Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „bi* * W^H Nr. 41 erhoben, sie hätten die Minderheit auf dem Kongress drangsaliert Von einer Drangsalierung katin aber keine Rede sein. Die Mehrheit blieb nur dort unbeugsam, wo es sich direkt oder indirekt um das Prinzip gehandelt hat. Die Forderungen der Minderheit waren unverßöhnlich mit dem Prinzip. Wir handelten nur so, wie Männer handeln mussten, denen die zionistische Organisation, der zionistische Kongress und das zionistische Ideal teuer sind. 3. Einige den Zionisten feindlich gesinnte Pressorgane verbreiteten das Gerücht, dass in der zionistischen Organisation eine Spaltung eingetreten wäre. Das entspricht der Wahrheit nicht. Der Austritt einiger Zionisten war qualitativ und quantitativ ganz unbedeutend. Die jüdischen Volksmasaen würden sich von jenen Delegierten mit Scham lossagen, weiche unter dem Einflüsse der Ugandisten und Territorialisten übertriebenen HuffYiungen sich hingaben und merkwürdige Theorien über das Wesen der Juden und des Judentums entwickelter. Die zionistische Organisation ist also ganz. 4. Auch die Anklage der Feinde des Zionismus, dass der letzte Kongress sich mit Kulturfragen nicht beschäftigt hätte, ist ganz unstichhältig. Von der tief kulturellen Bedeutung abgesehen, welche die Art der Durchführung des nationalhistorischen Prinzipes im Zionismus allein hat, braucht man nur auf die Referate über „Bezalelu, auf die Gründung des nationaivolklichen Verlages ..Sinai1, und auf die sehr interessanten Vorlesungen über Palästina hinzuweisen, um die Unstichhältigkeit der Anklage einzusehen/' Das Z rkular zeichnet hierauf den Weg vor, welcher nun betreten werden muss, um das zionistische Ideal zum Siege zu führen. Diesen Weg erblickt das Zirkulären der mutigen Zurückweisung alle Angriffe auf das nationale Prinzip und in der schöpferischen Arbeit, welche nun in Angriffgenommen werden muss. Gleichzeitig teilt das Zirkular mit, dass beschlossen wurde, die Gouvernements Cherson, Bessarabien, Podolien uod Wolhynien zu vereinigen und aus ihnen einen Südwestrayon zu schaffen. Das Zentrum dieses Rayons wird Odessa sein, wo demnächst ein zionistisches Aktionsbureau eingerichtet werden wird. Das Bureau wird in erster Reihe den vom Kongress angenommenen Antrag des Dr.Tschlenow über die freiwillige Wohnungssteuer zugunsten desNationalfonds praktisch durchführen und die zionistische Agitation unter den Juden im Rayon, deren Zahl eine Million beträgt, in grossem Umfang eröffnen. Schliesslich widmet das Zirkular ehrende Worte dem Delegierten Hornstein aus Odessa, welcher bei seiner Rückkehr aus Basel an der russischen Grenze frmordet wurde und zahlt einige zionistische Vereine auf, welche sich in letzter Zeit in Bessarabien neu gebildet haben, Gt. Wien. Die Bude der akad. Verb. „Kadimalr befindet sich, ab 1. Oktober: IX., Grünetorgasse 19a. Das Ergebnis der Chargen wählen für das Wintersemester 1905/1906: med. P. Dcutsc':, Präses, jur. L. Rosenheck, Vizepräses, med. L. Lichte! stein, Schriftführer. Wien. (M i n z e 1 v e r e i n M a r i a h i 1 f - N e u b a u des V c r b a n d e s ,,Z i o n'\) Mittwoch den 18. Oktober findet im separierten Saale des Cafe Mariahilf (VI., Mariahilferstr. 89J eine Vereins Versammlung statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Herrn Dr. Leopold Kahn über den VII. Zionistenkongress; 2. Diskussion. Beginn präzise 8 Uhr. Gäste willkommen. Kolin. Der Verein „Zidovsky Lidovy Spolek ,,Ziontk veranstaltet am Sonntag den 22. d. ein Kränzchen im Schlossrestaurant unter dem Protektorate des Herrn Dr. Artur Mahler, Prof. der American Schoo! in Rom. und. Dozenten der Prager Universität. Anfang 8 Uhr abends. Entree pro Person 2 K, Familienkarten 4 K, Loge 10 K. Der Feier geht ein Simchas-Thori- Kinderfest mit reichhaltigem Programm voran. Beginn 3 Uhr nachmittags. Eintritt frei, (laben für Tombola und Büfett an Herrn M. Hammerschlag. Reklamationen an Herrn Ignaz Nass. Brünn. (J ü d. V e r e in j u g. Arbeiter, Br ü n n.) Generalversammlung am 24. September unter äusserst starker Beteiligung, auch Gäste, abgehalten. Tagesordnung: 1. Beitritt zur Poale Zion, 2. Rechenschaftsbericht, 3. Neuwahlen, 4. Eventualia. 