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Die Welt · 1905-10-13 · 41 (13.10.1905) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Kr. 41 lfbi^weit" Seite S Freund für eiiifen Predigtstoff gewählt hat, um weder Reb Isserlheimer, noch Meyersohn zu verletzen. Jetzt 'war's zu spät, ich musste die Papiere rasch in Ordnung bringen und die Lektüre später fortsetzen. Und da trat schon raein Freund über die Schwelle. Begrüssung. Plauderei. Dann: „Willst du nicht meine neueste Predigt lesen? Links liegt sie." (Wunderbar schnelle Erfüllung meines Wunsches!) Ich nahm die Predigt zur Hand. Und — Herr, mein Gott, was finde ich gleich auf der dritten Seite? Sukkah — Zufriedenheit — Esrog — Familienieben . , . „Mann Gottes!", sage ich ernst. „Und das hier??" Dabei lege ich die Hand auf „Material. Vorbereitendes". Er wurde bleich. Ich gestand und bat um Verzeihung. Er verzieh und bat um Diskretion. Und da, Gott verzeih' mir die Verderbtheit, sagte ich ihm: „Mann Gottes! Ich will schweigen, wenn du eine neue Predigt machst. Weisst du: eine wirklich neue. Ich will wissen, wohin du gelangst, wenn du zwischen deinem Gewissen und den Herren Isserlheimer und Meyersohn spazieren gehst". Der Arme gab das Versprechen. Und ich warte seither mit starker Neugier auf die neue Predigt. Je du a. Der Wahlrechtskampf und die Juden. In Oesterreich und in Ungarn, die verfassungsgernäss soundsoviele Dinge gemeinsam haben sollten und in der Praxis so selten sich um ein gemeinsames Interesse bemühen, ist in der letzten Zeit ein grosser Rummel losgewesen um eine und dieselbe Sache: um das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Jenseits der Leitha hat ein gescheiter und — was noch seltener vorkommen soll — begeisterter Minister die Idee in die Massen geschleudert, und weil er damit zugleich der Krone in ihrem Kampfe gegen die ungarischen Koalitionsparteien eine wirksame Waffe liefert, so scheint man ihn gewähren lassen zu wollen. In Oesterreich ist dann daraus ein Nachhall geworden, ein gewaltiger Nachhall, weil das Echo hier von ebensovielen Felsen zurückgeworfen wird, als es Nationen und Nationalitäten in unserem Staate gibt. Es gärt nun in den Massen und auch die Parlamentsparteien hat es mächtig gepackt. Viele hitzige Reden sind gehalten, zu allen Fenstern des Volkshauses am Franzensring ist hinausgesprochen worden. Jedenfalls waren das für Oesterreich seltene und ungewöhnliche Debatten. Auch der politische Beobachter durfte sieh ihrer freuen. Es war ja doch eine Abwechslung. Einmal doch elwas anderes als die siebzehn Nationallieder— ich habe hoffentlich richtig gezählt — die sonst ihre Melodien gegeneinander dissonieren lassen. Sogar Herr Stransky fügte sich dem neuen Thema und spielte, zur Genugtuung mancher judischen Jours, eine andere als die abgebrauchte Walze, für die er sich durch die le.der nicht allseits anerkannte Taufe die Spieliizenz erworben hat. Wie gewöhnlich in Oesterreich, haben die vielen Reden keinen festen Entschluss geboren. An die „zwingenden4* Gründe, die für die Reform angeführt wurden, war so Viel Stimme verschwendet worden, dass am'Ende für einen bejahenden Beschluss nicht genügend Stimmen übrig blieben. Aber immerhin, die Frage ist nun einmal ins österreichische öffentliche Leben bineinbugsiert und wird nicht so bald aus ihm verschwinden. Ob das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht "wirklich, wie seine Anhänger behaupten, das Allheilmittel ist, womit die argen und die ärgsten Gebrechen dieses Staates zu