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Die Welt · 1905-10-13 · 41 (13.10.1905) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „bi* # W$lt" Nr. 41 Baron Rothschild war ein Jude. Die Rothschilds, welche 20 Millionen spenden können, sind dünn gesät» Das Kapital und die Macht der Rothschilds wird den Juden überall vorgeworfen, sie sind es, welche es bewirken, dass im Volke der Grundsatz herrscht, jeder Jude sei reich, sie sind es, welche zum grossen Teile den Antisemitismus des Neides, den wirtschaftlichen Antisemitismus hervorrufen. Die Rothschilds aber erregen nur den Antisemitismus, aber sie spüren ihn nicht. Sie sitzen in ihren Palais und verkehren in der Hocharistokratie, welche dem Gelde zuliebe den Juden vergessen, sie machen Geschäfte mit Russland und dem Bürgermeister von Wien, welche dem Gelde zuliebe den Juden ignorieren; aber die Rothschilds erregen den Antisemitismus und der Hausierer in Wien und der Krämer in Galizien spürt ihn. Wäre es da nicht nur gerecht und billig gewesen, wenn diese Spende dem Judentum gewidmet worden wäre? Aber ßaron Nathaniel Rothschild wollte eben zeigen, wie edel und grossmütig Juden sind, und hat seine Spende mit der Klausel gemacht — ohne Unterschied der Konfession. Er glaubte wohl, dass seine Edelherzigkeit verstanden werden würde. Aber darin hat er sich getäuscht. Grossmut wird oft als Schwäche gedeutet, oft sogar als Mangel an Voraussicht. Das Organ der Antisemiten, das „Deutsche Volksblatt", brachte damals an leitender Stelle einen Artikel folgenden Inhaltes: Die 20 Millionen-Spende sei deshalb erfolgt, um dtjn Christen Sand in die Augen zu streuen, wie edel die Juden seien. Doch das Geld der Rothschilds sei von Christen erwuchert und christliches Geld. Es zeige nur, wieviel Geld die Juden hätten, und deshalb sei der Weisheit letzter Schluss: eine progressive Erbschaftssteuer, eventuell Einziehung des Vermögens über fünf Millionen. Aehnlich die anderen antisemitischen Organe! Und die weiteren Folgen? Die Anstalt wird errichtet werden. Es ist Tatsache, dass von vielen Stiftungen, welche von edelherzigen jüdischen Stiftern „ohne Unterschied der Konlession" gemacht worden sind, die Juden ausgeschlossen sind. „Ohne Unterschied der Konfession" wird von den Verwaltern der Stiftung so ausgelegt, dass tatsächlich alle derselben, nämlich der christlichen Religion angehören. Zunächst werden die Aerzte Nichtjuden sein, die vielen proletarischen jüdischen Aerzte werden zusehen können, wie die Rothschild-Nervenanstalt die als Aerzte anstellt, welche einstens als Studenten den Juden die Ehre absprachen. Dar n wird es dahin kommen, dass Juden ihre Aufnahme als Heilbedürftige nur schwer durchsetzen werden können. Man wird Mittel, Wege und Gründe finden, diese Juden auszusehliessen, jenen die Aufnahme zu verweigern, auf kürzere Zeit den Aufenthalt zu restringieren, nur eiien geringen Prozentsatz zu gestatten. Die wenigen Juden, welche als Patienten drinnen sein werden, werden als Beweise der Gleichberechtigung dienen. Aber Baron Rothschild litt an seinen Nerven und deshalb hat er die 20 Millionen den Nervenkranken gewidmet. Hätte er am Judentum gelitten, hätte er nur einmal in seinem Leben gesellschaftlich, wirtschaftlich, national gefühlt, was os heisst, ein Jude se/O, so hätte er die 20 Millionen dem Judentum gespendet. Aber ihm war das Judentum nur Tradition, wie es bei den Windischgrätz-Husaren Tradition ist, ke//?en Schnurrbart zu tragen; ihm war das Judentum nur das Originelle an seinem Adel. Sonst war er Aristokrat