Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 n-bl*-"* W^lt" Nr. 42 u t<»r dem Titel : „Espaniolos sin patria y la Raza Sefar.ii" („Spanier ohne Vateua^d u.»d d*e Raes« der Sefardim'). In diesem umfangreichen Werk»*, das ein uogeheueres etatistisches Material enthält, sucht der Verfasser seinem VaterJande nun auch den Beweis zu erbringen, dass die Aufrollung dieser Frage berechtigt ist, die Sefardim der Sympathie ihres Ur-Mutterlandes würdig und als Staatsbürger brauchbar sind. Was Dr. P u 1 i d o da nüchtern und objektiv gebammelt hat, sind Belege, Tatsachen und Zahlen, auf deren Grundlage er seine Arbeit aufbaut und sie dadurch zu einem historischen Dokument von hohem Werte macht. Das Werk hat in der gesamten spanischen Presse Anerkent ung gefunden und die spanische Regierung, der es als Material überwiesen wurde, jüngst veranlasst, durch den Unterrichtsminister erklären zu lassen, dass sie sich das Programm Dr. P u 1 i d o s zu eigen mache. Damit ist die spanisch-jüdische Frage in ein entscheidendes Stadium getreten. VtMr*@bFonik- Bemerkenswertes Legat. In Warschau starb kürzlich der reiche jüdische Kaufmann Lesser Levy und hinterliess eine grosse Summe zu dem Zwecke der Förderung der jüdischen Emigration aus Russland. Der „Fraind" selbst hebt hervor, dass es das erstemal ist, dass in Russland ein derartiges Legat hinterlassen wird. „Raschi" in Paris. Es ist interessant, dass unter den Namen, welche die Fassade der Bibliothek Sainte-Genevieve in Paris schmücken, sich auch der Raschis befindet. Die rumänischen Juden scheinen unter der Aegide des neuen konservativen Ministeriums Kontakazinu erneuten Bedrückungen entgegenzugehen. So hat der Präfekt des Kreises Botoschani jetzt die Ausweisung aller jüdischen Einwohner seines Kreises vom flachen Lande verfügt; ehre Eingabe christlicher Bürger, diese Verfügung aufzuhieben, war erfolglos. 230 Familien mussten nun ihren Wohnsitz verlassen und in die Städte ziehen, ohne dass ihnen Zeit gelassen wurde, ihre Geschäfte regulär zu liquidieren. Wer nicht freiwillig ging, wurde gewaltsam auf Wägern fortgeführt. Galizische Zustände. In der Lemberger Mickiewicz- Schule, in die die Juden sich am meisten drängen, ist es dem Direktor eingefallen, die jüdischen Schülerinnen in den Klassen getrennt von den christlichen zu setzen. In dem Przemysler Seminar für Mädchen werden nicht mehr wie ein Prozent jüdische Schülerinnen zugelassen. Alkoholismus und Judentum. Kürzlich fand in Budapest der Zehnte internationale Kongress gegen Alkoholismus statt, in dessen Verlaufe vielfach die besondere Massigkeit der Juden betont und anerkannt wurde. Einer der Referenten (Prof. Kassowitz) führte unter anderem folgendes aus: „Ich habe zwei Kinder gruppen beobachtet: Zöglinge der Ungarisch- Israelitischen Taubstummenanstalt und Besucher der Budapester Gratismilchanstalt. Unter 389 Taubstummen des erwähnten Institutes fand ich bloss acht, deren Eltern Alkoholiker waren. Diese niedrige Zahl wird durch die Massigkeit der Juden erklärt." Die Schächtfrage in Wien. Der Stadtrat hat in seiner Sitzung beschlossen, gegen die Entscheidung des Ministeriums des Innern, durch die dem Ministerialrekurs der Gemeinde Wien gegen den Statthaltereierlass in Angelegenheit des Schächtverbotes keine Folge gegeben wurde, die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof zu ergreifen. Da der Gemeinde rat hierzu seinel Zustimmung geben muss, so wird man wahrscheinlich schon in allernächster Zeit eine neue Auflage der Schächtdebatte erleben und da wird wohl den diversen antisemitischen Sachverständigen in jüdischen Ritualfra^en wieder einmal willkommene Gelegenheit geboten sein, ihre Weisheit leuchten zu lassen. Ein Jude als Staatskommissar. Unser Stammesgenosse Professor Jakob fl. Holländer, der vor zwei Jahren Finanzminister von Portorico war und die Insel durch eine geschickte Steuergesetzgebung aus allen finanziellen Nöten befreit hatte, ist jetzt vom Präsidenten Roosevelt als sein Spezialgesandter nach San Domingo geschickt worden, um die Finanzlage dieser Republik zu studieren. Professor Holländer wird seine Untersuchungen bis Oktober'd. J. beendigen müssen, da er als ordentlicher Professor der Nationalökonomie an der Johns Hopkins University sein Katheder nicht lange leer stehen lassen, kann. Professor Holländer ist erst 35 Jahre alt und ein treuer guter Jude. So pflegt er am Jomkippur in der Hat-Sinai-Synagoge zu Baltimore die Funktion eines Vorbeters auszuüben. Ferner ist er Direktor der dortigen jüdischen Wohltätigkeitsgesellschaft, Vizepräsident des