kurieren wären; ob diejenigen recht haben, die diese Hoffnung als übertrieben, wenn nicht als irrig bezeichnen; oder ob am Ende jene Parteien mit ihrer Auffassung der Frage durchdringen werden, die der Reform eine eventuelle Nützlichkeit für den Staat, aber eine sichere Schädigung der nationalen Minoritäten zusprechen — davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Das sind rein österreichische Fragen, an denen wir Juden nur als Staatsbürger —und zwar unweigerlich zweiter Kiasse, welcher Kurie wir sonst auch zugehören mögen — nicht aber als jüdische Politiker zunächst interessiert sind. Trotzdem kann mit dieser Konstatierung die Sache auch für den jüdischen Politiker nicht zu Ende sein. Es gibt nämlich kein einziges zentrales Problem, sei es politischer, sozialer oder kultureller Natur, wovon nicht jüdisches Leben und die Judenfrage an irgend einem Peripheriepunkte direkt oder, indirekt berührt würde. Und inwieweit dies bei dem Problem des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes der Fall ist, wollen wir im folgenden aus einem allgemeinen und einem besonderen Gesichtspunkt erörtern. * * * Es verdient vor allem als beachtenswerte Tatsache hervorgehoben zu werden, dass die in Rede stehende Wahlreform so viele jüdische Anhänger hat. Dabei muss man nicht einmal besonders an die Sozialdemokraten denken, deren jüdische Führer für diese Reform als iür eine Parteisache eintreten. Diese Herren sind weder hier noch sonst in einer Frage in ihrer zufälligen Eigenschaft als Söhne jüdischer Väter betrachtenswerte Objekte, wollen auch nicht als Juden angesehen und beurteilt werden. Selbst wo sie für die Entnationalisierung des Judentums eintreten, tun sie es nicht aus ihrer Judentumsentfremdung heraus, ja nicht einmal — wir wollen es wenigstens zu ihrer Ehre annehmen — um die Leute ihrer Umgebung ihr Judentum vergessen oder verzeihen zu machen, sondern wirklich als absoluta, fanatische Parteimenschen, die um der Partei willen für jede Form der Selbstentäusserung zu haben sind. Auch ausserhalb der Sozialdemokratie ist aber in allen Lagern und Kreisen, die für die Wahlreform eintreten, der Prozentsatz der für die Reform begeisterten jüdischen Stammesgenossen überraschend gross. Insbesondere in Ungarn, wo manchem von ihnen nicht einmal die Zugehörigkeit zu der, durch die Wahlrechtsfrage in die Klemme gebrachten Koalition die Begeisterung gänzlich unterbindet. «ist das blosser Zufall? Gewiss nicht. Wer das jüdische Wesen kennt, weiss vielmehr, dass es der demokratische Zug im Juden ist, der die jüdische Stellungnahme zur Wahlreform hervorruft und erklärt. Die Erweiterung des Wahlrechtes und der damit verbundene Gerechtigkeitsakt gegenüber bisher entrechteten und unterdrückten Gesellschaftsschichten — das ist's, was das alte jüdische Gerechtigkeitsgefühl aufstachelt und zu leidenschaftlichem Ausdruck erregt. Dieses Gefühl oder dieser Instinkt demokratischer Gerechtigkeit hat sich ja bereits innerhalb der jüdischen Gesellschaft, besondeis der frühen n Zeit, höchst wirksam erwiesen. Das Klassenprinzip war im Judentume niemals so starr und erbarmungslos ausgebildet wie anderswo. Die Grenzen flössen und fliessen beständig, und die zahlreichen Anekdoten, die einen Rothschild und einen Hausierer im Dialoge zusammenbringen, sind, wenn auch nicht für bestehende Zustände, so doch für bestehende Möglichkeiten und jedenfalls für die unleugbare Existenz eines nivellierenden sozialen Gefühls im

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