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Die Welt · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 9lbie*-* weit" Nr. 42 Ihre Kunst zieht längst nicht mehr. Am Wahltage veranstaltete der „Verein der Fortschrittsfreunde"|in der Inneren Stadt eine Versammlung, in der von seinen tausend Mitgliedern hundert erschienen. Am Schlüsse der Tagesordnung hatte ein Versammlungsteilnehmer den in den liberalen Konventikeln unerhörten Einfall, über das Fiasko der Versammlung und den elenden Niedergang der liberalen Partei einige unangenehme Wahrheiten zu sagen, Kämpfer statt alter müder Parteigreise zu fordern. Heftiger Widerspruch war die Antwort. Es wäre ins Endlose getriebener politischer Unverstand, wollten die österreichischen und Wiener Juden ihr politisches und nationales Schicksal in Oesterreich der liberalen Partei überantworten. Sie ist abgetan und bleibt's. Nss. England und Amerika im verflossenen Jahre, In dem ewigen Gleichmasse der Tage hat der menschliche Geist künstliche Grenzen zwischen den einzelnen Zeitabschnitten errichtet, Tage, die die übrigen mit ebensoviel oder so wenig Berechtigung überragen wie dU längeren Striche der Thermometerskala bei 10 und 20. Mit unbefangener Freude pflegt man den Tag des Jahreswechsels zu begrüssen; nicht nur die Geschichte, sondern auch die Zeitmaschine scheint an diesem Tage zu ruhen, damit man ungestört zurück- und vorwärtsblicken kann. Und allenthalben, privat und öfientlich, geht man daran, in einer Jahresbetrachtung die Bilanz aus dem vergangenen Jahre zu ziehen und die Aussichten des kommenden zu erörtern. Bei uns Juden ist auch das anders. Eine Sylvesterstimmung ist uns nicht beschieden. Wer das ganze Jahr hindurch Leiden und Verfolgungen zu ertragen hatte, dem fällt der Ebschied vom alten Jahre nicht schwer und das Begiüssen des neuen nicht leicht. An unserem Jahreswechsel gedenken wir unserer Toten und unter den Jörn Kipur-Gebeten befindet sich jene traurige Aufzählung alles dessen, was uns im kommenden Jahre treffen kann. Und in der Tat—unsere Jahresrückschau ist im wesentlichen eine einzige lange Totenklage und jenes Gebet braucht nicht viel geändert zu werden, um die Aussichten für das kommende Jahr zu kennzeichnen. Alle Ereignisse brauchen einen gewissen zeitlichen Abstand, um richtig abgeschätzt zu werden. Daher ist es auch schwer, sofort mit Schluss des Jahres dieses und die Geschehnisse in ihm richtig zu beurteilen. Dennoch lässt sich sicher sagen, dass das Jahr 5665 in jeder Beziehung ein bedeutendes war. In der späteren jüdischen Geschichtsschreibung dürfte es oft genannt werden, denn die Judenmetzeleien in Russland und die Aliens Bill in England einerseits, das Ostafrikaangebot und der VII. Kongress, die Duma und die daran geknüpften Hoffnungen und die Witte-Konferenzen andrerseits prägen ihm seine Bedeutung auf. Da die meisten dieser Ereigi isse erst im Ablauf begriffen sind, lassen sich für das eben begonnene Jahr für das Judentum wichtige Entscheidungen erwarten. Am 1. Jänner 1906 tritt in England die Aliens Bill in Kraft und England hört damit zum ersten Male seit Beginn der englischen Geschichte auf, ein Asyl für unschuldig Verfolgte zu sein, am selben Tage soll in Frankreich die Trennung von Staat und Kirche eintreten, ein Ereignis, das für die französischen Juden von grösster Wichtigkeit ist, und in kurzer Zeit ist in Russland der Zusammentritt der Volksvertretung und die Beratung der Judenfrage sio durch sie zu erwarten. Ein wahrhaft blutrote.? Faden zieht sich durch das verflossene Jahr, die Judenmetzeleien