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Die Welt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 lfbie # weit11 Seitu 11 Jähr hundertein Ueberkommenen und Uebernommenen, mit allem Alten, nach, ihrer Ansicht Veralteten, aufräumen. Der Kampf zwischen Alter und Jungen, Konservativen und! Modernen, Orthodoxen und Fortschrittlern, der besonders in Ungarn wütete und die dortige Juderaheit in zwei Teile spaltete, griff auch auf das benachbarte Un-g.-Brod über. Bald war es ein Kulturkampf — ein Kampf um die Schule, um den Unterricht in nichtjüdischen Fächern, dem sogenannten deutschen Wissen» — bald ein, Kultuskampf, der Kampf um den Ort des Almemor und insbesondere um den so! verpönten geregelten Chorgesang. Wjr sehen an der Arbeit den von Reformierungseifer beseelten Vorsteher, der dem Rabbiner, der ihm zu widersprechen wagt,. Ordnungsstrafen auferlegt, und der aus Begeisterung' für den Chor, mehr aber noch aus Trotz und Rechthaberei, auch Montag und Donnerstag mit Chor vorbeten lassen will, während demselben Rabbiner, der trotz seiner Frömmigkeit die Schule organisierte und auch den „modernen" Unterricht einführte, vom der Gegenseite der pathetische Vorwurf ins Gesicht geschleudert wird: „Sie haben die Kinder abgeschlachtet!" Dieser Kampf der Richtungen endete auch in Ung.-Brod mit dem Siege der — goldenen Mitte; die in Brodi freilich etwas mehr nach rechts gelegen ist und verkörpert ist in dem jetzigen Rabbiner Dr. M. Jung, der konservativ, ja orthodox ist, und zugleich der Rufer im Streite für jüdische Mittelschulen, deren eine — für Oesterreich die erste —, ein jüdisches Gymnasium, er mit grossen eigenen Opfern an Zeit, Mühe und Vermögen bereits begründet hat, für welche Gründung die jüdische Oeffentlichkeit und die jüdischen Mäcene zu gewinnen ihm aber leider noch immer nicht gelungen ist. Möge dieser Schrift, deren interessanter Inhalt hier nur berührt wurde, in weiten Kreisen Anerkennung und Verbreitung zuteil werdem. n. im. Gleichzeitig mit dem Deutschien ist auch das Jüdische Jahrbuch für England, diesmal zum zehnten Mal erschienen und zeichnet sichdurch Reichhaltigkeit des Inhaltes und Verlässlichkeit der Daten aus. Ein Vergleich mit dem ersten Jahrbuche vom Jahre 1896 zeigt das stetige Wachstum der englischen Judenheit und eine bedeutende) Zunahme der Bethäuser. Wohltäti^- keitseinrichtungen, Schulen und Vereine. Hatte London vor zehn Jahnen eine jüdische Bevölkerung von 64 000, so wird die Anzahl der Juden daselbst jetzt auf 180 000 geschätzt. Die Zahl; der Juden in ganz England ist in diesem Zeiträume von 101 000 auf 227 000 gestiegen. In den Kolonien ist die Zunanme der jüdischen Bevölkerung noch bemerkenswerter. Kanada zählt heute gegen 30 000 Juden gegen 7000 vor zehn Jahren und in Südafrika beträgt die Zunahme über 50 Prozent. In diesen1 beiden Kolonien hat nicht nur die Zahl der Juden bedeutend zugenommen, sondern es herrscht dort ein reges jüdisches Leben, wie die grosse Zahl der sozialen Institutionen und der zionistischen Vereinigungen beweist. Iii Südafrika bestehen derzeit 65 der „Zionist Föderation" unterstehende zionistische Vereine, die eine mustergültige Organisation bilden. Der „Camadian Föderation of Zionist" gehören jetzt 25 Vereinigungen an, gegen 14 im Vorjahre. iDe Hauptstadt Montreal mit 15 000 Juden zählt jetzt 12 Synagogen, 10 Wohltätigkeitsvereine und ebensoviele andere Institutionen, die sich hauptsächlich mit der Fürsorge für die Einwanderer befassen. Eine gleich starke Steigerung der jüdischen Bevölkerungsziffer weisen auch die Provinzen Englandts (1896 33 000, 1905 86 000) mit den 'grossen jüdischen Arbeiterzentren Manchester und Leeds auf. So erfreulich die Tatsache ist, dass die Zahl der Juden, denen ein menschenwürdiges Dasein gegönnt ist, sich um. einen im Verhältnis zum Ganzen kleinen Bruchteil (die Zahl der Juden de!r ganzen Welt wird Im Jahrbuch auf 11,102 000 geschätzt), vermehrt hat, so sprechen die oben angeführten Zahlen andrerseits eine sehr klane und traurige Sprache von dem unerträglichen Drucke:, der die Juden aus Russland und Rumänien trieb und ihre Zahl in England und den Kolonien so in die Höhe schnellen! Hess. 