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Die Welt · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 # '■ ' ' V \ verabschiedete den lieben Freund und „Alten Herrn* der Wrbindung,der ihr stets als Mütter vöranleucbtete und ihr unvergängliches Vorbild bleiben wird. J? Hierauf wurde der Sarg von Kadimahneni aus der Halle zum Grabe getragen. ' ' Am offenen Grabe sprach im Namen seiner engeren Landsleute und persönlichen Freunde Herr Dr. Halberstamm. In rührenden Worten führte er das Bild des verstorbenen Freundes vor und illustrierte dessen Eigenschaften und Tugenden an dem Psalm XV, die der Redner in glänzender Weise nach dem Urtexte auslegte. .; , Herr Arch. M a r m o r e k schüttete hierauf einige Sehollen Erde aufs Grab im Auftrage des Aktionskomitees, worauf sich das Grab schloss, in das wir Zionisten einen unserer liebsten, wackersten und treuesten Freunde senkten. Auf telegraphischem Wege sind in unserer Redaktion Trauerkundgebungen eingelaufen: Von Ing. Ussischkin in Jekaterinoslaw: . „Finde keine Worte, unser grosses Bedauern über den Verlust des teueren, wackeren Kollegen Kokesch auszudrücken/ B. Jaffe in Grodno „ drückt im Namen der russischen Aktionskomitemitgliedern das tiefste Mitgefühl den Zionisten sowie der Familie des verewigten Dr. Kokesch aus". Es liefen ferner Trauerkundgebungen ein von Dr. Marmor ek, Paris, Dr. Bodenheim er, Köln, im Namen der deutschen Landsmannschaft, Slotopolsky, Kiew, Dr. S. Werner u. a. Im Namen des Präsidenten Wolffsohn drückte Herr Arch. Marmorek. infolge telegraphischen Auftrages, dessen Beileid aus. Das Leichenbegängnis dauerte von bis 1|a2 Uhr; traurig und aufs tiefste gerührt verliessen wir den Friedhof, im Bewusstsein, dass Dr. Kokesch, der nirgends und nimmer fehlte, nicht mehr in unserer Mitte weilt. B. Boykott. Während diese Zeilen aufs Papier kommen, spricht eine Viertelstunde weit ein Wiener Schriftsteller im überfüllten Saale eines Hotels über „Befähigungsnachweis und die Juden" und alle graduierten liberalen Politiker stehen Pate bei den Vernichtungsphrasen, die da geboren werden. Vernichtungsphrasen gegen die Antisemiten, denen der Befähigungsnachweis nichts anderes ist, als eine Zugbrücke zum Gewerbe, die sie vor den Juden aufziehen. Mit bedeutsamem Augenzwinkern hat bereits ein antisemitischer Gewerberetter diesen ungeschriebenen Kommentar ausgesprochen: „Die neue Prüfung/ sagte er, „wird sehr leicht sein; sie soll nur dazu dienen, unliebsame Elemente von unserem altrenommierten, schwer bedrängten Gewerbe fernzuhalten." Die alten Plackereien waren schon zu klein in der Wirkung und bedurften doch einer eisernen Stirne der ausführenden Organe. Lassen wir darüber die Worte eines bekannten Industriellen bei der letzten Zelluloidenquete sprechen: „Sie glauben gar nicht," war der Schluss seiner Ausführungen an die Kommission, „wie wir Gewerbetreibenden (lies jüdische, denn den „kleinen Mann" wickelt man in Wien sonst in Watta) von den magistratischen Behörden gequält werden." Sofort erhob sich ein Magistratsrat, um, jeder Zoll Entrüstung, die „Verdächtigung ungesetzlichen Vorgehens" zurückzuweisen. Die Duplik gab uns ein Wiener Konzipient mit einer Erzählung, in welcher er seine Leidens,gänge um ein Legitimationspapier für einen Gewefbetreitienaeü schilderte; Öhne Welches der Betrieb gar nicht eröffnet werden kÖhiite. Maii schickte ihn im Amte von Pontius zu Pilatus und als ihm endlich die Geduld' riss, gab ihm ein füblendes Herz von Beamten endlich dife AntWbrt: „Dal härtis ja ganz Recht, dass es ühgesehlich ist, wenn wir das Papier nicht ausstellen. Aber es is' mai so.