1. Punkt unter grossem Beifall aufgenommen; einstimmig angenommen. Ausschuss bleibt unverändert. Viele Gäste traten dem Vereine sofort bei. Der Verein mietet vom 1. November ab ein selbständiges Vereinslokal, Josefstadt 26, III. St. Zuschriften sind inzwischen zu richten an den Obmann LeoPollitzer, Brünn, Kapuzinerplatz 2—5, bei Herrn Leopold Teller. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" finden wir einen Artikel „Eindrücke vom siebenten Zioniste nko'ngre-ss", von Professor Dr. Gotthard Deutsch, dessen Anfang wir hier wiedergeben: „Man mag mit den gleichgültigsten, ja den feindseligsten Gefühlen nach Basel kommen, man mag den Zionismus für eine Schimäre, ja für eine gefährliche Utopie halten, für ein Irrlicht, dass uns von dem richtigen Wege zur Lösung der Judenfrage in den Sumpf phantastischer Projekte führt: sicher ist, dass der Anblick des Kongresses imponierend wirkte. Erinnert man sich ganz besonders, wie es vo'r1 zwanzig bis dreissig Jahren die Regel war, dass bei jüdischen Versammlungen ein kleines Häuflein von „Gemeindeversorge rn" das grosse Wort führte, während das Publikum absolut teilnahmslos war, wie die Führer, deren Kinder mit einem oder auch mit beiden Füssen schon ausserhalb des Judentums standen, selbst den Eindruck blosser Pose machten, so muss man die inzwischen eingetretene Metamorphose bewundern. Bei der Gründung des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes stand die Berliner Orthodoxie abseits; sie wollte keinen gemeinsamen Boden anerkennen, auf dem sie mit andersdenkenden Elementen kooperieren könnte; selbst die Orthodoxen der Würzburger und der Frankfurter Couleur waren scharf geschieden. Hingegen sitzt jetzt ein Vertreter der Hirschschen „Tauro hakedauscho" neben dem litauischen „Row" und beide fügen sich der Leitung eines Mannes, dem alle Religion eine konventionelle Lüge der Kulturmensehheit ist. Erinnert man sich ferner, wie Heine und Börne neben so vielen kleinen Geistern, einem Daniel Lessman, einem Ludwig Robert, einem Moses Dobnuschka etc. es für selbstverständlich hielten, sich aus dem Judentum herauszudrücken, oder wie Meyerbeer und Michael Klapp nur Namenjuden waren, die aller Gelegenheit, sich als Juden zu betätigen, sorgfältig aus dem Wege gingen, so muss man es als eine Errungenschaft anerkennen, wenn heute Männer wie Nordau, Zangwill, Warbu-rg und Marmorek als Führer in jüdischen Angelegenheiten auftreten. Stellen wir eine Gemeindewahl in einer Grossstadt vor dreissig Jahren uns vor Augen! Die Männer von Ruf und gesellschaftlicher Stellung wurden ordentlich in den Dienst gepresst; die Wähler wurden herangeschleppt: die Wahlversammlung wurdie von einem mehr oder weniger gedungenen Minjan besucht und selbst da gibt es auch eine Grenze. Ein Baron hält es mit seiner Würde nicht mehr für vereinbar, einem jüdischen Gemeindevorstand anzugehören. Ein noch lebender Universitätsprofessor lässt sich nach eifrigem Zureden dazu herbei, ein Mandat als Gemeindevorsteher anzunehmen. Nach zwei Jahren resigniert er, denn es ist ihm unbehaglich, in akademischen Kreisen immer als hochwürdi^er Herr geneckt zu werden. Der Unterschied zwischen einst und jetzt tritt uns um so eindriicklicher vor Augen, wenn wir daran denken, dass der Zionismus eine durchaus demokratische Organisation hat. Der englische Knight, der kanadische Bauunternehmer, der Professor von einem amerikanischen Medical Co-llege, der Bankier von Odessa, der deutsche Rechtsanwalt, der Prager Grosskaufmann sitzen neben dem Schriftsteller, der erst sein Publikum erobern soll, neben dem Studenten, der sich durch seine akademischen Jahre durchhungert, neben dem Melamed aus Podolien, der glücklich ist, wenn er vor Hunger geschützt ist. oder neben seinem minder glücklichen Kollegen aus Nischni- Nawgorod, der jeden Abend sich mit Angst zu Bette legt, um Mitternacht aus dem Schlafe geweckt und auf die Polizeistation gebracht zu werden und dann mit Vagabunden und Sträflingen die unfreiwillige Reise nach seinem litauischen Heimatsstädtchen anzutreten. Dieses demokratische Element verleiht unzweifelhaft der Bewegung den wesentlichsten Teil ihrer Macht. Daneben ist ein anderer Faktor der internationale Charakter der Organisation. Sehen wir. wie in London und Amsterdam noch immer das seDhardische Element sich von dem aschkenasischen abschliesst, wie in orientalischen Städten, wo das asefokenasische Element aus Einwanderern jüngeren Datums besteht, es sich