Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42 „bi* # Welt" Seite 5 folgen und das inhaltsschwere, folgenreiche Memento des tschechischen Nationalrates etwa belächeln. Disciti moniti! Wir meinen: Die Erlernung und perfekte Beherrschung der tschechischen Sprache, die sechs Millionen sprechen, ist in den Sudetenländern für die Juden fast aller Berufszweige eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Und Pflicht jüdischnationaler Gegenwartspolitik muss es sein, auch diesen Zweig wirtschaftlicher und politischer Hebungsarbeit in Oesterreich nicht ausseracht zu lassen. Vernunft, Erfahrung, Billigkeit, Interesse drängen zu dieser lapidaren Realpolitik, der Politik glatter Selbstverständlichkeiten. Moravus. Politische Rundschau, Der Brünner Volkstag, auf dem die deutsche Gemeinbürgschaft von K. H. Wolf bis zu den weisen Stadtvätern politischer Juden gemeinden der tschechischen Forderung nach einer mährischen Universität ihr starrstes Nein entgegensetzte, hat die nationale Erregung in Mähren wieder einmal zur Gluthitze gesteigert. Es bietet sich das altgewohnte Bild: Demonstration und Gegendemonstration, Exzesschen und Exzesse, Militäraufgebot und Gendamerieverstärkung. Revanchegelüste beherrschen die.Stimmung und als Niederschlag resultiert erhöhte Boykottwut der Gereizten. Und die Juden? Wie immer sind sie die Prügelknaben des nationalen Kampfes. Das ist in Oesterreich in Tagen nationaler Wildheit ihre historische Mission. Sie sind schlecht daran, wenn das Faustrecht im Kampfe der sie umgebenden Nationen als oberstes Prinzip proklamiert wird. Das Gezeter der Wiener Tagespresse über tschechischen Mob ist die alte verlogene Taktik, die über die wahren Ursachen mit journalistischer Rosstäuscherkunst hinweglügt. Mob hin, Mob her — so wird in Oesterreich Majoritätspolitik gemacht. Einer guckt's dem andern ab. Was in Innsbruck und Troppau recht war und Wiener Zeitungsschreiber in helle nationale Begeisterung versetzte, sollte in Brünn und Mähren nur das verächtliche Werk bezahlter Krawallmacher sein? Nein, es ist echt österreichische Kampfmethode. Die Juden büssen sie nirgends so schwer wie in Mähren, weil ihre wirtschaftliche Position nirgends so viel Angriffspunkte bietet. Eingekeilt in die tschechische Dreiviertelmajorität des Landes, als verschwindende Minorität in rein tschechischen Städten und Märkten meist im Zwischenhandel tätig, sind sie dem Boykott, der giftigen Frucht nationaler Verhetzung und deutsch-jüdischer Politik, in erster Linie ausgeliefert. Wenn klirrende Fensterscheiben jüdischen Hauseigentümern und Ladenbesilzern in den Provinzstädten die realen Macht- und numerischen Kräfteverhältnisse im Land ins Bewusstsein bringen, kann maus verschmerzen. Sie sind unter Umständen als politische Erziehungsmittel von guter Wirkung. Sie lösen momentan Furchtgefühle aus, aber sie vertreiben auch die Lust zur Betätigung deutschtümelnder Gesinnung. Die Reporterphantasien in Wiener Zeitungen brauchen gleichfalls nicht beunruhigend zu wirken. Was jedoch in diesen Blättern, die sonst jeden Stein, jede zerbrochene Fensterscheibe gewissenhaft registrieren, nicht zu lesen ist, aber als das unausbleibliche Fazit solcher Kampfeswochen die jüdischen Leser denn doch zum Nachdenken zwingen sollte, ist die naheliegende Betrachtung über den potenzierten Hass gegen die Juden, üben sicherere Boykottwirkung gegen sie. Seit den Stürmen der Badenitage zwingt uns die politische Geschichte in Oesterreich diese Wahrheit auf. Wenn angesichts des Brünner Volkstages und seiner Folgen die mährischen Juden diese Wahrheit nicht begreifen, dann gilt für sie das Wort von der Lehrmeisterin Geschichte nicht. 