Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 41 lfE>ie $ Welt Seite 9 Serum allen Anforderungen eines spezifischen Heilmittels entspreche. Nach Marmorek selbst legte eine Reihe von Gelehrten und Praktikern Zeugnis ab für die mit dem Serum erzielten Erfolge. So sprachen Dr. Levin, Professor an der Stockholmer Fakultät, Dr. Schwarz, Oberarzt an der Augenklinik in Gleiwitz, Stephani aus Montana, V e i 11 a r d aus Lausanne, Professor Dubard ausDijon, Dr.Haberson (London), Dr. Friedrich (Budapest) u. a., wobei verschiedene typische Fälle sowohl von Lungenals auch von chirurgischer Tuberkulose, die allen Behandlungsmethoden getrozt hätten, aber bei Anwendung des Marmorekschen Serums in kurzer Zeit heilten, zur Besprechung gelangten. Das Auditorium, das weitaus zahlreicher war als in den anderen Sektionen des Kongresses oder an früheren Kongresstagen, spendete Marmorek und den anderen Referenten lebhaften Beifall." Aufruf! An die deutschen Zio nisten! Werte Gesinnungsgenossen! Die Hoffnung von Hunderttausenden blühte dem 7. Kongiess entgegen. Tiefgründige Konflikte bebten in unseren Herzen und eine schwere Verantwortung lastete auf dem jüdischen Volke. Der Kongress ist wie eine Windsbraut vorübergerauscht. Es bedurfte der Zeit und ruhigerer Tage, um Klarheit zu gewinnen, was er ups gel rächt. Die Einen sagen, Jer Kongress hat mit starker Faust die Hindernisse hinweggeräumt, weicht^ sich uns auf dem Wege zu unserem Ziele entgegenstellten, und die Bahn freigemacht nach Zion. Die anderen behaupten, der Kongress habe mit einem derben Fusstritt die zarten Fäden einer weitausschauenden grosszügigen Politik vernichtet. Nur die Weltgeschichte kann entscheiden, wer recht hat. Spätere Zeiten können vielleicht den Stab brechen üoer ein kleines Geschlecht, weil sie die Dinge in einem grösseren Zusammenhang überschauen. Wir aber müssen vorsichtig tastend den Weg suchen, der durch Wirrnis und Dunkel der Gegenwart zur Ordnung und zum Lichte führt. Eine neue Gruppierung der Zionisten ist allenthalben im Gange. Auch Deutschland blieb hiervon nicht unberührt. Hier, wo unser verstorbener Führer den stärksten Rückhalt für seine Politik fand, hat die Furcht, dass die Bewegung nunmehr eine neue Richtung einschlagen werde, zur Bildung einer Fraktion geführt, welche sich den Namen „Gruppe politischer Zionisten" beilegt und sich als Erbe der Herzlichen Politik betrachtet. Auf der anderen Seite haben sich diejenigen fester zusammengeschlossen, welche die Resolution des letzten Kongresses zur dauernden Richtschnur der zionistischen Bewegung machen wollen. Beide Parteien verlangen von der Führung eine bestimmte Stellungnahme. Ich habe es bis jetzt immer für die Pflicht des Führers einer Landesorganisation gehalten, in dem Streit der Meinungen nicht Partei zu ergreifen, um die Ideen sich ausreifen zu lassen,.und in allen Anhängern, die der Bewegung mit Treue und Ergebenheit dienen, das Bewusstsein zu stärken, dass sie bei der Führung auf unbefangene Beurteilung ihrer Absichten rechnen dürfen. Nur so konnten die oft schroff zutage tretenden Gegensätze versöhnt werden, um eine gemeinschaftliche Arbeit zu ermöglichen. Unter einer Flut von Vorurteilen und widerlichen Angriffen von feindlicher Seite, die uns Jahre hindurch das Wirken für unser Ideal erschwerten und das Leben verbitterten, haben wir die Sache des Zionismus in Deutschland hochgehalten, weil die Führer sich des Vertrauens unserer Gesinnungsgenossen unbedingt sicher wussten. Seit einigen Jahren hat aber die Hydra des Misstrauens überall, auch in den Kreisen der deutschen Zionisten, frech ihr Haupt erhoben. Diesem Zustand muss ein Ende gemacht werden, wenn unsere Organisationen weiterhin lebensfähig bleiben sollen. Darum halte ich nun die Zeit gekommen, wo die Führer eine Parole ausgeben müssen, um der Uneinigkeit im eigenen Lager zu steuern. Diese Parole kann keine andere sein, als diejenige, der wir nunmehr durch fast ein Jahrzehnt in zielsicherem