinder die Nachbarschaft belästige. Der ziemlich durchsichtige Zweck dieser Aktion ist, wie die Mitglieder der dortigen Gemeinde behaupten, eine Verlegung der Schule und der Synagoge zu erzwingen.— Unter den jüdischen Postbeamten in New York hat ein Erlass des Postdirektors Cortelyon Bestürzung hervorgerufen. Darin wird verkündet, dass jeder Postbeamte, der am Jörn Kipur seinan Pflichten nicht nachkommt, bestraft und für mehrere Tage vom Dienste suspendiert wird; angeblich ist der Grund dieser strengen Massregel der, dass das Fernbleiben von 900 jüdischen Beamten den Dienst zu sehr schädigen würde. Mit Recht fragt der „Jewish Exponent", wo die Gleichheit aller Staatsbürger sei, wenn man den christlichen Beamten seinen Weihnachtstag in Ruhe feiern lasse, dem jüdischen jedoch verwehre, seinen grössten Feiertag zu begehen. In gleicher Weise wurden die jüdischen Munizipial- und Postbeamten in St. Louis gezwungenen den hohen Festtagen ihren Dienst zu versehen, und in New York; fiel der erste Tag der; neuen Regiestrierung auf den Versöhnungstag, so dass im jüdischen Viertel, wo fast alle Beamten Juden sind, dieselben genötigt waren, an diesem Tage zu arbeiten. Eine Gedenktafel für Colonel Goldsmid. Für den verstorbenen Obersten A. E. Goldsmid, der sich als Schöpfer der jüdischen Knabenbrigade für die körperliche Ausbildung der jüdischen Jugend ungemein verdient gemacht hat, wird demnächst eine Gedenktafel enthüllt werden. Die feierliche Enthüllung findet am 29. d. M. in der grossen Synagoge in Aldgate (London) durch den Generalmajor Sir Alfred Turner statt. Antisemitismus in der Armee. Ein in Jaroslau erscheinendes polnisches Wochenblatt enthält folgende Mitteilung : „Ein österreichischer Offizier beschimpfte alle in Reihe stehenden jüdischen Soldaten als .Saujuden" und dergleichen. Ein zweiter drohte ihnen mit Kischenew und versicherte, dass die Juden bloss toleriert seien, dass aber bald die Zeit kommen würde, wo man die Juden Mores lehren werde. Wer hat diese Beschimpfungen gegen, jüdische Soldaten ausgestossen? Etwa ein roher, ungebildeter, faratischer Bauer? Das tat ein österreichischer Offizier, ein Mann von angeblicher Bildung, im Dienste, in einem Augenblicke, da es weder Pole noch Jude geben soll, sondern lediglich Bürger eines konstitutionellen Staates, der allen Nationen das gleiche Recht verbürgt. Nicht ein Schimpfwort ist hier gefallen. Dieses Wort enthält den Ausdruck, möglicherweise eine unwillkürliche Aeusserung der ganzen Hölle von Hass gegen die Juden. „W schö d". Feuilleton. Der Roman eines Heilserums/) (Schluss.) Am 17. November 1903 trat Marmorek, des langen Harrens endlich müde, in die weite Oeffentlichkeit hinaus, um die Kliniker beider Welten zu bestimmen, das zu tun, was die Pariser verweigerten: sein Serum gründlich zu prüfen. Er hielt in der Academie de Medecine einen gewollt kurzen, musterhaft bescheidenen Vortrag, dessen gedämpften Ton die Galerie sofort als Beweis von Unsicherheit deute1 e. Totzuschweigen war die Entdeckung nun nicht mehr. Der Vorsteher des Pasteur-Institutes liess sich an demselben Abende von einem gefälligen Journalisten interviewen und am nächsten Morgen las man in mehreren grossen Blättern zugleich mit dem Bericht über die Mitteilung Marmoreks die Erklärung des Pasteurianers, dass sein Mitarbeiter nicht im Namen der Anstalt gesprochen habe, dass die Anstalt seinem Serum fernstehe, dass die Pasteurianer die Veröffentlichung der Entdeckung für verfrüht halten und dass sie keine Gelegenheit gehabt hätten, Marmoreks Tierversuche nachzuprüfen. Marmorek antwortete auf diesen Dolchstoss in den Rücken, wie es ihm seine Würde gebot; er legte sofort sein Lehramt in der Anstalt nieder und richtete sich ein eigenes Laboratorium ein. Am 1. Dezember desselben Jahres nahm in der Academie de Medecine Professor Dieulafoy das Wort und teilte mit, dass während seines Urlaubs sein Stellvertreter auf seiner Klinik sieben Fälle mit Marmoreks Serum behandelt hätte. Bei zwei Kranken habe das Serum gar keine Wirkung gehabt, bei zweien das Befinden sich verschlimmert, so dass mit den Einspritzungen ausgesetzt werden musste, einer sei gestorben und zwei hätten sich der Fortsetzung der Serumbehandlung durch die Flucht entzogen. Künstlich infizierte Meerschweinchen seien trotz des Serums an Tuberkulose eingegangen. Das war der erste Keulenschlag. Den zweiten führte der Chirurg Professor La Dentu. Er habe einen — einen einzigen! — Fall behandelt, aber nach „einigen" Einspritzungen keine Besserung gesehen. Als dritter Scharfrichter trat Professor Hallopeau vor. Sieben Fälle von Hauttuberkulose; keine einzige Besserung; einige Verschlimmerungen. Nur Monod hatte den Mut und die Ehrlichkeit, dem Misshandelten beizuspringen. Er habe, sagte er, Marmoreks Serum in vielen, zum Teile besonders schweren Fällen von chirurgischer Tuberkulose angewendet und in allen ohne Ausnahme Besserung erzielt. Am 8. Dezember kam noch Professor Lucas- Championniere, um den Genickfang zu geben. Fünf behandelte Fälle, keine Besserung, zwei Verschlimmerungen, ein Tod. Damit war für Paris, für Frankreich die Sache abgetan, die Entdeckung gerichtet, der Entdecker als Träumer, Schwätzer, vielleicht sogar Schwindler gebrandmarkt. Marmorek hatte inzwischen die Tasche voll von Briefen namhafter Aerzte, die ihm glänzende *) „Neue Freie Presse" vom 11. Oktober.

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