5fc 5j. Aber es dämmert unter ihnen doch langsam die Erkenntnis auf, dass die Warnungen und politischen Ratschläge der nationalen Juden beachtenswert und richtig sind. Ein Massenaufgebot von jüdischen Deutschtümlern bei solchen aufreizenden antitschechischen Kundgebungen ist heute schwer möglich. Freilich unheilbare politische Abderiten, wie sie im Deutschen Hause von Prossnitz in lächerlichster Weise gedeihen, machen die Hetze noch mit. Als günstiges Zeichen beginnender politischer Gesundung ist die Meldung der „Närodni listy" zu betrachten, dass Juden an den Demonstrationen in Brünn spärlich beteiligt waren. Der Aufruf freilich, der die Ladung zum Deutschen Volkstag enthielt, war auch von fünf Bürgermeistern politischer Judengemeinden unterzeichnet Es war aufgelegter Gimpelfang. Die Jadenbürgermeister Hess man als Lückenbüsser fungieren, um die Zahl deutschmährischer Städte künstlich hinaufzuschrauben. Auf persönliche Beteiligung ward verzichtet. Der Vorfall, der der Komik nicht entbehrt, bringt die gegenwärtige Stellung und Aufgabe dieser politischen Judengemeinden wieder in unangenehme Erinnerung. Von den deutschen bisher immer zu politischen Wahlzwecken missbraucht, sollen sie jetzt das deutsche Besitzstandsverzeichnis um paar unbedeutende Positionen vermehren helfen. Für die Juden sind diese anachronistischen Mittelchen Schmerlingscher Wahlkreispoiitik bedeutungslos. Aber in ihnen lebt zum Ergötzen des politischen Beobachters die urwüchsige Gestalt des originellen Khillegermanen fort. Er ist deutschfortschrittlich bis in die Knochen. Ein seltsames Gemisch von politischer Unreife, unverstandenem Liberalismus, jüdischem Konservativismus, Deutschtum, Fortschritt, Freiheit — die Phrase umfasst ihr politisches Streben und Wissen. Ihre Parteitreue wäre ja rührend schön, wenn sie nicht gar so lächerlich wäre. Die Khillegermanen verstehen ihre Zeit nicht mehr, denn was sich in den letzten Jahren in der Welt ereignet hat, ist an ihnen spurlos vorübergegangen. Sie sind die Alten geblieben und halten sich für vollwertig, wenn sie einen Aufm! „an die Deutschen Oesterreichs* mitunterzeichnen dürfen. Gottseidank, dass diese senilen Komiker deutschjüdischer Politik in Mähren auf den Aussterbeetat gesetzt sind! * * * Die Wiener Liberalen sind eine Partei, die alles Mitleid und nicht Hohn allein verdient. So abzuwirtschaften, einen so schmählichen politischen Tod zu erleiden ist tragisches Geschick. Kein Wunder, dass sie vor allen Wahlen so unbändige Angst haben. Wozu auch die überflüssige Störung der Agonie! Ganz abdizieren, wie sie es eigentlich am liebsten möchten, können sie ihren paar Mandaten zuliebe nicht und zur wirklichen Lebenskraft rafft sich das Häuflein Verzweiflung und Unfähigkeit nicht mehr auf. Sie haben jetz , nachdem alle Wiederbelebungsversuche jämmerlich gescheitert sind und die Phrasen von Wiedereroberung bei Freund und Feind mit Hohngelächter empfangen wurden, ein sehr bescheidenes Ziel: Sie inszenieren einen Wahlkampf, markieren Niederlagen, heucheln politische Aktions- und Lebensfreude. Bei den letzten Wah'en am 10. Oktober, bei denen die Ghristlichsozialen ihre beiden Mandate spielend behaupteten, haben wir in Wien die Liberalen in der Kampfespose sehen können. Sie präsentieren sich wie alt und schwach gewordene Zirkusakrobaten, die dem verehrten Publikum für das bescheidene Dorfentree alte Mätzchen bieten.