amerikanisch jüdischen Geschichtsvereines, Mitglied des Komitees, der Jewisfo Publikationen Society und vieler anderer jüdischer Vereine. Chinesen gegen Juden. Ein Reuter-Telegramm meldet aus Johannesburg unter dem 3. Oktober: Gestern Nacht griff eine Bande Chinesen einen einsam gelegenen Laden in Klipfontein. dessen Inhaber Juden sind, an. Die Juden setzten sich energisch zur Wehre. Einer von ihnen wurde schwer verletzt und erlag bald darauf seinen Wünden. Drei andere Juden wurden leichter verletzt. Die Polizei forscht nach den Tätern. Das Jargontheater in New York. Im „Amreican Israelite4 \en ffenitiicht M. Landman ein Interview, das er mit dem bekannten Jargontheaterdirektor Jacob Adler über die Zukunft der Jargonbühne hatte. Wir entnehmen dem Interview folgende interessante Daten: Die Jargonbühne ist im Grunde eine amerikanische Einrichtung. Nicht einmal in Russland hat sie Fuss fassen können. Denn was die Jargontheatergeseillschaften in Ruisslanid zur Aufführung bringen, ist Goldfaden oder nach seiner Manieir gearbeitete komische Opern. In Amerika hat sich aber seit 1885 ein höherstehendes Jargondrama entwickelt, das Anspruch darauf erheben darf, von der Weltliteratur ernst genommen zu werden. Leider ist die gegenwärtige Lage der Jargonbühne nichts weniger als günstig und auch die Zukunft dieser Bühne wird von Mr. Adler pessimistisch beurteilt. Die Ursachen sind mannigfach. Es fehlt vor allem an einem genügend reichen Repertoire. Das erste wirkliche Jargondrama war Lilüenlums „Gestörte Hochzeit", das 1885 in Odessa zur Aufführung gelangte. Von Bezeliensky stammt ein Drama „Raschi44. Fiedler schrieb den „Lumpensammler1 von Paris". Der begabteste Autor der Jargonbühne ist Gordin. Er hat dieser Bühne einen „König Lear4, „Sibirien44 und „Gott, Mensch und Teufel44 geschenkt. Liebin, der Verfasser der „Zerbrochenen Herzen 4, ursprünglich ein Schneider, ist mit seiner allerdings treuen Beobachtungsgabe auf ein zu enges Milieu beschränkt. Er und Gordon sind die einzigen in Betracht kommenden Autoren der modernen Jargonbühne, der aber seit einiger Zeit — das Publikum fehlt. Die neuen russischen Einwanderer bevorzugen das Melodrama, das ihrem Bedürfnisse nach einer mit tragischen Sentiments untermischten Possenheiterkeit eher entspricht als das Jargondrama mit ernster Tendenz. Auch Zangwills „König der Schnorrer44 hatte keinen Erfolg. Das Publikum erfasste die fein unterscheidende Charakteristik des sephänischen und deiS aschkenasischen: Juden nicht. Und das Eastside'-Pii'bli'kurn, das durch längeren Aufenthalt in Amerika die englische Sprache besherrschen gelernt hat, wird dem Jargontheater untreu und sucht das englische Theater auf. Die Einwanderungsfrage soll in Amerika wieder einmal zur Beratung kommen. Die »National Cevil Föderation" hat die Anregung dazu gegeben und an die Gouverneure aller Staaten die Einladung ergehen lassen, für eine am 6. und 7. Dezember in New York stattfindende Konferenz Delegierte zu entsenden. Jeder Staat soll durch zehn Delegierte vertreten sein und man erwartet, dass auch Präsident Roosevelt einen offiziellen Vertreter ernennen werde. Die Beschlüsse dieser Konferenz sollen dann eine Direktive für die in Aussicht genommenen Aenderungen der Bin Wanderungsgesetze sein. Die Bibliothek des verstorbenen Oberrabbinners von Budapest, Dr. Kaysprling, ist an dasHebrew Union College in Cincinnati gelauert, und zwar als Geschenk von Oskar Strauss in New York. Die Bibliothek ist namentlich für die Geschichte der amerikanischen Juden von grossem Werte. Wertvolle jüdische Büoher. Die Frankfurter Stadtbibliothek hat von Frau Baroain Mathilde von Rothschild eine höchst wertvolle Schenkung erhalten, die die hebräische Abteilung dieser Anstalt sehr bereichert. Sie besteht, wie der Direktor der Stadtbibliothek mitteilt, in einer Sammlung karäischer Werke. Die Karäer, eine um die Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. in Babylonien entstandene jüdische Sekte, die im Gegensatze zu den Rabbinaten die rabbinische Ueberlieferung verwarf, finden sich heute nur noch in kleinen Gemeinden zerstreut in der Krim, in Südrussland, in der Türkei, in Nordafrika und Aegypten, besonders in Kairo. Ihre gedruckte Literatur, meist polemischen, exegetischen und liturgischen Inhaltes, ist in Europa nur sehr schwer zu erhalten. Die Stadtbibliothek besitzt nunmehr durch jene Schenkung fast alle gedruckten Werke der Karäer. Diese sehr seltenen Schriften, die sich zum Teile nur im British Museum in London finden, lind in hebräischer oder in jüdisch-türkischer Sprache geschrieben.