in Oesterreich. Bei jedem Volke führt der AdeJ, ob mit Recht oder nicht; in Ungarn, in Norwegen, in Deutschland und Spanien. In England stellen sich Herzoge in den Dienst des Volkes. Nur bei uns Juden ist der jüdische Finanzaristokrat der unjüdischeste aller Juden, hat seinen Einfluss, seinen Namen, sein Geld für alles — nur nicht für das Jüdische! Armes, jüdisches Volk! Du musst dich mit anderem Adel begnügen. Deine Adeligen .sind die T.empeldiener von Schitomir und Mohilew, die Märtyrer von Kischenew! Die hinterlassen aber keine Millionen, die opferten dem Judentum ihr Blut und ihr Leben. B e n-H u g. \ on Dr. Der grosse wissenschaftliche Erfolg Alexander Marmorek. In Paris tagte kürzlich der Kongress gegen die Tuberkulose, diese moderne Volksseuche, gegen die bis in die letzte Zeit ein kolossaler wissenschaftlicher Apparat aufgeboten war, ohne nennenswerte Erfolge zu erzielen. Auf dem Kongresse waren gegen 3000 Arzte, darunter Kapazitäten in der einschlägigen Frage, versammelt. Vor ihnen konnte unser, yor allem wegen seiner Liebenswürdigkeit geschätzter Dr. Alexander Marmorek, Mitglied des engeren A.-C, wissenschaftliche Triumphe feiern, über die wir die kurzen Ausführungen des Wiener Tagblattes „Die Zeit" sprechen lassen. Ohne in die fachliche Würdigung der aufsehenerregenden Tatsache eingehen zu wollen, möchten wir nur feststellen, dass trotz der Kostspieligkeit der Marmorekschen Versuche im eigenen Institute der Gelehrte aus Gründen der Humanität bis jetzt sein Serum jedem Arzte kostenlos gegen die Verpflichtung überliess, den Anweisungen des Entdeckers in der Therapie genau zu folgen. ,.Die Zeit" schreibt: .,Paris, 6. Oktober. (Priv.-Tel.) Das Marmoreksche Serum. Heute führte in der ersten Sektion des Tuberkulose- Kongresses der bekannte, aus Wien gebürtige Bakteriologe Dr. Marmorek die Ergebnisse vor, die sein Serumheilverfahren während der letzen beiden Jahre geliefert hat. Marmorek fühlte aus, dass seit den vor etwa zwei Jahren von ihm hierüber gemachten Mitteilungen von verschiedenen französischen, deutschen, schweizerischen, englischen, schwedischen, kanadischen und anderen Autoren achtzehn Veröffentlichungen über die mit seinem Serum gemachten Erfahrungen erfolgt seien. Die Gesamtheit dieser Beobachtungen diente seiner heutigen Darlegung als Grundlage. Nahezu alle Formen von Tuberkulose wurden mit seinem Serum behandelt und dabei bemerkenswerte Erfolge erzielte, die um so . günstiger erscheinen, als die betreffenden Praktiker, um das Serum einer tunlichst strengen Prüfung zu unterziehen, vorzugsweise S c h w e r k r a n k e damit behandelt haben. Was die Lungentuberkulose anlangt, so schilderte Marmorek in eingehender und technischer Weise die von seinemSerumbeeinflusstenSympfcome. Namentlich sei die Wirkung des Heilmittels auf das Fieber der Tuberkulösen, auf die Verdauungsstörungen, den Auswurf, die darin enthaltene Bazillenzshl und das Allgemeinbefinden bemerkenswert. Die Lungentuberkulose lieferte die grosse Mehrheit der behandelten Fälle, doch waren die bei chirurgischer Tuberkulose erzielten Resultate allen Beobachtern zufolge besonders interessant. Bemerkenswert ist, das alle von Marmorek zitierten medizinischen Gewährsmänner darin völlig einig sind, dass das Serum absolut unschädlich sei, wodurch es sich vor dem Kochschen Antituberkulin vorteilhaft unterscheidet. Marmorek schloss seine Ausführungen, indem er sagte, aus sämtlichen veröffentlichen Fällen gehe hervor, dass das Antiberkuiose-

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