Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bk # weit11 Nr. 4i blosses Gleichnis und eine ganze Freude. Und die richtige Erinnerung dazu als Festtags weihe, als Seele der Feier. Die wohlige Erinnerung eines Hausherrn an den armen Hütten mann. Wie ein raffinierter Reicher einmal in die Volksküche geht, um seines nächsten Lukullusmahles besser inne zu werden. Und sich für die gesicherte Reihenfolge seiner Lukullusmablzeiten die richtige Dankbarkeit anzuhungern. Man wird sonst schlapp und faul, und eines Tages überrascht einen der jagdustige Feind mitten in der besten Verdauung . . . „Liebe Freunde! Der Jude von damals erfüllte eine Pflicht, wenn er in der Holzhütte sass. Auch ihr wollt diese Pflicht erfüllen? Gut! Aber der Jude von damals hatte auch ein Recht darauf, in der Sukkah zu sitzen. Sein Recht bestand darin, dass er die Holzhütte für sieben Tage hatte, und ein paar Schritte davon stand sein sicheres Steinhaus fürs ganze Jahr. Das war die richtige Distanz für die Erinnerung. Spazierte er von der Hütte zum Hause hinüber, so absolvierte er gewissermassen mit den wenigen Schritten die ganze Wüsten wanderung seiner Väter. Echte Sukkoth- Stimmung! „Aber ihr, liebe Freunde! Habt ihr schon ein Recht auf die Sukkah? Wo ist euer eigener Boden, wo euer sicheres Haus? (Meyersohn in der ersten Bank wird wütend sein. Er wird sich in die Brust eines vierfachen Hausbesitzers werfen. Lauter sichere Häuser, fast hypothekenfrei. Aber so meine ich's natürlich gar nicht. Meyersohn gegenüber schickt sich bloss die Frage, ob er sich auch innerlich so sicher fühlt wie sein christlicher Hausherrkollege, wie der Vergani z. B. Im übrigen meine ich's aber so:) „Seht euch eure wandernden Massen an! Wo sind ihre sicheren Häuser geblieben? Glaubt ihr, dass e i n Stamm hätte Sukkoth feiern können, feiern dürfen, weil er noch in den Häusern sass, während die elf anderen Stämme vom Feind in die Wüste getrieben waren? Musste nicht Rüben, Gad und der halbe Stamm Menasche, obwohl sie sich die vorletzte Station, das Transjordanische, zur Heimat erwählten, zuerst mit über den Jordan gehen und mitkämpfen, bis auch die Brüder im eigenen Hause sassen? Dieselbe Situation heute. Heute aber will Rüben, Gad und der halbe Stamm Menasche ruhig im Transjordanischen bleiben, im guten, schönen Steinhause sitzen, Lukullusfreuden gemessen — und am festlichen Tage die Gleichnishütte beziehen. Wie breit und tief wünscht ihr den Jordan zwischen euch und euren Brüdern? Abscheulich! (Ich werde das nicht sagen dürfen. Wahr ist's, aber „abscheulich" gehört nicht auf die Kanzel. Und Meyersohn wird sagen, ich bin Sozialist, Kommunist sogar, und will seine vier Häuser aufteilen. Lieber versuch* ichs, dasselbe anders zu sagen. Milder. Vielleicht so:) „Liebe Freunde! Wozu brauchen wir überhaupt Hütten? Ich will sagen: wozu brauchen wir jedes Jahr aufs neue, immer an diesen Tagen und bloss für diese Tage, neue Hütten zu bauen? Haben wir denn nicht schon Hütten? Geräumige dazu, die andere mit ihrem Gelde für uns gebaut haben? Hütten, die das ganze Jahr für uns parat stehen und von uns auch das ganze Jahr hindurch und jeden Tag im Jahre ausgiebig benützt werden? „Ihr wollt wissen, wo diese Hütten sind? So ziemlich überall. Man muss nur die Augen aufmachen und sehen wollen, so sieht man ihrer gleich mehr, als einem lieb ist. Am stattlichsten gedeihen sie aber am