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Die Welt · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „bl* * Welt Nr. 42 Immigrationsgesetze eintreten. So soll auf Anregung der National Civil Federation im Dezember dieses Jahres (1905) in New York eine von allen Staaten beschickte Konferenz stattfinden, die speziell darüber beraten soll, ob und wie die Einwanderung erschwert werden soll, und im Senate wurde vollen Ernstes ein Antrag eingebracht, als jährliche Maximalzahl für die Einwanderung 80.000 zu fixieren. Die jüdische Einwanderung in Nordamerika zeigt nämlich eine Eigenheit, die gewisse Gefahren mit sich bringt, sie sammelt sich in grossen Zentren an. Von den 100.000 Einwanderern des letzten Jahres blieben über 64.000 im Staate New York und über 12.000 im Staate Pennsylvanien, während sich der kleine Rest auf die übrigen Staaten verteilte. Bereits heute gibt es in New York über 800.000 Juden, eine Zahl, die wahrscheinlich noch viel zu tiet gegriffen ist, da man nach der Zahl der Geburten auf beinahe eine Million schliessen kann, so dass fast der vierte Teil der Bevölkerung New Yorks jüdisch ist. Dadurch erschweren sich die Existenzbedingungen und es herrscht ein Ueberangebot von Arbeitskräften mit allen verderblh hen Folgen desselben. Das haben auch die amerikanischen Juden richtig erkannt und zu diesem Zwecke Vereinigungen zur Dezentralisation geschaffen; von New York aus werden jährlich tausende jüdischer Handwerker durch das „fndustrial Removal Office" in die verschiedenen Staaten geleitet. Da die Bildung der jüdischen Massenzentren die Assimilierung und damit die Amerikanisierung der Einwanderer verhindert, so ist es begreiflich, dass man in offiziellen Kreisen der jüdischen Einwanderung besonderes Augenmerk schenkt. Kommt dann noch als weiteres Moment die Konkurrenz der anderen Einwanderer, die zumeist aus judenfeindlichen Ländern stammen, hinzu, so werden die gelegentlich auftretenden Zeichen antijüdischer Stimmung verständlich. Doch weder diesem, noch dem öfters sich geltend machenden gesellschaftlichen Antisemitismus kann man eine grosse Bedeutung beimessen, wenn man sich erinnert, wie Amerika in der Rumänienfrage, dann anlässlich Kischenew und anlässlich der Passfra^e der amerikanischen Juden in R.ussland gegen die Unterdrückung der Juden aufgetreten ist und wie entschieden die öffentliche Meinung anlässlich der Anwesenheit Wittes gegen Russland Stellung nahm. Wir sehen also, dass die Länder der jüdischen Einwanderung, England und Amerika, die Tendenz zeigen, sie einzuschränken. Sollten sie auf diesem Wege fortschreiten und das Missverhältnis zwischen Aus Wanderungsnotwendigkeit und Einwanderungsmöglichkeit infolge des gleichbleibenden Druckes in Russland und Rumänien zunehmen, dann wird die Judenfrage ganz neue Formen annehmen, die die sofortige Lösung dieses Problems erheischen werden. Dr. Karl Fischl. Brief aus Ungarn. :Seit einem Jahre dauert der Konflikt zwischen Krone und Nation. Die Krise hat sich in der letzten Zeit immer mehr verschärft und mit Angst und Besorgnis blickt man allgemein der Zukunft entgegen. Der Kampf um nie nationalen Hechte hat alle Gemüter erregt. War schon die allgemeine Stimmung durch den Konflikt zwischen Krone u n d X a t i o n eine gereizte, so musste die Frage des allgemeinen Wahlrechtes die Aufregung noch vergrössern. Eine eigentümliche Stellung nehmen in allen diesen Fragen die Juden ein. Wir sehen sie verteilt in allen Lagern. Wir finden sie in der liberalen, sowie in der Unabhängigkeitspartei, ja in der jung aufstrebenden sozialdemokratischen sind beinahe alle Führer