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Die Welt · 1905-10-13 · 41 (13.10.1905) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 „bie & Weit Seite 3 werden antisemitisch, wollen ihre Juden aüstreiben oder treiben sie tatsächlich aus. Das war Herzls These. Die Korrelativthese stammt aus dem Foreign Office und aus Queensland. Sie lautet: Länder mit zu dünner Bevölkerung wollen Juden hereinhaben. Es ist gewissermassen der H o r r o r v a c u i, auf das koloniale Bevölkerungsprobleni angewendet. Und was geschieht, wenn das Vacuum wieder zu judenvoll, die Juden wieder „überflüssig" werden? — Bei Uganda konnte sich die Angst durch das grosse Wort „Autonomie" beschwichtigen lassen. Bei Queensland ist von Autonomie schon keine Rede mehr. 'Die von der Arbeiterpartei vertriebenen Kanakas haben einen leeren Raum hinter .sich gelassen. Wer den leeren Raum wieder füllt, wird gut tun, sich mit der Labor party auf guten Fuss zu stellen .... f—s. Sukkoth. Meine Leser mögen mir verzeihen: ich bin im Begriff, ihnen, die Ausbeute eines kleinen Diebstahls vorzulegen. Uebrigens habe ich diesen Diebstahl schon vorher demjenigen, an dem ich ihn begangen, eingestanden und er hat mir verziehen. Der Mann ist Rabbiner und konnte — einen Tag nach dem Versöhnungstage *— nicht gut anders als verzeihen. Trotzdem rechne ich es ihm hoch an, denn seine Versöhnlichkeit brachte ihn in die Zwangslage, eine schon fertige Predigt in den Papierkorb zu werfen und an ihrer Stelle eine neue anzufertigen. Er musste das tun, denn ich bezeigte ihm nur Lippenreue, weigerte mich aber in meiner boshaften Verderbtheit, tätige Reue zu beweisen. Das ist recht undeutlich. Ich bitte um ein wenig Geduld. Ich will gleich anfangen, deutlich zu werden. Die Sache verhält sich folgendermassen : Am Tage nach Jörn Kippur besuchte ich meinen Freund, der Rabbiner ist, fand ihn aber nicht zu Hause. Nun stehe ich zum Glück gut genug mit ihm, um in einem solchen Falle nicht gleich an der Tür umkehren zu müssen. Ich Hess mich vielmehr in sein Arbeitszimmer führen, wo ich den Schreibtisch mit Notizen, Papieren und aufgeschlagenen Büchern bedeckt fand. Ich interessiere mich sehr für alle Arbeiten meines Freundes, er gewährt mir Einsicht in alle seine wissenschaftlichen Manuskripte, ehe er sie in die Druckerei sendet, und hat nichts dagegen, wenn ich auch in seiner Abwesenheit in seinen Papieren stöbere. Er hat sein Vertrauen auch nie zu bereuen gehabt. Bisher wenigstens. Aber diesmal, reumütig gesteh' ich's, habe ich sein schönes Vertrauen gröblich getäuscht. Mein Entschuldigungsgrund: ich fand zum ersten Male auf seinem Schreibtische eine Predigt. Oder vielmehr eine ganz merkwürdige Vorbereitung zu einer Predigt rechts, links aber die saubere Ausarbeitung. Und es interessierte mich gewaltig, zu erfahren, wie solch rhetorisches Meisterwerkchen entsteht Mein Freund ist nämlich ein glänzender Redner und seine Diktion so klar und flüssig, dass ich immer geglaubt habe, seine Predigten kämen in einem Gusse zustande. Und was fand ich jetzt? Reichlich zehn engbeschriebene Seiten, an der Spitze der ersten die Ueberschrift: „Material. Vorbereitendes." Das ist doch merkwürdig? Aber nun kommt das Merkwürdigste. Es Avar gar kein Material, es war gar nichts Vorbereitendes — wenigstens nichts von dem, was man sich gewöhnlich unter diesen Worten vorstellt! Es war so ungewöhnlich, so überraschend, dass ich der Versuchung erlag: ich nahm einen Bleistift und stenographierte einen grossen Teil der Merkwürdigkeit in meinem Notizbuch ab. Und hier gebe ich den Nichtstenographen