Rande der Wasserwüsten. Auf gut Glück nenne ich euch drei die mir gerade einfallen." „Hay's Wharf. Nach allgemeiner Definition: ein englischer Hafen. Richtiger: eine grosse Hütte zu kurzem Aufenthalte für Leute, die nicht wissen, ob sie in England bleiben, dürfen und, wenn sie's nicht dürfen, wann sie weiter mfessen. Gegen Ende September kamen 300 russische Juden in diese Hütte. Drei Viertel von ihnen musste nach einigen Tagen weiter. Nach Argentinien, Kanada, den Vereinigten Staaten. Der Rest durfte bleiben und wird sich wahrscheinlich in zehn Jahren einbilden, der East End von London sei eine Riesenansammlung sicherer Häuser für Juden. „Port Brisbane, Port Moreton, Queensland, Australien. Dort winken den Juden neue Hütten. Für melancholische Juden ist bestens vorgesorgt. Ein Beamter des Einwanderungsamtes macht wundervolle Spässe. Das Gesetz erlaubt ihm, die Einwanderer auf ihre europäische Bildung zu prüfen, in der Weise, dass sie nach seinem Diktat fünfzig Worte in einer europäischen Sprache niederschreiben müssen. Die Sprache darf der Beamte wählen. Und wählt manchmal, um einen unsympathischen Hüttenaspiranten loszuwerden, — nicht die jüdische Sprache. Der müde russische Jude, der vor der Türe der Sukkah Queensland Sprachen lernen soll: muss der Melancholischeste da nicht das Lachen lernen? Das heilige Lachen, wie mein Kollege, der Wiener Oberrabbiner, es einmal so schön genannt hat?" „Weiter! Ellis Island. Insel, zum Staate New York gehörig. Nach der Terminologie des jüdischen Golus-Geographen (das ist nämlich der Held jener Anekdote, der die Geographie praktisch, auf Schnorrerrundreisen lernte): eine einzige grosse Hütte. Ausflugsort sehr vieler Sukkah-Juden aus Russland, Rumänien. Ein schöner Leuchtturm ist dort. Zum Heimleuchten. Die Flammensäule der Bibel sozusagen. Die amerikanische steht aber ewig da und fordert unausgesetzt zur Weiterreise auf .... (Es ist furchtbar schwer! Auch das darf ich nicht sagen. Reb Isserlheimer wird schimpfen : „Der will die Sukkah unter einem nichtigen Vorwand abschaffen. Was gehen mich seine Vergleichungen an? Was geht mich England, Queensland, ganz Amerika an? Geschrieben steht : In Hütten. Also müssen wir Hütten bauen. Und wenn nicht drei — wenn zehntausend Hütten fertig stehen: was kümmern uns die Hütten, die fremde Leute für uns bauen?" Und Meyersohn wird sagen: „Der ist ärger als Sozialist und Kommunist zusammengenommen; der ist, Gott soll mir helfen, Zionist." Das Schlimmste ist: ich fürchte, da hat er recht. So oft ich einen jüdischen Gedanken gerade zu Ende denke, steht dieser Zionismus vor mir. Und Meyersohn will ihn nicht, den Zionismus, er sagt immer, er hat keinen Grund dazu, er bleibt lieber, wo er jetzt ist. Meyersohn sitzt in der ersten Bank . . . Aber, Herr Meyersohn, was soll ich sonst predigen? Soll ich wieder die Sukkah als Symbol der Genügsamkeit, den Esrog als Symbol der Tugend deuten usw. usw., wie voriges Jahr, vorvoriges Jahr, alle Jahre? Geht Ihnen die unlebendige Monotonie nicht auf die Nerven? Mir schon lange. Und ich hab's satt. Vom Zionismus soll ich nicht reden? Meinetwegen. So wird's was anderes sein. Aber Genügsamkeit, Tugend usw. nicht mehr. Ich hab's satt. Etwas anderes, etwas Neues, was immer . . . So weit war ich in der Lektüre gekommen. Da klingelte es draussen. Warum habe ich nicht rascher gelesen? Ich hätte gar zu gerne gewusst, was mein