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Die Welt · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43 „bi* # weit11 Seite 7 ein Zwanzigstel des Judentums zusammenfasste, und der achte Kongress wird der erste sein, der zum Nutzen des Judentums und zur Ehre der Juden durch eine erhebliche Korrektur jenes beschämenden Bruches zustande kommt. Jenen, die das allgemeine und gleiche Wahlrecht hoch leben lassen, antworten wir mit dem Rufe: Hoch die allgemeine, gleiche Kongresswahlpflicht der reifen, s e 1 b s t b e w u s s t e n und vernünftigen Juden. Dr. B. F.. Politische Rundschau. Die Schule soll das Kind auch zur Liebe zum angestammten Volkstum anleiten, zur konfessionellen und nationalen Duldung erziehen, offene und edle Charaktere heranbilden. — Die neue österreichische ScLulnovelle für Volks- und Bürgerschulen stellt diese idealen Postulate auf, Wenn man Umschau hält in Oesterreich, dann ist die Frage berechtigt: Ist's nicht ein frommer Wunsch der Schul Verwaltung, uneriüllbar in einer von nationalem Hasse beherrschten Zeit und in einem Staate, in dem die Schule ein kampfumtobtes Politikum ist und von Lehrern, Eltern und Parteien gewaltsam in den nationalen und politischen Trubel hereingezerrt wird? Nicht Liebe zum angestammten Volkstum wird in Oesterreichs Schulen den Schülern eingeprägt, Hass, blinder Hass gegen alles, was fremdnational und anderen Glaubens ist, wird schon auf der Schulbank gezüchtet, Lehrer und Schüler stehen unablässig unter dem Banne des nationalen Streites. Wo die Lehrer die Rufer im politischen Streit sind und ihren Erzieherberuf in den Dienst politischer Parteien stellen, bekommt es das jüdische Schulkind oft und auffallend genug zu verspüren. Wie viele Lehrer gibt es in Wien, die vor einer stets höhnenden und feindseligen Behandlung ihrer jüdischen Sehulkinder nicht zurückschrecken? Kann natiouale Duldung, konfessioneller Friede das Endresultat einer Pädagogik sein, die judenfeindlicher Gesinnung zum Gaudium der christlichen Kinder schonungslos die Zügel schiessen lässt? Die Neuschule schafft so im Westen die haltlosen Golusjuden, die Produkte der Knechtung und Verhöhnung, denen schon im zarten Kindesalter von der Respektsperson in der Schule die Kluft zwischen Jud und Christ brutal demonstriert und das „Sichducken mit geballter Faust" eingelernt wird. Was die Schule an Entmutigung und Entwürdigung begonnen, setzt die falsche, unjüdische Erziehung im Elternhaus fort, in dem verschämtes, leisetreterisches Judentum allzuoft gepredigt und geübt wird. Die früh geweckten und gepflegten Rasseninstinkte auf christlicher Seite produzieren Judenhass und Chauvinismus, denen kriecherische Assimilationssucht, nationale Selbstverleugnung auf jüdischer Seite gegenüberstehen. Liebe zum eigenen Volkstum hat die interkonfessionelle Schule jüdische Kinder nicht gelehrt. Es wäre trotz allem möglich, wenn die israelitischen Kultusgemeinden, denen nach der Novelle die Feststellung der Lehraufgaben für den Religionsunterricht und die Einteilung des Lehrstoffes auf die einzelnen Klassen obliegt, eine Reform des Religionsunterrichtes im nationalen Sinne anbahnen und so dem Entjudungswerk der heutigen Erziehungsmethode in Schule und Haus wirksam entgegenarbeiten wollten. Sie und die jüdischen Religionslehrer haben einen starken Trumf in Händen und können in ihrem Wirkungskreise verhindern, dass die Taufbewegung unter den österreichischen Juden allzugrosse Dimensionen annimmt. Solche Befürchtung drängt sich auf, wenn man die Taufstatistik der Wiener Kultusgemeinden liest. * * * Knapp vor Torschluss ist Dr. Viktor Adler, der Führer der österreichischen