Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 lfbie & W$lt" Nr. 41 gieftentag meine Vorschläge genehmigen wird. Ich habe die feste Zuversicht, mich auf das Vertrauen der deutschen Zionisten stützen zu dürfen. Dann aber zweifle ich nicht, dass unsere deutschen Genossen einigen Sinnes mit Eifer und Energie weiterhin der Sache der zionistischen Bewegung dienen werden. Dann können wir wieder die Bannerträger des Zionismus werden und unsere Flagge klar und weithin sichtbar entfalten, mag auch Neid, Verdruss und Vorurteil unserer Gegner das Seinige tun, um unser Panier in den Staub zu ringen. Drum rufe ich euch getrosten Mutes zu: „Alle Mann an Bord!" zum deutschen Delegiertentag! Köln, im Oktober 1905. Dr. Bode n h eime r. Folgende Resolutionen werde ich dem Zentralkomitee in seiner Sitzung vom 29. Oktober und dem deutschen Delegiertentage zur Annahme unterbreiten. Dr. Bodenheiraer. Resolutionen: 1. Die deutsche Landesorganisation unterwirft sich den Beschlüssen des VII. Kongresses und erklärt, die Fühlung der Bewegung in der vom VII. Kongress vorgeschriebenen Politik mit treuer Ergebenheit unterstützen zu wollen. 2. Die deutsche Landesorganisation erklärt jedoch gleichzeitig, dass sie an dem Programm des L Kongresses festhält und eine weitere Beschränkung der Führung in der Wahl ihrer Mittel, als dieses Programm vorsieht, für einen politischen Fehler betrachtet. 3. Jedem einzelnen stein: es daher frei, durch Wort oder Schrift und in Vereinsversannnhingen einen von den Kongressbeschlüssen abweichenden Standpunkt zu vertreten und für die Aufhebung dieser Beschlüsse auf dem nächsten Kongresse tätig zn sein. 4. Den deutschen Organisationen und deren offiziellen Vcitretern ist es aber nicht gestattet, efner Organisation beizutreten, welche mit politischen Mitteln ein autonomes Gemeinwesen ausserhalb Palästinas und seiner Nachbarländer schaffen will. 5. In Agitationsversanimlungen sollen Erörterungen über die zionistische Politik tunlichst vermieden werden und die Redner sieh auf die Darlegung der zionistischen ld.ee und deren Ziele beschränken. 6. Das offizielle Organ hat in einen! hierfür bestimmten Räume allen Richtungen innerhalb der Bewegung für eine Diskussion in parlamentarischen Formen seine Spalten zu ö'nniw Für unser Volk*). Sobald die Rede ist von einer allgemeinen, politischen oder sozialen Idee sind die rumänischen Juden, entgegen ihren Brüdern aus Russland — nicht zu haben. Dass wir uns verstehen : Nicht als ob man ihre Ideen angreifen könnte, denn sie sind keine besonderen Liebhaber derartiger ..Artikel". Im Gegenteil, man kann ihre Gleichgültigkeit nicht zerstören. Unsere Juden vegetieren! leben nicht. Um auf die vielfachen Ursachen dieser Tatsache einzugehen ist hier nicht der Ort und haben wir auch nicht den nötigen Raum. Wir heben nur den folgenden wichtigsten Punkt hervor: dem Volke fehlt es an Erziehern und populären Agitatoren. Dass wir nicht schlecht verstanden werden : Wir haben gewiss gute Journalisten und ausgezeichnete Redner, aber leider sind sie nur nicht fürs Volk. Sie sprechen zu ihm wohl mit viel Talent und viel *) Dieser Artikel zur Jargonfrage hat in Rumänien grosses Aufsehen gemacht und viel Erfolg gehabt. Es haben sich schon viele Vereinigungen für den Jargon gebildet. Der Autor veranlasste selbst die Uebersetzung für unser Blatt. Enthusiasmus — rumänisch und deutsch; aber leider versteht die Masse, die grosse Masse — und