Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Die # weit Nr. 43 vorhanden. Im Vergleiche mit dem Juden ist selbst der kleinste, der am schwächsten und ungenügendsten vertretene Staatsbürger noch immer ein Privilegierter. Wenn schon kein anderes, das eine Privileg ist ihm sicher: kein Jude zu sein. Und wieder muss ich sagen: die Gerechtigkeit würde eher das Gegenteil verlangen. Die ungleiche und ungerechte Behandlung der Kurien — für den Juden setzt sich diese Ungleichheit und Ungerechtigkeit noch in der einzelnen Kurie fort. Gerade für ihn, den Gedrücktesten, den am meisten unter Vorurteil und Verfolgung leidenden Sündenbock aller anderen! Gerade für ihn, dem als dem Schutzbedürftigsten der stärkste Schutz notwendig wäre! Beim ungleichen Wahlrechte hat der Jude noch eine besondere, nur für ihn und seine Interessen bestehende Ungleichheit erfahren. Ist es notwendig, erst zu sagen, dass diese Ungleichheit auch unter der Herrschaft des gleichen Wahlrechtes nicht verschwinden kann? Sie wird ganz gewiss nicht verschwinden. Denn diese Ungleichheit entspringt nicht einer Schwäche, einer Ungerechtigkeit des jetzigen Wahlrechtes, sondern einer Schwäche der Juden, einer Ungerechtigkeit, die die Juden seit jeher gegen sich selbst begehen. Und hier liegen die Gründe dafür, warum weder das jetzige Wahlrecht den Juden irgendwie geholfen hat, noch auch das künftige, allgemeine und gleiche Wahlrecht ihnen nennenswerten Nutzen bringen wird. * * * Die verderbliche Schwäche der Juden besteht darin^ dass sie sich für alles eher und mit mehr Kraft und Begeisterung einsetzen als für ihre eigenen Interessen. Sie streben immer „zum Ganzen", während die übrige österreichische Politik immer nur zu den Teilen strebt. Sie leiden an Ueberentwicklung des politischen Altruismus, an der Verkümmerung des politischen Egoismus. Es geht ihnen wie den jungen, schwämerischen Menschenkindern, die sich ordentlich schämen, wenn sie einmal frei und rücksichtslos um das Ihre sich kümmern sollen. Und darum geschieht ihnen, was den jungen Schwärmern zu geschehen pflegt: Kein Mensch kümmert sich um ihre von ihnen selbst verleugneten Interessen. Woher stammt nun diese Schwäche? Die jungen Schwärmer müssen, oft gegen ihren Willen und trotz ihres schönen Aufbäumens, zu dem Ausmass von Egoismus erzogen werden, das zur Selbsterhaltung unbedingt notwendig ist. Den Juden fehlt di^se Erziehung noch. Und doch existiert die Schule schoii, deren Lehrplan auch diese Erziehung zum Gegenstande hat. Auf der Pforte der Schule steht in grossen, wie es aber scheint, noch immer nicht genügend grossen Lettern : „Zionismus". Und4das Lehrmittel, das für diesen Unterrichtsgegenstand als Grundlage zu dienen hat, heisst; Baseler Wahlrecht. * * * Die nichtzionistischen Juden — denn die zionistischen sind über jene Schwäche, die wir eben tadelten, längst hinaus — mögen sich einmal die Mühe nehmen, das Wahlgesetz, an dessen Erringung so viele von ihnen ihren ganzen Eifer setzen, mit dem Baseler Kongresswahlgesetze zu vergleichen. Sie finden da ein Wahlrecht, das an einen so niedrigen Zensus gebunden ist, dass man es ein allgemeines nennen kann. Unser Schekelzensus stellt keine Beschränkung des Wahlrechtes dar, sondern einen durch die Tatsache des Golus gebotenen Ersatz für dasjenige, was in den europäischen Wahlgesetzen die Bedingung der Staatsangehörigkeit des Wählers bedeutet. Und wir haben ein gleiches Wahlrecht, wir haben keine Kurien, keine