eine Uebertragung. — „Sukkoth. Jedes Jahr ist Sukkoth und jedes Jahr erwarten sie, dass ich zu Sukkoth predige. Wenn sie wüssten, wie schwer das ist! "Man weiss wirklich nicht mehr, was man predigen, was man Neues bringen soll. Ja, wenn man, statt um die Dinge herum, vom Wesen der Dinge sprechen dürfte. Das wollen sie aber nicht. Sie sagen, das gehöre nicht auf die Kanzel. Wenn sie's erlaubten — wie könnte man so schön und so wahr predigen. Und so ergreifend. Aber sie wollen, glaub' ich, an Feiertagen nicht ergriffen werden. Und an Wochentagen kommen sie mir nicht in den Tempel. Ach Gott, in der geraden Linie reden, in der die gesunden, die natürlichen Gedanken laufen! Eine Spielerei war's. Brauchte mich gar nicht vorbereiten. Einfach auf die Kanzel hinaufgehen, den Gegenstand, von dem ich reden will, fest anschauen — und dann der Gemeinde schlicht erzählen, was ich sehe. „Jetzt zum Beispiel: Sukkoth. Einfachster Gedankengang. So etwa: „Liebe Freunde! Draussen, im Vorhof unseres Gotteshauses, steht eine Sukkah. Eine aus Holz gebaute Hütte, drüber ein Laubdach. Was soll sie uns? Die Erfüllung eines biblischen Gebotes: In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage. Und ihr sollt daran denken, dass ich eure Väter in der Wüste vierzig Jahre habe in Hütten wohnen lassen. „Nun, die Hütte haben wir. Eine sehr schöne, reichgeschmückte sogar. Wie steht's mit dem Wohnen darin? So wörtlich nehmen wir's allerdings nicht. Aber wir essen darin, wir trinken darin, und wenn ich heute nachmittags in der Hütte lernen werde, hoffe ich, einigen Besuch zu bekommen. Wie steht's mit dem Darandenken? Jenun, liebe Freunde, das ist eine böse, kitzliche Sache. Und diese böse, kitzliche Sache soll der Gegenstand unserer heutigen Betrachtung sein. (Ein bisschen salopp klingt das. Macht aber nichts. Ein antiker Vorgänger von mir hat noch ganz anders gesprochen, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer aufzustacheln. Hat von 600.000 Kindern einer einzigen Frau gesprochen. I c h sollt' so was wagen! Ich muss dann einen zahmen Bibelvers dazu finden, dadurch kommt die erforderliche Feierlichkeit in den Stil. Vorläufig ist's ja erst der Gedankengang. Also weiter :) „Liebe Freunde! Genügt .es, um das Gebot des Darandenkens zu erfüllen, dass man, in der Sukkah sitzend, so vor sich hindenkt: ,In so 'ner Hütte haben die Juden einmal gelebt. Damals, in der Wüste. Eigentlich nicht recht kommode. Müssen sich riesig gefreut haben, wie sie dann in ihr Land kamen, sich Häuser aus solidem Stein bauten oder, noch bequemer, sich in die Kanaaniterhäuser setzten. So eine Hütte — zugig, eng und gar nicht sicher überm Kopf. Und ganze vierzig Jahre diese Wohnungsmisere! Kein Wunder, dass diese ganze Generation der Wüstenjuden ausgestorben ist und erst die zweite Generation ins heilige Land gelangte. War leicht zu prophezeien!4 „Nein, liebe Freunde! Es genügt nicht, so hinzudenken. Solch gemütliche Gedanken waren vielleicht einem Juden zur Zeit der Richter oder unter der Herrschaft des Königs David erlaubt. Der hatte Ursache dazu. Wir nicht. Er war in seinem Lande, sass an gewöhnlichen Tagen in seinem guten, soliden, sicheren Hause. Wehe dem, der ihn aufstörte! Der ihn aus dem Schwererworbenen jagen wollte! Da zogen Reisige aus, mit den Geräten des Krieges in ihren Händen. Wer feige war, durfte daheim bleiben. Waren aber wenige Feiglinge unter ihnen. Die Juden hatten nämlich, wofür zu kämpfen : Heim und Herd. Sassen sie dann am Festtage in den Laubhütten, so war's ein

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