hauptsächlich in d^r Moldau — nur Jüdisch, Jargon. Jargonisten haben wir aber nicht, obwohl diese, und zwar nur diese, unters Volk gehen könnten, um es zu bilden und es zu erwecken. Kein anderes Volk befindet sieh in einer derartigen ibuormalen Lage. Wir Juden des Ostens und vom Zentrum Buropas beherrschen mindestens zwei Sprachen : Jargon, welches die Muttersprache ist (Marne-Luschen), die natürliche Sprache, wenn man so sagen darf, und die Landessprache, welche unter anderem nützlich und notwendig ist. Unsere Intellektuellen haben sich an den zweiten Teil gehalten und den ersten vernachlässigt, während das Volk es umgekehrt tat. Auf diese Weise entstand ein Abgrund zwischen diesen beiden Gesellschaftsschichten, deren Vereinigung für uns eine grosse Notwendigkeit bildet. In allen Ländern und in allen Zeiten sind die Intellektuellen—und hauptsächlich die intellektuelle Jugend — mit dem Volke gegangen und haben dessen Interessen verteidigt. Gerade unsere Geschichte enthält eine Reihe von Tatsachen, welche diese Behauptung veranschaulichen. Dass unser Volk solcher Leute bedarf, welche in d e r Sprache zu ihm sprechen sollten, welche es versteht und in welcher es fühlt, wird niemand leugnen. Bei allen Nationen der WTelt werden Männer ins Volk gesandt, welche sich ihm durch Sprache und Fühlen anpassen können. Und las ist nötig, nicht nur damit das Volk sie versteht, sondern ihnen auch volles Vertrauen schenken kann; es solle nicht sagen: ..es ist bei uns ein „Puretz" (Herr) erschienen". Bei uns Juden treten diese beiden Punkte viel mehr hervor. Was die Sprache betrifft, ist nicht mehr die Rede von irgend welchen charakteristischen Merkmalen oder sonstigen Einzelheiten, sondern von der Sprache selber in ihrem ganzen Umfange. Was das Vertrauen anbelangt, kann sich der Klassenunterschied komplizieren etwa durch eine nationale Frage und ausser ..Puretz" kann man dann hören ..Scheigetz" oder „GoiÄ, denn das judische Volk — und niemand wird wagen, es hierfür anzuklagen — hat absolut kein Vertrauen zu den anderen Völkern oder ai jenen, welch« sich unter den andern Völkern assimilieren , geradeso wie der rumänische Bauer kein Vertrauen zum Städter hat. Zwei Sachen sind daher nicht zu leugüen : 1. Unser Volk (Proletariat) — und zwar hauptsächlich in der Moldau hat unbedingt Jargonisten nötig. °2. Es muss eine Annäherung zwischen dem Volke (Proletariat) und der intellektuellen Jugend stattfinden. Aber diese beiden Fragen gehen parallel, werden gemeinsam gelöst und werden sich gegenseitig unterstützen. Vielleicht würde man eine auf Gegenseitigkeit, beruhende Vereinigung gründen können. Die Jugend — wir sprechen von der, welche noch nicht oder nicht mehr assimilatorisch gesinnt ist — steht dem Volke fern, weil es ihre Sprache und Literatur nicht^kennt, und umgekehrt; die Jugend kennt nicht Sprache und Literatur des Volkes, gerade weil sie ihm fern ist. Diese logischen Gedanken haben aber in der Praxis eine besondere Bedeutung, und parallel wirkend, das heisst einerseits den Jargon und seine Literatur studierend und hierdurch andrerseits eine Annäherung ans Volk versuchend, glauben wir der Hoffnung Raum geben zu dürfen, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Siehe die Ideen, welche unter anderem uns veranlasst haben, in Jassy einen Jargon-Ceicle zu begründen. Wir werden uns Mühe geben, dass auch in anderen Städten derartige Cercles wie der unsrige gegründet werden mögen«