Sozialdemokratie, in Reichenberg zum Reichsratsabgeordneten gewählt worden. Es werden sich Optimisten unter den Juden finden, welche dieser Wahl eines getauften Juden in einem grossen böhmischen Wahlkreise überragende Bedeutung beimessen und die Sozialdemokratie als den bombensicheren Hort der Judenfreundlichkeit über alles loben werden. Nichts wäre verfehlter. Es ist gewiss ein erfreuliches Zeichen, dass die organisierte industrielle Arbeiterschaft den Lockrufen des pöbelhaften Antisemitismus der Wiener Christlichsozialen und Alldeutschen unzugänglich ist. Die Wahl zeigt, was feste, zielbewusste Organisation vermag. Eine Judenschutztruppe zu werden, wie auch viele jüdische Bourgeois hoffen mögen, werden sich die österreichischen Sozialdemokraten wohl hüten. Sie kennen die Massen dieses Staates zu gut. Schuhmeier, dessen „ Volkstribüne" unverfälscht antisemitischen Ottakringer Ton mit Vorliebe anschlägt, hat auf einem Parteitage jede Zumutung philosemitischer Parteiprinzipien abgelehnt. Der „Arbeiter-Zeitung" und ihren jüdischen Redakteuren kann man solche gewiss nicht nachsagen. Ihre frechwitzelnden antisemitischen Glossen wollen bewusst dem antisemitischen Gefühle der Arbeiterleser schmeicheln. Dass Dr. Viktor Adler als getaufter Jude zu einem objektiven, gerechten Urteil über grosse und kleine Judenfragen nicht kommen kann und wird, dafür gibt's aus der Geschichte der „Arbeiter-Zeitung" zahllose Beispiele. Dazu ist er zu viel Parteimann, zu lange Renegat. Er gehört zu jenen, die in der Wiener Gesamtexekutive den galizischen Separatisten die primitivsten nationalen Rechte in der Partei rundweg verweigert haben. Es ist heute nicht der einzige nationale Streitfall in der sozialdemokratischen Partei. Die tschechischen Genossen in Böhmen und Mähren streben mit aller Macht eine weitergehende Dezentralisation an und wollen los von Wien, los von der deutschjüdischen Parteileitung. Die Beratungen der österreichischen Gewerkschafter waren von diesem Streite beherrscht, der abermals zeigt, wie innerhalb der Sozialdemokratie der nationale Gedanke «sich vertieft und immer weitere Kreise in seinen Bannkreis zieht. Welche scharfe Spannung das auf ihre nationale Parteiautonomie gerichtete Streben der Tschechen zeitigt, bewies die vor einigen Tagen zwischen der „Arbeiter-Zeitung" und dem Prager Bruderorgane „Prävo lidu" geführte Polemik, in der es sich um kleinliche Dinge, nationale Eitelkeiten handelte, die aber recht tief blicken lässt. Den jüdischen Genossen — getauften, ungetauften, konfessionslosen — geht jede solche nationale Strömung sehr wider den Strich. Sie tun zu ihrer Unterdrückung, was in ihren Kräften steht. Wie lange noch? * * * Die Aufrollung einer spaniscbjüdischen Frage ist ein Witz der Geschichte, wie er selten fällt Spanien, das ausgesaugte, ruinierte Land, das vor Jahrhunderten eine erwerbsfleissige, tüchtige jüdische Bevölkerung über die Grenze gejagt hat, will sie zurück. Eine Repatriierung in allen Ehren, eine Aufhebung des Exils. Es wird auf die Sephardim, die man lockt und lockt, wohl wenig Eindruck machen. Die Beweggründe sind zu deutlich, die Rückkehr wenig verlockend. Grosszügig soll die Repatriierungsaktion eingeleitet werden, das ist wahr. Und wenn alles auf Wahrheit beruht, was berichtet wird, ist sie auch sehr ernst. „Spanier ohne Vaterland" - [so apostrophiert man die Sephardim, die von der königlichen Akademie der Sprache umworben, zur Förderung und Ausbreitung der jüdischen Sprache herangezogen, als die Träger des spanischen Handels im Orient ihrem Urmutterlande dienstbar gemacht

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