Privilegien für die Reichen. Ein Abgeordneter für 200 Wähler — wir sind also grossgrundbesitzermässig vertreten. Und wie steht es nun mit unserem Parlament? Die Juden benützen wohl sämtlich dieses allgemeine Wahlrecht, das ihnen kampflos geboten wird? Ach nein, sie tuns nicht! Auf dem letzten Kongresse sagte ein Redner, die Wählerschaft des Kongresses umfasse ein Sechzigstel des Judentums. Nach dem Kongresse korrigierte ein anderer diese Angabe und berechnete, dass sich ein Zwanzigstel aller Juden an unseren Wahlen beteilige. Ein Zwanzigstel! So behandeln die Juden ihr Parlament, dessen Wirkungskraft gerade von der Zahl seiner Wähler abhängt, im direkten Verhältnis zu dieser Zahl steht! Ihr Parlament, auf dessen Tagesordnung ihre eigenen und, was viel mehr ist, ihre alleinigen, mit keinen fremden vermischten Interessen zur Behandlung stehen! Ein Zwanzigstel! Die übrigen neunzehn Zwanzigstel setzen sich zusammen aus den Entfernten, die der Arm unserer Organisation noch nicht erreicht hat, aus den Armen und Gedrückten, denen die furchtbarste Not der Gegenwart keinen Augenblick zum Nachdenken lässt, und schliesslich aus den Spöttern und Denkunfähigen, die dem Kongresse die Fähigkeit zur Lösung der Judenfrage abzusprechen wagen in demselben Augenblick, in dem sie ihm durch ihre Stimmenthaltung das einzig notwendige Mittel zu seiner notwendigen Stärke entziehen. Der Zionismus ist die politische Schule der Juden. Dort lernen sie ihre eigenen Geschäfte besorgen. Es ist selbstverständlich, dass sie erst dann und erst dadurch fähig werden, sich an den Geschäften ihrer Wirtsvölker zu beteiligen. Solange sie diese Schule nicht durchgemacht, pfuschen sie bloss in der Politik des Staates und der Parteien herum, helfen sich nicht und den anderen nur in zweifelhafter, problematischer Weise. Sie fälschen und verwirren die Politik (siehe Mähren!), sie bilden den spaltenden Keil in den Parteien (siehe die deutschen Parteien, die Sozialdemokratie). Die heutige politische Ungeschultheit der Juden ist ein Unglück für sie und für die Zukunft des Judentums, die dem Zionismus anvertraut ist. Für sie: denn kein noch so modernes und gerechtes Wahlrecht vermag politische Reife zu erzeugen. Wenn die Wahlrechtsagitation siegreich zu Ende gelangt, ehe die Juden sich diese politische Reife erworben haben, wird, vom jüdischen Standpunkte gesehen, die Allgemeinheit des Wahlrechtes nur die Folge haben, dass den verschiedenen nationalen und Parteiinteressen ein paar tausend Judenstimmen mehr zugeführt werden; die Gleichheit aber wird eine für alle, nur nicht für die Juden sein. Die politische Unreife der Juden ist aber auch ein Unglück für den Zionismus, den Verwahrer der jüdischen Zukunft. Was ihm fehlt, ist nicht das allgemeine Wahlrecht — denn das hat er seit seiner Geburt — sondern die allgemeine K o n gr e s s w a h lp f 1 ic h t der Juden. Und weil diese nur in einem schon bestehenden Staate mit gesetzlichem Zwang eingeführt werden kann, so würden wir uns in einem fehlerhaften Zirkel bewegen, wenn wir nicht die Erfahrung und die Ueberzeugung von dem immer heftiger wirkenden Zwang der jüdischen Lage und das Vertrauen zu der Vernunft unserer Sache und zur Macht und werbenden Kraft unserer Agitation hätten. Die Agitation sei denn auch das Schlusswort unserer Betrachtung. Agitieren wir, damit immer mehr Juden Wähler des Kongresses werden. Dann wird der siebente Kongress der letzte gewesen sein, der bloss