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Die Welt · 1905-10-13 · 41 (13.10.1905) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bi* # W$lt" Nr. 41 Judentum bezeichnend. Tatsächlich unterscheidet sich die einzelne Klasse der jüdischen Gesellschaft von der nächsten mehr durch Lebensgewohnheiten und Standard of life, als durch Lebens- und Weltanschauung. Und während der christliche Arbeiter zum Teil auch dadurch zu seinem Klassengefühl gelangte, dass die jahrhundertlange soziale Aechtung und Missachtung seitens der besitzenden Klassen seines Volkes zur Revanche stachelte, darf vom sozialdemokratisch organisierten jüdischen Arbeiter behauptet werden, dass bloss wirtschaftliche Ursachen ein eigenes Klassenbewusstsein in ihm entwickelt haben. Es ist schon längst von hervorragenden Soziologen die Ansicht ausgesprochen worden, dass auch die leidenschaftliche Anteilnahme und schöpferische Mitwirkung so vieler Juden an der Sozialdemokratie nicht zufällig, sondern im jüdischen Wesen und Charakter begründet sei. Die Juden stehen allemal in der ersten Reihe der Kämpfer, welchem Fortschritt, welcher geschichtlichen "Notwendigkeit auch immer der Kampf gilt. Sie haben ihr Blut auf vielen Aeckern vergossen, eine ungeheuere Summe von Heldenhaftigkeit, Märtyrertum und Genie zu den Kriegskosten jeder grossen geschichtlichen Entwicklung beigesteuert, und es ist ein Ehrentitel des Judengeschlechtes, dass es bei keiner menschlichen Not und bei keiner Not der Menschheit abseits gestanden ist. Man soll an diesem Ehrentitel der Juden nicht schmälen und nicht nörgeln. Geht doch der Jude so vor, nicht aus Heuchelei, nicht aus Nachahmungstrieb, nicht aus nervöser Sucht nach Veränderung, auch nicht immer aus Zudringlichkeit und Sehnsucht nach unbedingtem Anschluss an die christliche Gesellschaft — sondern aus wirklicher, tiefer Ueberzeugung und vor allem, weil sein ererbtes Wesen, seine Rasseninstinkte ihn dazu drängen. Wenn überhaupt, so können hier die Spuren einer jüdischen Mission, freilich nicht im religiös-theoretischen, sondern im rassencharakterologischen Sinne gefunden werden. Die Juden haben in dieser Hinsicht nur wenig Verwandte unter den Völkern und dazu möchte ich vor allem die französische und die amerikanische Nation rechnen. Die Entstehung der Rassenseele (und dabei denke ich nicht an irgendweiche engherzige oder scholastische Beschränkung des Rassenbegriffes, noch an die mannigfachen Versuche zu seiner Definierung) ist ja überhaupt dunkel, und am wenigsten wird es gelingen, die tieferen rassenseelischen Ursachen aufzudecken, aus denen die menschheitsgeschichtliche Rolle eines bestimmten Volkes sich ergibt — die Ursache ztm Beispiel, die gerade die Franzosen zum Volke der grossen Revolution gemacht hat. Lassen wir diese Frage, die ja auch nicht in den strengen Verlauf unserer Gedankenfolge gehört, an dieser Stelle unerledigt und beschränken wir uns auf die Konstatierung der Tatsache, dass die französische Revolution von 1789, die Hauptquelle unserer modernen Freiheiten, wirklich eine Erscheinung ist, von der es einen wundert, dass sie von unseren findigen Antisemiten nicht schon längst für blosse verruchte Judenmache erklärt worden ist. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind wohl nicht die Schlagworte, aber die praktische und wirkende Grundlage des biblisch-jüdischen Sozialismus. Wobei in parenthesi bemerkt werden darf, dass die französische Revolution, wäre ihre Geburt und Entwicklung vom Schicksal jüdischem Geiste anvertraut gewesen, wahrscheinlich mit geringerem Blutverlust und ohne schändende Gräuel dieselben Resultate errungen hätte. Noch mehr und noch gewisser ist der von den Nordamerikanern für die Befreiung der Sklaven geführte Krieg etwas, das sich einer jüdischen Geschichte gewissermassen als Parallelkapitel anhängen Hesse. Und ein Geschichtsschreiber, der insbesondere auf kulturethische Zusammenhänge ausginge und diesen Parallelismus näher ausführte, könnte, wenn er die von der antiken Weltanschauung scharf abstechende jüdische Humanität gegen die Sklaven mit dem nordamerikanischen Eintreten für die Sklaven vergliche, auch auf eine überraschende Aehnlichkeit der rassenethischen Motive hinweisen. Die menschenfreundliche Behandlung der Sklaven im jüdischen Altertum entspricht, zahlreiche Aussprüche der Bibel weisen darauf hin, der lehrreichen Erinnerung an die Zeit, wo sie selber, die Herren, versklavte Fremdlinge im Lande Egypten gewesen. Und ist es etwa paradoxe Tüftelei, den nordamerikanischen Sklavenbefreiungskrieg auf ein Element im Charakter der amerikanischen Nation zurückzuführen, dessan Keime in der Entstehung der Nation aus europäischen Flüchtlingen, aus Leuten, die in Europa wie Fremde feindselig behandelt worden waren, zu suchen sind? * # * Vergleiche hinken, und wenn man Vergleiche nicht zu stilistischem Aufputz anstellt, sondern ernste Schlüsse und Folgerungen daraus ziehen will, muss man die Stellen, wo die verglichenen Erscheinungen einander nicht decken, besonders deutlich schraffieren. Als sich der dritte Stand in Frankreich erhob, um mit dem Hammer seiner neuentdeckten Kraft eine alte Welt zu zerschmettern, tat er es gewiss nicht, um zur Beseitigung der gleichen Zustände im übrigen Europa das bewusste Beispiel zu geben. Sich selbst wollte er nützen, und die schönen Worte, unter deren Flagge in einer späteren Periode europäische Länder annektiert wurden, waren gallische Phrasen ohne Inhalt und Ehrlichkeit. Sind etwa Preussen, Holland etc. von den revolutionären Franzosen als freie, gleiche Brüder behandelt worden? Das ausserfranzösische Europa hat sich die bürgerlichen Freiheiten selber erkämpfen müssen, und jedes Volk hat für die eigene Freiheit sein eigenes Blut vergossen. Nur sein eigenes? — Die Juden haben mit starker Blutsteuer mitgeholfen. Und wie sieht heute, nach wenig mehr als einem Halbjahrhundert, ihr Anteil an der Siegesbeute aus? Jetzt steht der vierte Stand vor den Wällen, hinter denen Unrecht und Bedrückung sich verschanzten. Wieder stellen die Juden zu neuen Opfern ihre Kaders auf. Mit welchen Hoffnungen, mit welchen Aussichten zieht der Jude diesmal in den Kampf? Dr. B. F. (Fortsetzung folgt.) Die Juden an den russischen Universitäten. Es soll nun anders werden. Den jüdischen Studenten, denen der Eintritt in die russischen Hochschulen nur nach minimaler, prozentueller Massgabe gestattet ist, sollen nun ohne jede Begrenzung die Tore der Universitäten geöffnet werden. Diese Neuerung soll nicht mehr auf der Gnade des einen oder des anderen Rektors, der sich für seine Juden bei der Regierung verwendet, beruhen, sondern sie soll Gesetz werden; es soll mit dem alten Gesetze, das die Juden von dem Universitätsstudium fast ausschliesst, aufgeräumt werden. Alle Anzeichen sprechen, dafür, dass dies der sehnliche Wunsch der russischen Intelligenz und ein wichtiger Punkt im Programm ihres Freiheitskampfes ist, besonders aber, dass es die Studentenschaft als eine Schmach empfindet und als ein Unrecht, das gegen ihre jüdischen Kollegen geübt wird.

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