in Russland. Während tausende von Juden im fernen Osten »für ihr Vaterland* kämpften, verging fast keine Woche, gab es fast keine halbwegs grössere Stadt ohne Judenunruhen. Alle Anlässe wurden benützt, freudige und traurige. Die traurigen Ereignisse sind zu bekannt und in zu frischer Erinnerung, um nochmals vorgeführt zu werden. In Rumänien, das bezüglich Judennot an zweiter Stelle kommt, hat sich wenig oder gar nichts zugunsten der Juden geändert. Der Berliner Vertrag wird noch weiterhin nicht eingehalten und der Jude ist auch fernerhin ein Fremder ohne Schutz einer fremden Macht. Wie unerträglich die Lage ist, zeigt die enorme Auswanderungszahl. Ein offizieller Bericht vom Jänner 1905 gibt die Zahl der jüdischen Auswanderer vom Jänner 1899 bis 1. Oktober 1900 mit 41.754 an, eine im Verhältnis zu diesem kleinen Reiche ungemein hohe Ziffer. Es wäre jedoch verfehlt, diesem Verhältnisse eine mehr als symptomatische Bedeutung beizumessen. Einen Antisemitismus in England gibt es derzeit noch nicht. Denn wenn auch die Aliens Bill eine für die jüdische Einwanderung sehr bedrohliche Massregel ist, so muss doch andrerseits hervorgehoben werden, dass die englische Regierung im Laufe des Jahres mehrfach nnd in unzweideutiger, offizieller Weise ihre judenfreundliche Stimmung zum Ausdruck gebracht hat. Von den englischen Kolonien kommen hauptsächlich Kanada und für die jüdische Einwanderung Südafrika in Betracht. Kanada ist ein rasch aufblühendes Land, in welchem stets neue Gebiete erschlossen werden. Die Zahl der dortigen Juden beträgt derzeit bereits über 30.000 und nimmt durch neue Einwanderung rasch zu. Dass selbst das freie England nicht frei von antijüdischen Bewegungen ist, zeigen einige Ereignisse, die in der englischen Judenheit grosse Erregung hervorrufen. In Limerick (Irland) wurden die Juden geschäftlich ►boykottiert und zum Teile zur Auswanderung gezwungen. Ferner wurde im Laufe des Jahres ein Gesetz über die verschärfte Sonntagsruhe eingebracht, das tausende jüdischer Kleinkaufleute und Gewerbetreibender des East End ruiniert hätte. Es wurden Protestversammlungen abgehalten, die hervorragendsten jüdischen Vereinigungen bemühten sich, die Härten des Gesetzes durch Abänderungsvorschläge abzuwenden. Das Gesetz kam jedoch bereits im Hause der Lords zum Falle. Schliesslich wurde wieder einmal die Frage des Schächtens aufgeworfen,indern das sogenannte Admirality Committee dasselbe verurteilte. Es ist eine bittere Ironie, dass man in einem Jahre, in welchem hunderte von Juden grausam, nicht immer auf die humanste Weise, hingemordet wurden, allenthalben die Frage des Schächtens aufrollt. Die englische Judenheit liess jedoch diesen Angriff des humanen Antisemitismus nicht unerwidert, sondern häufte ein solches Material von Gutachten der bedeutendsten Physiologen an und fasste die Meinungen der grössten Gelehrten in einem umfangreichen Berichte zusammen, so dass ein derartiger Angriff in England wohl für lange Zeit nicht zu erwarten ist. Galizien, das dritte jüdische Massenzentrum in Europa, ist infolge der wirtschaftlichen Notlage der dortigen Juden zu den Auswanderungsländern zu rechnen, denen gegenüber die Länder der jüdischen Einwanderung, England, Amerika und die englischen Kolonien, stehen, die bisher das Hauptziel der jüdischen Auswanderer waren. Zwischen beiden rangieren die Länder des westlichen Europa ohne gehäufte jüdische Bevölkerung, in denen der Jude de jure und mehr oder weniger auch de facto Staatsbürger ist. Für eine

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