Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 42 „bi* # W^lt Seite 13 in seiner Art, repräsentativ hervorragende Juden, aber keine Repräsentation des jüdischen Volkes und ihr Recht für die russischen Juden einzutreten, hatte keine andere Basis als ihr eigenes Gewissen. An ihrem guten Willen kann nicht gezweifelt werden. Es seien zwei grosse Elemente an dieser Frage beteiligt, die amerikanische und die russische Judenschafr, keine von beiden sei befragt worden. Wäre das jüdische Volk befragt worden, es würde höchstwahrscheinlich abgelehnt haben, bei einem russischen Minister ausserhalb seines Landes vorzusprechen und ihm Tatsachen bekanntzugeben, die er besser kennt, als jede jüdische Deputation. Wären die russischen Juden befragt worden, ihre Antwort an ihre amerikanischen Brüder wäre gewesen, jede Politik zulassen und sie materiell desto kräftiger zu unterstützen oder ihnen in einer nichtrussischen Emanzipationsbewegung zu helfen. Aber die Intervention von aussen, habe die russischen Juden noch mehr zu Fremden im Geburtslande gemacht, wie die letzten Massakers beweisen. Der .American Israelite" bringt zur Passfrage in Russland einen Brief des Staatsdepartements an Simon Wolf, den Präsidenten der amerikanischen jüdischen Kongregationen, in welchem mitgeteilt wird, dass nach inoffiziell erhaltenen Informationen bei I krafttreten des neuen Gesetzes folgende Bestimmungen gelten werden: Der Ausdruck „Fremder", wie er im Projekte des Senators D u r n ovo gebraucht wird, wird nicht bezogen werden auf frühere russische Untertanen ohne Rücksicht auf Religion, die an "erwärts ohne Bewilligung Russlands naturalisiert wurden. Dieselben gelten also als russische Uutertanen und werden bei ihrer Rückkehr nach dem russischen Strafgesetz behandelt. Die Kinder früherer russischer Untertanen, im Auslande geboren, gelten als Fremde. Ein Fremder, der in Russland ankommt, erhält ohne Unterschied der Religion vom Gouverneur der Lokalpolizei einen Pass, der für den Aufenthalt im Reiche für jeden Termin genügt. Zum Verlassen des Reiches genügt eine einfache Erlaubnis von der Polizei. Die bedeutendste Aenderung gegen früher liegt also darin, dass in Hinkunft alle Fremden ohne Rücksicht auf ihre Religiou gleich behandelt werden sollen _ allerdings erst da an, wenn das neue Projekt zum Gesetz wird. Die Bestrebungen, die der zu grosser Anhäufung der jüdischen Einwanderung in den grossen Städten entgegenarbeiten und die zu grosse Konnivenz daselbst haben veranlasst, dass sich die jüdischen Einwanderer mehr der Landwirtschaft zuwenden. So entstand vor einigen Jahren Woodbine, heute eine blühendes jüdisches Städtchen in der Nähe New Yorks, und so wurden in der letzten Zeit wieder zwei jüdische Kolonien auf genossenschaftlicher Grundlage gegründet, über die der „Israelite" berichtet. Die eine Maryland in der Nähe von Ellicott City wurde vor etwa zwei Jahren von 30 russischen Familien gegründet, von Einwanderein, die in Russland Ackerbauer gewesen waren, in Amerika ein Handwerk gelernt und ausgeübt hatten, aber durch ungünstige, sanitäre und wirtschaftliche Verhältnisse veranlasst worden waren, es wieder mit der Landwirtschaft zu versuchen. Und der Versuch gelang glänzend. Die Aussichten sind für die ganze Kolonie sehr gut und man geht bereits daran eine Synagoge und ein Schulhaus zu bauen. Die andere Gründung ist neuesten Datums. 25 jüdische Familien gingen von Minneapolis nach Nord-Dakota, wo sie Land in sehr guter Lage erworben haben. Auch dieses Gemeinwesen wird eigene Selbstverwaltung haben. Des in New York erscheinende Magazin „The Maccabean", bringt eine vorzügliche Septembernummer, die sich an Reichhaltigkeit und schöner Ausstattung den früheren Heften würdig anschliesst. Ein wohlg^troffrnes Bild Woiff-ohns und eine zeitgemässe Neujahrabetrachtung leiten die Nummer ein. Auf den bekannten Bericht des ei glischen Konsuls Dickson in Jerusalem üb« r d^n Handel und die Kolonien Palästinas folgt eine Erzählung aus dem amerikanisch-jüdischen Leben von J, de H a a s. Eine erschütternde Schilderung ist „In Verteidigung der Ehre", der Abschied eines jungen russischen Juden, der für die Freiheit in den Tod geht von seiner Mutter. Ein Es-ay von Rebekka Altmann b^fasst sieh mit der neujüdischen Poesie. Der Inhalt ist kurz folgender : „Die jüdische Poesie, vergangene und gegenwärtige, ist mehr ein Spiegelbild der Wirklichkeit, als ein Bild von Idealen. Das Hauptthema des jüdischen Dichters ist die Verfolgung seines Volkes, Die jüdische Spräche hat gewaltige Aenderungen mitgemacht, die Diktion ist modernisiert, der Wortschatz ve>m hrt worden, aber das Häuptthema ist doch nur das eine alte. Und doch ist ein bedeutender Unterschied gegen früher. Während die