Juden. Eben diese Verteilung in allen Lagern zeigt, mit welch regem Interesse die ungarischen Juden jede politische Frage aufnehmen, und dass auch sie oft zu eifrige Patrioten, die Leiden des magyarischen Volkes mitfühlen. Selbstverständlich hat sich die heisse Kampfesstimmung auch auf sie übertragen. Mit welcher grosser Erbitterung gekämpft wird, zeigt am besten ein in der vorigen Woche im „P e s t i H i r 1 a p" erschienener Artikel eines Budapester jüdischen Kunsthändlers. Derselbe fordert in schwulstigen Worten nichts mehr und nichts weniger, als dass man die jüdischen Führer der ungarischen Sozialdemokratie Bokanyi, Gold n er aus dem Verbände der jüdischen Kultus gemeinde wegen ihres unpatriotischen Verhaltens aussch Hessen solle. Die ungarische Judenheit habe jetzt ganz andere Pflichten, als sich mit internationalen Problemen zu befassen. Diese Forderimg zeigt so recht, in welcher fanatischen Erregung sich ein Teil der ungarischen Judenheit befindet. In einer mehr ernst zu nehmenden Weise spricht sich E. Mezei, ein bekannter jüdischer Publizist, im „Egyenlöseg" über die Krise und über die Interessen der Juden in dieser Frage aus. Er schreibt: „Als wahre ungarische Patrioten können die Juden nur wünschen, dass die Vorsehung jede schwere Prüfung unserem Vaterlande ersparen und möglichst rasch die Aussöhnung der Gegegensätze ermögliche, den gesetzlichen und friedlichen Triumph der nationalen Sache bringe. Doch weder in der Natur der Krise, noch in irgend einer Lösung der Krise gibt es ein Ding, das man vom Standpunkte der Interessen der ungarischen Judenheit in Betracht ziehen könnte. Wie sehr auch jeder Erfolg der nationalen Sache unserem patriotischen Herzen wohltäte, können wir doch nicht dessen sieher sein, da ein solcher Sieg bei den heutigen Parteiverhältnissen die Lage der Juden Ungarns zu einer besseren gestalten könnte. Das wahre Wohlergehen der Juden steht in Ungarn immer damit im Zusammenhang, dass der Geist des edlen und unvoreingenommenen Liberalismus die Allgemeinheit beherrsche. Doch der Stern des Liberalismus ist nicht im Steigen begriffen. Die Koalitiensmajorität könnte, falls ihr der Sieg vergönnt wäre, schon wegen ihrer gusammensetzung die Idee des Liberalismus kaum aufnehmen. Noch weniger hätten wir in bezug auf Liberalismus zu erwarten, wenn die der Koalition entgegenstehenden Faktoren die Oberhand gewinnen. Möge auch der Fortschritt des Liberalismus stets im Interesse des Judentums sein, wenn jedoch um das nationale Eecht mit einer fremden Gewalt gekämpft wird, ist auch für uns Juden der Gedanke des Liberalismus, ein nebensächlicher Standpunk t." Dass es so kommen wird, wie es Mezei ahnt, müsste man ja schon zur Zeit der Wahlen sehen. Damals wurde in den Spulten dieser Zeitung auf die Gefahr, die den Juden droht, aufmerksam gemacht. Die liberale Partei war schon damals kein politischer Faktor mehr. Die Unabhängigkeitspartei ist eher alles nur nicht aus liberalen Elementen zusammengesetzt. Freilich damals spielte sich noch der „Egyenlöseg" noch als Verteidiger des schon damals in die Brüche gehenden Liberalismus auf. Die Ereignisse scheinen das Blatt eines Besseren belehrt zu haben. Ausserdem muss man jetzt bereits mit der Frage des allgemeinen, geheimen Wahlrechtes bereits rechnen. Denn wenn auch diese Frage vielleicht momentan fallen gelassen wurde, so hat sie doch die'Allgemeinheit in viel zu grosse und intensive Bewegung gebracht, als dass" sie so leicht wieder von der Tagesordnung verschwinden könnte. Sollte nun das allgemeine Wahlrecht durchgeführt werdeil, so

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