* Es. is^ n^> so. Welch ein empörendes Wort der Uebermacht, <}ie niit ihrer Frechheit über die Gesetze irmmpb^rt! Aber, es istj wirklich so. Das bürgerliche Gesetzbuch; ist ein niarmorner Fels, wenn es gegen 4ie; Juden spricht JJnd es ist ein Mückenschleier, wenn es uns schützen soll. Wir wollen uns nicht lächerlich machen und vor der imposanten Gewalt des „es is' mal so" die Aufrichtung unserer niedergetretenen Ehre verlangen; aber wir wollen untersuchen, wie yiel Nullen der Paragraph hat, der uns Schutz unseres Eigentums verspricht. Der Schriftsteller, der gerade spricht, die Abgeordneten, die ihm assistieren, und die Kaufleute, die Beifall und Pfuirufe gerecht verteilen, glauben doch nicht, dass sie etwas erreichen werden? Die Regierung wird es niemals wagen, dem von allen Parteien eingesetzten Gewerbeausschuss zu widersprechen, in welchem der Antisemit Schneider das grosse Bombardon spielte und die heissersehnte Rettung des kleinen Mannes durch eine Operation an dem noch kleineren Juden vorgenommen wurde. Zahlt nur pünklich eure Steuern, Juden; zahlt ihr sie nicht, so sperrt man euch den Betrieb; zahlt ihr sie ja, so werden von einem Teile davon staatliche Organe angestellt, die darüber nachdenken werden, wie man euch den Betrieb sperren kann. Demonstrieren dürft ihr aber weiter, nach altbewährter Methode, tätig und leidend: Ihr demonstriert gegen die Antisemiten und die Antisemiten demonstrieren euch, dass eure Demonstrationen für die Katz' sind. Es wird ein Stück offizieller Antisemitismus in Kraft treten, das Kind einer Familie, in welcher die Regierung und das Volk die Eltern sind und eine zahllose Kinderschar bereits gezeugt haben. Schade um die Kosten, welche sich die Oesterreichisch-Israelitische Union mit Saalmiete, Beheizung und Beleuchtung macht. Der Vorstand wird sich mit der Resolution zum Handelsminister begeben, wird feierlich sprechen, der Minister wird gütig sprechen, aber die richtigen Stimmen wird man erst aus dem Reichsrate hören. Besonders starke Optimisten wollen sich für ein Dutzend Kontra-Stimmen verbürgen. Hier in Wien haben die Advokaten jetzt schon alle Federn voll zu tun, um den seckierten Gewerbetreibenden zu ihrem Rechte zu verhelfen. Jetzt noch das nfeue Gesetz! Und du, Gailizien? Ein gewiegter Fachmann1 sagte uns, dass bei Inkrafttreten der neuen Gesetzesvorlage die jüdische Auswanderung aus Oesterreich sich verdoppeln dürfte. Wie könnte es auch anders sein, wenn die Zulassung zu einem Gewerbe von der Zünft abhangig wird. Solche Zustände sind denen in Rumänien gleich. Das wird uns wohl den Ernst der Sache einleuchtend vor Augen führen. Die Juden, benehmen sich in ihrer Politik wte Schläfer auf eipem Sessel. Wenn man sie fest mit einer Nadel sticht, springen sie wütend in die Höhe und schlagen Lärrp; WennVaber nicht mehr wehtüt und man wieder still wird, schlafen sie sänftiglich wieder ein.. So haben sie es kider schon unzählige Male getan, wenn gesetzliche Verfügungen, Verwaltungspraxis oder antisemitischer Terrorismus sie im innersten Leben ge-

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