jüdische Dichtung des Mittelalters der Ausdruck eines hoffnungsvollen Optimismus war, ist die heutige jüdische Poesie, ob traurig oder zynisch, von einem ausgesprochenen Pessimisa&us beherrscht. Wo ist die einst geübte schweigende Ertragung, die ruhige Erduldung alles Elends? Beim modernen jüdischen Dichter finden wir daher ein stärkeres Betonen der eigenen Kraft, seine Mission ist es mit glühenden Worten die Herzen seiner Brüder aufzurichten und ihre schwindenden Kräfte zu stärken. In Russland, wo das Schicksal der Juden am traurigsten ist, gibt es auch die meisten jüdischen Dichter. Hier schreiben sie aus einer traurigenErfahrung.ohne übertreiben zu können.Jede Periode russischer Verfolgung bringt ihren Poeten hervor. Als Jehuda Leb Gordon seinen Tod herannahen fühlte, hatte er schon einen würdigenNashfolger gefunden, der seinen Platz einnehmen konnte — Dulitzki. Duiitzkis Werdegang zeigt zwei grundverschiedene Abschnitte. Aus dem jugendlichen, lebensfrohen Träumer wurde bald ein ernster, die Lage seines Volkes voll erfassender Dichter, der Krieger Zions. Eine gute Auswahl einzelner Gedichte in vorzüglicher englischer Üebersetzung ist beigegeben. Dulitzki am nächsten steht B i a 1 i k, <iessen musterhafte Behandlung der Sprache, tadellosen Verse und warmes Empfinden gewürdigt und durch Uebersetzungsp*oben vorgeführt werden, Der dritte ist Naftali Herz Zucker, der nationaljüdische Poet, der seinem vor mehr als 20 Jahren geschriebenen „Hat>kwahu, jetzt ein anderes Poem „Kadimah" folgen liess, als Mahnung für sein Volk, nicht zu verzweifeln. — Aus der Fülle des übrigen Inhaltes heben wir noch eine Besprechung des Aufrufen Wolffaohns und ein Bericht über die „Canadian Zio nist Fe deration" hervor, die das enorme Wachstum dieser Organisation zeigt. Die letzten Angaben im englischen Jahrbuch sind schon bedeutend überholt. 31 Vereine unter teheu, oder besner unterstanden im Juni dieses Jahres der Organisation, als dieselbe in Montreal einen von 260 Delegierten besuchten Kongress abhielt. Von diesen ist die Kolonie von Wapella, die von russischen Einwanderern gegründet wurde, und heute eine aufstrebende landwirtschaftliche Niederlassung ist, besonders zu erwähnen. Die übrigen Vereine verteilen sich auf alle grösseren und kleineren Städte Kanadas, so dass dort die gesamte Industrie durch die zionistische Organisation repräsentiert wird. Aus den Verhandlungen des Kongresses ersieht man die Tüchtigkeit und Rührigkeit der Federation, aus dem Finanzbericht ist die statke ßeitragleistung zu allen zionistischen Fonds, die Errichtung von Shareklubs und die Bestimmung eines Schekeltages hervorzuheben. Der nächste Kongress soll in Toronto stattfinden. Die „Frankfurter Zeitung14 berichtet über eine neue spanische Judenf* age: „Die königliche Akademie der Sprache hat korrespoT.dierende Mitglieder unter den hervorragendsten Hispanojuien des Orients ernarnt. Der Verein der Schriftsteller Spaniens sandte Werke seiner Mitglieder zur Förderung und Ausbreitung der spanischen Sprache in die Zentren der jüdischen Bevölkerung« Die Handelskammern Spaniens sind in vorbereitende Beziehungen zu den kommerziellen Kreisen des Orients getreten, und diese wiederum haben Vertreter nach Spanien gesandt, um die Ar knüpfung von Handelsbeziehungen in die Wege zu leiten. DieH»spano- Am^rikanische Union hat beschlossen, die Judenfrage in ihr Programm aufzunehmen und an der Lösung derselben mitzuarbeiten. Auch mag hier ein Schreiben der in München lebenden spanischen Infantin Donna P a z, Gemahlin des Prinzen Ferdinand von Baiern und Tante des Königs von Spanien, nicht unerwähnt bleiben. Die Dame drückt in dem Briefe ihre Befriedigung über den günstigen Lauf der Dmge in der angeregten, )hr sehr sympathischen spanisch-jü «"fischen Frage aus und verspricht, (Jen König von Spanien für die Sache zu gewinnen. Dar k der Initiative des Se? ators Pulido, sind hier in Madrid bereits die nötigen Schritte geschehen zur Bildung eines Propagandakomitees für welches namhafte Politiker aus allen Parteien gewonnen sind. Dieses Komitee wird zur Aufgabe haben, neben einer energischen Propaganda in der öffentlichen Meinung Spaniens die r ötigen Vorarbeiten zu erledigen, um eine Verbindung zwischen Spanien und den Hispanojuden de? O'ients und Marokkos herzustellen, ferner durch seie Mitglieder, die Senatoren und Deputiert* sind, die Mitarbeit d<*r spanischen Regierung zu veranlassen und besonders die Einstellung von Beträgen in das Budget zur Gründung von spanischen Schulen im Orient und Entsendung geeigneter Schulkräfte zu erzielen. Diese Vorarbeiten würden zur Einberufung eines hispanojüdischen Kongresses überleiten. Nun hat Doktor Pulido im Juni d* J. ein zweites Werk erseheinen lassen