Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 42 y9bie-*-w*it* Seite 16 Das Vermögen des in Paris verstorbenen Baron Alfons von Rothschild ist nunmehr festgestellt. Bs beträgt insgesamt zirka 940 Millionen Franken, von denen die Steuerbehörde 21 Millionen erhält. Die Erbschaft zerfällt in vier Teile, von denen zwei Teile an die Witwe, ein Teil an Madame Ephrussi, die Tochter, und ein Teil an den Sohn Eduard Rothschild entfallen. Dem XIV. Weltfriedenskongresse, der soeben in Luzern tagte, wurde auch eiLe Resolution vorgeschlagen, welche den Opfern der Massakers in Tratißkaukasien Sympathie ausdrücken sollte. Zu dieser Resolution wollte Frau Chelica (Paris) einen Zusatz angefügt wissen, der sich auf die an russischen Juden verübten Gnuel bezieht. Dieser Antrag wurde einer Kommission überwiesen, die eine auch diesen Vorschlag berücksichtigende Resolution unterbreiten soll. Der Beer-Preis für jüdische Maler. Die Königliche Akademi e der Künste in Berlin nat den Wettbewerb um das Stipendium der ersten Michael Beerschen Stiftung für jüdische Maler aller Fächer für das Jahr 1906 ausgeschrieben. Der Preis besteht in einem Stipendium von 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien und ist zahlbar in vierteljährlichen Raten, deren erste im Betrage von 900 Mark beim Antritt der Studienreise, die ferneren mit je 450 Mark in Italien zur Auszahlung gelangen. D^r Stipendiat ist verpflichtet, sich acht Monate in Rom aufzuhalten und über seine Studien vor Ablauf der ersten sechs Monate an die Akademie unter Beifügung eigener Arbeiten schriftlichen Bericht zu erslatten. Da haben sie es! Ungarisch -Hradisch, 16.Oktober. (Tschechische Demoastrationen.) Die Führer der hiesigen Tschechen veranstalteten heute einen Tabor als Protestkundgebung geg^n den Brünner Volkstag. D« r tschechische Advokat Dr. Seifert forderte zum Boykott der Juden auf, welche als nationale Gegner in schärfster Weise bekämpft werden müssen. Nach der Versammlung wurde ein Demonstrationsumzug arrangiert. Feuilleton. Der Roman eines Heilserums.*) Von Dr. Max N o r d a u. Mit den grossen Katzen, die sein Leben bedrohten, ist der Mensch überall fertig geworden. Gegen die kleinsten Feinde hat er sich bisher nicht wehren können. Einer der allerwinzigsten unter ihnen, der Tuberkelbazillus, ist unvergleichlich fürchterlicher als Löwe und Tiger und alle anderen Eaubtiere zusammen. Er ist der gewaltigste Würger auf Erden. Kein Krieg, keine jäh aufflammende und erlöschende Seuche nimmt es an verheerender Macht mit ihm auf. Der Krieg von 1870 hat Deutschland 40 080 Tote gekostet. In Preussen allein starben 1903 70 049 Menschen an Tuberkulose und bis vor 15 Jahren waren es 88 000 gewesen. Frankreich verlor in demselben Kriege 80 000 Menschen. Die Tuberkulose rafft jährlich 150 000 Franzosen weg. Ein Zug der Cholera durch Europa regt den Erdteil gewaltig auf. Und doch tötet sie weniger Menschen als die Tuberkulose, die beständig unter uns haust und die uns stumpf lässt. Was tun wir gegen diese Geisel der Menschheit? Der alte Skoda pflegte, wenn er einen Brustkranken untersucht hatte, seinen Schülern halblaut zu sagen: „Morbus viennensis \" und zu seufzen. „Die Wiener Krankheit!" In jeder Stadt Europas kann man ihr den eigentlichen Ortsnamen geben, denn sie ist allgegenwärtig und überall gleich verbreitet und wenn man sie erkannt hat, ist ein mitleidiger Seufzer alles, was man für den Kranken tun kann. Denn jeder ehrliche Arzt, der seine Augen zu gebrauchen weiss, muss sich zerknirscht bekennen, dass er den schwereren Formen der Tuberkulose, der Hirnhautentzündung der Kinder, der '.Lungenschwindsucht der Erwachsenen, der Miliartuberkulose, vollkommen ohnmächtig gegenübersteht. 