Vertrauen gefolgt sind. Fest und unerschütterlich wollen wir Treue halten dem Programm des 1. Kongresses. „Die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, 4 ist das Fundament unserer Bewegung. Hier ist das Ziel gesetzt, an dem nicht gerüttelt werden darf, und jede Bestrebung, welche uns hiervon abzulenken droht, muss als feindlich betrachtet und aufs entschiedenste bekämpft werden. Dies müsste auch auf die territorialistische Bewegung zutreffen, sofern sie ihre Absicht, einen autonomen Judenstaat ausserhalb Palästinas zu schaffen, mit politischen Mitteln anstrebt. Anders läge der Fall, wenn es sich um ein Unternehmen handelte, das lediglich darauf abzielt, mit den Mitteln der Philanthropie der Judennot zu steuern. Der Zionismus nimmt das Recht für sich in Anspruch, die einzige politische Lösung der Judenfrage darzustellen. Jedes politische Hilfswerk kann sich daher nur auf der Gründlage der zionistischen Bewegung vollziehen. Der Anschluss von Zionisten an eine solche ausserhalb unserer Organisation wirkende Körperschaft würde uns einen Teil unserer besten Kräfte für die Verwirklichung der zionistischen Politik entziehen. Dass uns aus diesem Urnstande ernste Pflichten und grosse Verantwortlichkeiten erwachsen, mag jeder bedenken, der das Gewicht seines Wortes für die Entscheidung politischer Fragen in die Waagschale des Kongresses wirft. Ueber das Ziel selbst also darf unter den deutschen Zionisten keinerlei Meinungsverschiedenheit herrschen. Die Mittel der zionistischen Politik sind aber naturgemäss dem Wandel der Zeiten und Verhältnisse unterworfen. Darum mögen es auch viele als ein Zeichen politischer Unreife und taktischer Ungeschicklichkeit betrachten, dass der letzte Kongress ein bestimmtes politisches Mittel für alle Zeiten aus der Hand geben wollte. Diesen Gesinnungsgenossen kann das Recht nicht abgesprochen werden, innerhalb der Bewegung auf eine Abänderung dieser Beschlüsse hinzuwirken. Dieses Recht hat aber jeder deutscher Zionist mit einer höhereu Pflicht in Einklang zu bringen. Wir deutschen Zionisten haben uns immer als die Leibgarde des zionistischen Programms und unserer Organisation in der ganzen Welt betrachtet. Wir haben demnach auch jetzt ein Beispiel der Disziplin zu geben, einerlei ob wir auf dem Boden der Freiburger Beschlüsse stehen oder ob wir der Meinung sind, dass eine Autonomie ausserhalb Palästinas für uns ein gutes politisches Mittel wäre, nach Zion zu gelangen. Einerlei welcher Fraktion wir angehören, haben wir selbst, wenn wir ein Opfer des Intellekts bringen müssten, die Führer in der vom Kongress diktierten Politik zu unterstützen, so lange nicht ein anderer Kongress eine neue Richtung einschlägt. Wir haben demnach überall nach besten Kräften neue Anhänger für die zionistische Idee zu werben und für die Verwirklichung ihrer Ziele, jeder in seiner Weise, zu wirken und zu kämpfen. Kein deutscher Zionist, keine deutsche Gruppe darf sich demnach einer Organisation anschliessen, welche mit politischen Mitteln für ein autonomes Landgebiet ausserhalb Palästinas eintritt. Wir dürfen unsere Kräfte nicht zersplittern. Keiner darf sich der Arbeit entziehen. Jetzt mehr wie je gilt für uns der Ruf: „Alle Mann an Bord." Wer von der Mannschaft nicht da ist, wenn das zionistische Schiff zu neuem Werbezug in die See sticht, der hat sich der Meuterei schuldig gemacht. Wir fürchten keine Stürme, wir fürchten keinen Feind, wenn wir einig sind über das Ziel, nach welchem wir das Schiff zu lenken haben. Den Kurs aber, in welchem wir nach diesem Ziele fahren, bestimmt einzig und allein der Kongress. Die höchste Instanz in der heutigen schwierigen Zeit, für die deutschen Zionisten eine völlige Klarheit der Situation zu schaffen, ist der Delegiertentag. Ich glaube, dass wir nicht säumen dürfen, denselben in Kürze einzuberufen. Diesem Delegiertentage will ich einige Resolutionen unterbreiten, die me:ner Auffassung der Sachlage entsprechen. Ich hoffe, dass der Dele-