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Die Welt · 1905-10-13 · 41 (13.10.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41 „b\S & W$lt" Seite 7 Dieser letzteren Ansicht huldigt der neugewählte Rektor der Moskauer Universität, Fürst Trubetzkoj, der nicht allein um die Zulassung der Aufnahme von noch 62 jüdischen Studenten beim Unterrichtsminister telegraphisch ansuchte, sondern auch den Beschluss des Professorenkollegiums demselben mitteilte, sich für die vollständige Aufhebung der prozentuellen Einschränkung der Juden der Moskauer Universität einzusetzen. Das Professorenkollegium stehe auf dem Standpunkte, dass diese prozentuelle Einschränkung ebenso unnötig als ungerecht sei; vielmehr schade es dem Ansehen der Universität, dass einem gewissen Teile von russischen Bürgern auf ungerechte und zufällige Weise das Recht auf Bildung versagt sei. Ihre Forderung sei nicht allein ein Postulat der Gerechtigkeit sondern, auch im Interesse der Universitätsverwaltung g elegen, für die sich bei der Aufnahme nach Prozente n grosse Schwierigkeiten ergeben. Derselbe Rektor äusserte sich einem Mitarbeiter der „Nowosti" gegenüber, er bedaure, dass in der Moskauer Universität kein Platz mehr sei und n u r deshalb viele Gesuche jüdischer Studenten abgewiesen werden mussten. Er ermächtigte ihn aber zur Erklärung, dass er es für absurd halte, dass ein Jude, der ein Gymnasium beendet, nicht auch zum Eintritt auf eine Universität berechtigt sei. Nicht anders denkt darüber die russische Studentenschaft. Auf der Tagesordnung der Studentenversammlung, die am 15. September a. S. an der Petersburger Universität stattgefunden hat, stand als dritter Punkt die Zulassung von Juden, politischen Verurteilten und Frauen zum Studium an den Universitäten. Wohl verlief diese Versammlung nicht ohne Störungen. Die anwesenden jüdischen Studenten wollten die Wiederaufnahme des Studiums von der Lösung der jüdischen Studentenfrage abhängig machen; der Vorsitzende aber* wollte keine besondere Judendebatte zulassen, damit nicht der feststehende Beschluss, das Studium wieder aufzunehmen, gefährdet werde. Es entstand eine grosse Unruhe und die jüdische Gruppe, die eine eigene Resolution einbringen wollte, kam nicht zu Worte und zog sich in Gesellschaft mehrerer chrisüicher Kollegen zu einer Besprechung zurück, die aber resultatlos verlieh Hierauf richteten die jüdischen Studenten einen Protest gegen die Leitung der Versammlung im „Rus" und waifen dem Vorsitzenden formelle Fehler vor. Dieser Protest wurde in einer Versammlung der jüdischen Studenten, an der sich auch Christen und Hörer anderer Hochschulen beteiligten, als Resolution zur Kenntnis genommen, wobei aber ausgedrückt wurde, dass der gerügte Vorsitzende nicht im Verdacht stehe, der Aufhebung der Einschränkung jüdischer Rechte feindlich gegenüberzustehen. Dieses Vertrauen zu ihrem christlichen Kollegen zeigte sich in der Folge gerechtfertigt. Am 19. September fand eine zweite allgemeine Versammlung in der Universität statt, in welcher die Misshelligkeiten aufgeklärt und der Punkt über die Abschaffung der Prozente für Juden ausdrücklich in das Programm der Forderungen aufgenommen wurde, nachdem der Vorsitzende eine versöhnende Erklärung an seine jüdischen Kollegen abgegeben hatte. Auch an anderen Universitäten setzen sich die russischen Studenten für die unbeschränkte Zulassung ihrer jüdischen Kollegen ein. An der Charkow er Universität fand vor kurzem eine von ungefähr 1500 Personen besuchte Studentenversammlung statt, in welcher unter anderem einstimmig beschlossen wurde, die uneingeschränkte Zulassung zur Universität für alle, die ein Gymnasium absolvierten, ohne Rücksicht auf Konfession oder Nationalität anzustreben. Bemerkenswert ist eine von der Studentenschaft in 0 d e s s a der dortigen Universitätsbehörde überreichte Resolution folgenden Inhaltes: „Wir Gefertigten, Hörer der Neurussischen Universität, machen die Leitung der Universität auf die Notlage der jüdischen Jugend aufmerksam, eine Lage, die auf der bureaukratischen Ordnung begründet ist. Die Einschränkung an und für sich ist eine religiöse und nationale Beeinträchtigung, die in vollem Gegensatze steht zur Gerechtigkeit und zu den Grundsätzen der Moral und des Rechtes; sie spottet jeder Vernunft, sollte auch nur der kleinste Teil von Lehrfreiheit an einer Hochschule gewahrt werden. Sie hat die praktische Wirkung, dass die meisten jüdischen Schüler vom Universitätsstudium ausgeschlossen sind. Im laufenden Jahre ersuchten 250 Juden um Aufnahme und kaum der vierte Teil davon wurde berücksichtigt. Nun sind aber zufolge der Erlässe vom 27. April 1. J. der Machtkreis und die Befugnisse des Universitätsrates beträchtlich, erweitert und wir finden es für notwendig, dass das Professorenkollegium die Initiative ergreife, die prozentuelle Einschränkung vollständig abzuschaffen, vorläufig aber jedenfalls den Beschluss fasse, alle Juden, die heuer um die Aufnahme baten, zuzulassen." Diese Eingabe war von mehreren hundert Studenten gezeichnet. Es verdient noch erwähnt zu werden, dass in der Eingabe des Petersburger Rektors an das Unterrichtsministerium, in welcher die Zulassung von 84 infolge der prozentuellen Einschränkung zurückgewiesenen jüdischen Studenten befürwortet wurde, als massgebendes Motiv angegeben ist, es sei dies der einhellige Wunsch der gesamten Studentenschaft. So hoch ist die Wertschätzung der jüdischen Studentenschaft bei ihren russischen Kollegen, die Zeugen sind von der Opferwilligkeit, dem Mut und der Begeisterung, die ihre jüdischen Kommilitonen aufweisen. Ob auch diese kollegiale freiheitliche Gesinnung über die akademischen Jahre hinaus bleiben, ob sie sich nicht im Rausche der erkämpften und im Genüsse der erlangten Freiheit verflüchtigen und die Richtung des akademischen Zusammenlebens in Westeuropa nehmen wird, das werden die nächsten Jahre zeigen. M. B endo w\ Die Millionen des Barops Rothschild, Vor einigen Monaten wurde es bekannt, dass Baron Nathaniel Rothschild in seinem Testamente 20 Millionen Kronen zur Gründung einer Anstalt für Nervenkranke bestimmt hat ohne Unterschied der Konfession. Nun dürfte bald die Verlassenschaftsabhandlung beendigt, der Stiftbrief redigiert, das Stiftungskuratorium eingesetzt sein und bald wird die Stiftung des Barons sich in eine Wohltat für die Nervenkranken umsetzen. Ferne sei es von uns, auch nur den Anschein erwecken zu wollen, als wollten wir die Bedeutung der hochherzigen Spende dieses bekannten Wohltäters herabsetzen. Es leben und sterben so viele Reiche und selbst im Tode haben sie nicht das Herz, ihren leidenden Mitmenschen mit ihren Millionen Hilfe zu bringen. Und wie eine Oase der Mildtätigkeit in der Wüste der Engherzigkeit wirkt die Tat des Baron Nathaniel Rothschild. Aber nichtsdestoweniger müssen wir doch einen ernsten Vorwurf erheben.

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