'Ein französischer- Kliniker hat sich und die *) 8Neüe Freie Presse^ vom 11. Oktober. anderen über diese grausame Tatsache mit dem oft angeführten prahlerischen Worte hinwegzutäuschen versucht: „Die Schwindsucht ist die am leichtesten heilbare Krankheit, die es gibt!" Gewiss, die Sei) wind sucht heilt: aber man heilt sie nicht. Sie heilt, wenn der befallene Organismus aus eigener Kraft mit ihr fertig wird. Aber der Arzt kann ihm dabei nicht helfen, es sei denn mit allgemeinen Anempfehlungen von Kühe, guter Ernährung, frischer Luft und Sonnenschein, die in ihrer Gemeingefährlichkeit wie Verhöhnungen klingen. Kein Heilmittel der Vergangenheit und Gegenwart, weder Lebertranöl, das sich seit einem Jahrhundert behauptet, noch benzoesaures Natron, das vor einem Vierteljahrhundert in Mode war, noch Kreosot und Arsenik, die heute die Eselsbrücke des Praktikers sind, der sich das Verschreiben nicht abgewöhnen kann, hat jemals den Verlauf einer Schwindsucht auch nur eine Stunde lang aufgehalten. Ich schwatze nicht aus der Schule, wenn ich dies offen ausspreche. Der Bankbruch der medikamentösen und hygienischen Behandlung der Tuberkulose ist kein Berufsgeheimnis der Mediziner mehr. Der alte Professor Herard, der Vorsitzende des Weltkongresses der Tuberkulose, der diese Woche in Paris tagte, hat das trostlose Geständnis in seiner Eröffnungsrede abgelegt. „Alle unsere Bemühungen, dem Krankheitserreger im erkrankten Menschen beizukommen, sind ergebnislos geblieben. Wir müssen unsere Anstrengungen der Krankheitsverhütung zuwenden, gegen Ueberanstrengung, Wohnungselend und Trunksucht ankämpfen, die den Menschen schwächen und dadurch für die Tuberkulose empfänglich machen.'4 Das war der Weisheit letzter Schluss der Heilkunde, verkündet durch den Mund eines ihrer Oberpriester. 3500 Aerzte aus beiden Welten, fast alle Spezialisten, die sich nur mit der Behandlung der Tuberkulose beschäftigen, hörten die Worte des Professors Herard und erhoben keinen Einspruch. Wrie konnten sie? Sie wussten, dass er recht hatte. Gegen die Trunksucht, die schlechten Wohnungen, die Ueberanstrengung! das sollen die neuen Feld schreie der Medizin sein. Aber mit diesen Feldschreien marschieren die Aerzte im letzten X'aehtrab der Volksschullehrer und Seelsorger, der Verwaltungsbeamten und Polizeibehörden, der Sozialpolitiker und Wirtschaftslehrer, und können ihre faehwissensehaftliehe Ausrüstung beim Tross zurücklassen, da sie nicht dazu gelangen, sie zu gebrauchen. Man denke sich den Seelenzustand dieser 3500 angesehenen, vielfach weltberühmten Männer von hochentwickelter Sittlichkeit, die sich vor aller Welt sagen lassen müssen: „Eure Krankenbehandlung ist eine Zeremonie ohne Inhalt; ihr vollzieht mechanisch Riten, an die ihr nicht glaubt \iC Wie verständlich ist der Plerzensschrei des Wiener Professors v. Schrötter, der in der Abteilung für Heilstättenwesen ausrief: „Haben wir eine Bchandlungsweise der Tuberkulose, di e auch nur so viel wie die Heilstättenkur leistet? Brächte sie einer, jeder von uns würde sie gern annehmen!" War dieser Plerzensschrei aber aufrichtig? Die Frage ist berechtigt. Denn einer hat eine Bchandlungsweise der Tuberkulose gebracht, die'unvergleichlich mehr leistet als die Heilstättenkur — diese leistet nämlich nach der Ansicht vieler Redner des Kongresses gar nichts — aber Hofrat v. Schrötter hat ihn nicht „gern angenommen", sondern ihn überhaupt nicht der geringsten Beachtung gewürdigt. Dieser eine aber, der die von Professor Schrötter mit frommem Augen auf schlag herbeigesehnte, mehr als alle bekannten Heilmethoden leistende Behandlungsweise der Tuberkulose gebracht hat,'ist Dr. Alexander Marmorek. Einige Worte über den Mann, ehe ich von seiner Tat spreche. Di\ Marmorek ist jetzt 40 Jahre alt. Er ist Oester-