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Die Welt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 40 „bi* £ W$lt Seite 13 iiisel, die jetzt wieder, einmal im Vordergrund politischer Interessen steht. Dänemark zählt bei .einer Bevölkerung von über zwei Millionen Einwohnern 3476, Schweden mit über fünf Millionen Einwohnern 2800 und Norwegen mit 27* Millionen kaum 600 Juden. Im ganzen leben; in den genannten drei Ländern mit einer Bevölkerung von zirka 10 Millionen Einwohnern nur 6876 Juden 0,06 Prozent. Es ist dieses um so merkwürdiger, als die Juden da seit 1860 die volle Gleichberechtigung gemessen, und infolgedessen1 und weil sie ihre, natürlichen Gaben und Fähigkeiten ungehindert entfalten können, ziemlich wohlhabend ,sind. Der Grund dafür ist in erster Reihei in der Tatsache zu suchen, dass die Judenemanzipation im Skandinavien nur ganz jungen Datums ist. So durften die Juden bis 1860 beispielsweise in Schweden nur in drei Städten wohnen und selbst da bedurfte die Niederlassung eines Juden jedesmal der ausdrücklichen' Genehmigung des Königs. Im Jahre 1711 wurden in Schweden drei Juden verbrannt und im Jahre 1779 sind die wenigen daselbst wohnenden Juden verhaftet, bestraft und ausgewiesen worden. Die in Skandinavien eingewanderten Juden stammen teils aus Hamburg und Amsterdam, meist aber . aus. Russland. Da jedoch, die Hamburger und Amsterdamer Juden' es nicht nötig haben, nach Skandinavien auszuwandern/, den russischen Juden aber das Land nicht gerade auf dem W-ege liegt, so wächst die jüdische Bevölkerung daselbst sehr''langsam. Es darf auch nicht vergessen werden, dass Skandinavien augenscheinlich trotz seines grossen Umfawgs und seiner dünn gesäeten Bevölkerung doch kaum seine eigenen Einwohner ernähren kann. Dieses beweist die Tatsache, dass vom Jahre 1820—1904, also in 84 Jahren, die skandinavische Halbinsel 1 763 145 Emigranten nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika entsendet hat. Wie überall, so bildet auch in Skandinavien die geringe Zahl der jüdischen Bevölkerung ein mächtiges Hindernis für' die Fortentwicklung des Judentums. Die Religionslosigkeit nimmt überhand, Mischehen dezimieren die jüdische Bevölkerung und wenn nicht sehr bald eine grössere Emigratioiiswelle von Juden aus dem Osten nach den Ländern der skandinavischen. Halbinsel hinüber stattfindest, so dürfte <Iie Zukunft des Judentums namentlich in Schweden und Norwegen eine sehr trübe werden. Feuilleton. Lied am Abend. (Nehila.) Unaufhaltsam geh'n die Tage Wie die Wellen tief im Strom Und es bricht sich manche Klage Ungehört am Himmelsdom. Neigt sich tief der Lebenswage Dunkle Schale, denk' ich fromm: Was ich dulde, was ich trage, Ist nur Welle und Atom... Wien. M. Scher lag. Das Kälblein. Erzählung von L. Feierberg. Es war Sommerszeit. Die Sonne neigte sich aus ihrer Höhe mit leuchtendem Auge in das düstere Glieder herein, warf spottend, als wollte sie den Melamed beschämen, ihren Blick auf seinen schmierigen Tallis koton, verwob ihre Strahlen in seinen spitzen Bart, wie am ihn zu erschrecken, und goss übermütig ihren goldenen Glanz über Staub und Schmutz, über den Wassergraben in der heiligen Strasse, der Strasse des Tempels, der Melamdim, der Schächter, die gleichzeitig den Marktplatz bildete. Und mit dem tiefsten ihrer Zauber flüsterte sie uns lachend zu: „Törichte Kinder, was sitzt, ihr da eingesperrt mit dem Rabbi?u Wahrlich wie köstlich, wie segensvoll sind diese Sonnenstrahlen, die voll Liebe und Anmut durch das Fenster schweben und tanzen! Und draussen wie schön, wie hold! Die Spiele dort so hübseh. Wie duftig der Dunst, der aus der Wiese aufsteigt. Wie glücklich die Kinder, die j^tzt draussen sich tummeln, am Bodeu;sich wälzen, Erdkügelchen kneten und in der Sonne trocknen! Aber der Rabbi ist hart undgrausam, er kennt keine Gnade. Er sitzt und lernt. Er sitzt und wiederholt. Schweisstropfen fallen auf die Gemora, der Rock ist feucht und klefet am Leibe, die Hände sind schwer, der Kopf schmerzt, die Stimme ist gedrückt. Aber der Rabbi wiederholt, lernt, wiederholt--- Endlich wird auch er müde. Er unterbricht die Wiederholung, sagt uns einige ermahnende Worte und heisst uns ins Beth-Hamidrasch gehen, um Mincha zu beten. Wir eilen atemlos, in Haufen auf die Strasse. Da kommt uns eine Herde entgegen. An der Spitze wandeln gewichtige Lämmer, voll Seelenruhe und Selbstbefriedigung wie Rabbis und angesehene Leute der Stadt, wenn sie mit „gewöhnlichen Menschen" zu einer freudigen Pflichterfüllung gehen, zum Empfang eines Bräutigams, zu einer Beschneidung, zu einem Begräbnis. Hinter ihnen kommen die Ziegen, dann die Kühe, die Kälber, Schweine und Füllen, jedes in seinem Lager. Der Staub dringt bis in den Himmel hinein und wir drängen und mengen uns mitten in die Schar. Der eine von uns reitet auf einem Lamm, der andere auf einem Ziegenbock, der dritte sucht die Tiere zu quälen, beunruhigt und erschreckt 6ie, damit sie wissen, dass ein Mensch da ist, ein Sohn jenes Geschlechtes, das mit seiner Kraft die Welt und ihre Fülle beherrschen soll. Ani Ende des Heerlagers kommt auch unsere Kuh, ihr zur Rechten der Hirt, der auf den Schultern ein liebliches Kälblein trägt. Ich verstand plötzlich das Geheimnis, das meiste Mutter mehrere Male erzählte: Unsere Kuh sei trächtig! Jetzt erreichte meine Freude ihren Höhepunkt und ich betrachtete nur voll sehnsüchtigen Neides den Hirten, der das schöne Kälhlein direkt ins Haus meines Vaters trug. Mit. ganzem Herzen wollte ich ihm nachlaufen, mich auf das .Kälblein werfen und es vor Liebe küssen. Doch wie? Und der Rabbi? Und das Minchagebet? Was wird die Mutter sagen, wenn sie ihren Jungen sieht, der Talmud lernt und solchen Unsinn treibt? So entschlosa ich mich mit Wiederstreben, ins Beth-Hamidrasch zu gehen. Das Gebet verstrich — ich lief eilig nach Hause — zum Kälblein. Wie ich kam, liefen mir schon die kleinen Brüder und Schwestern entgegen und verkündeten mir das frohe Ereignis. „Hättest du gesehen, Chophei/ so sprachen sie aus einem Munde, „wie lieb dieses Kälblein ist, wie breit seine Stirne, sein Naschen, seine lange Zunge und seine roten, vollen Lippen, hättest du's gesehen---/ Ich konnte nicht warten, bis sie zu Ende waren, sondern lief eilends in den Stall, warf mich vor dem Kälblein nieder, betastete seinen ganzen Körper, nahm es auf den Arm und trug es in die Küche, wo ich es bei Kerzenlicht betrachten konnte. Dann tauchte ich einige Bissen Brot in Salz und legte sie auf seine Zunge. Es ass mit Appetit und blickte dann auf mich voll Wohlgefühl und Dankbarkeit. Ich erkannte im Augenblick, dass ich dem Kälblein lieb geworden war und seinen Blicken mich als wert der Freundschaft erwies. Denn es unterschied mich in gutem Sinne von allen Kindern, von Brüdern und Schwestern, und blickte stets entweder auf mich oder auf alles, worauf mein Auge ruhte. Da empfand ich eine mächtige Liebe zu dem schönen Kälblein, allerdings mit Stolz gemischt, und ich bemühte mich, es mit vollem Herzen zu hegen und zu pflegen und ihm Liebe für Liebe zu vergelten. „So wird es sein/ sagte abends meine Mutter zum Va^er als er nach Hause kam. „Ein guter Zufall, die Kuh hat ein Kalb geworfen. Nächste Woche werden wir es schlachten, so wird es nach deinem Wunsche ein Braten sein/ „Ist es möglich, Mutter? Kannst du dieses schöne und liebliche Kälblein schlachten lassen?' fragte ich voll Bestürzung. „Du bist noch ein Kind, ein Dummkopf und ein Narr. Sagtest du so etwas unter Männern, man würde dich verlachen/

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