'Leider ist zu erwarten, dass die nächsten Jahrbücher nicht viel von einer ausserordentlichem Zunahme der jüdischen Bevölkerungszahl berichten können werden, da bereits das nächste den Einfluss der in Kraft getretenen Aliens Bill zeigen wird. Besondere Abschnitte des Jahrbuches sind den religiösen Institutionen, den öffentlichen jüdischen Bibliotheken und Muselen und den Erziehungseinrichtungen gewidmet. Eine Reihe von Biographien hervorragender Juden und ein Rückblick über das abgelaufene Jahr, in wielchem Greenberg namentlich die Bedeutung der Alien Bill kennzeichnet, vervollständigen den Inhalt des Jahrbuches. Ein Korrespondent des „Jewish Chronicle" hatte Gelegenheit zu einem kurzen Gespräche mit Sir Harry Johnston, das deshalb von besonderem Interesse -ist, weil Johnston, der lan^e Jahr© Administrator von Uganda war und einige grundliegende Werke über Uganda, Britisch-Ostafrika und das Kongogebiet geschrieben hat, als einer der bestem Kenner der zentral- und ostafrikanischen Kolonien gilt. Er verwahrt sicfi dagegen, dass er dien Zionisten ein Angebot gemacht habe, das von vornherein wertlos war. Er zweifelt auch jetzt noch nicht au der Kolonisationsmöglichkeit des Guas Ngishu-Plateaus. Dasselbe verlange tüchtige und kräftige Ackerbauer. Die jüdischem Arbeiter, die er in Südtunis gesehen habe, haben ihn überzeugt, dass das jüdische Volk solche habe. Die jüdische territoriale Organisation könne das Plateau noch haben, wenn sie die notwendigen Hilfsquellen aufweisen kann und frei von jeder Landspekulatiou sei. (Anrru der Red.: Darin irrt sich Johns ton, wie ein in der Times vom 27. September veröffentlichter Briefwechsel zwischen dem Sekretär für die Kolonien Lyttleton und Zangwill zeigt. Lyttleton schreibt darin im Beantwortungeines Briefes Zangwills, dass er offiziell von den Beschlüssen des Kongresses, auf das Angebot in Ostafrika nicht weiter eingehen zu können, Mitteilung erhalten habe und daher den Kommissionär für das Ostafrikaprotektorat angewiesen1 habe, das Plateau nicht mehr reserviert, zu halten. Das sei jedoch kein Hindernis, dass die Regierung ein ferneres Angebot Zangwills nicht in Erwägung ziehen werde. Zangwill nimmt in seinem Antwortschreiben diesen Brief dankend zur Kenntnis und bemerkt, dass die neue Territorialorganisation mit der zionistischen Organisation nichts zu tun habe und teilt schliesslich mit, dass er nach Konstituierung und Festigung seiner .Organisation ein Programm vorlegen werde,) Im übrigen bekannte sich Johnston als begeisterter Anhänger des Zionismus, als Verfechter des Baseler Programmes: „Der Platz des jüdischen Volkes ist Palästina". Denselben Standpunkt vertritt er in einiem Artikel „Die rechtmässige Ausbreitung Deutschlands", der in der letzten Nummer der „Fortnightly Review* erschien. Dort sagt Johnston wörtlich: „Jede Neuordnung der politischen Zentrale im nahen Osten muss in ihrem Programm einen starken, unabhängigien, jüdischen Staat in Syrien und Palästina einschliessen, der sich von hier bis zu den westlichen Gestaden des Euphrat erstreckt, ein Staat, der jedenfalls sowohl Jerusalem als auch Damaskus umfasst. Dies muss ein Belgien des Ostens sein, neutralisiert und gesichert durch die zivilisierten Mächte, ein Pufferstaat, eine Schweiz, eingeschoben zwischen den Interessensphären Deutschlands und Englands/4 Eine sehr beachtenswerte Anregung bringt der „Chronicle" ainläS'Slich ddr, bald bevorstehenden M a ,r o k <k o k o n f e r e rfz, die eine gute Gelegenheit bietet, eine dringende Verbesserun;: der Lage der dortigen Juden mit den anderen beabsichtigten Reformen durchzuführen!. Der famose Präzedenzfall des Berliner Kongresses dürfe nicht abschrecken. Denn Frankreich als Vertragsmacht teile die Gewähr der strikten Einhaltung eventueller Bestimmungen, Dass die Notwendigkeit für eine Aktion bestehe, zedige das Eilend der jüdischen Bevölkerung in den Massenquartieren in Mogador und die regelmässig auftretenden Ueberfälle auf Juden und Plünderungen jüdischer Viertel. „The Jewfsh Chronicle" vom 22. September bringt nebst der vollständigen Zangwill-Rede ein Interview Greembergs, das sich mit derselben beschäftigt und gegen manche Behauptungen derselben polemisiert. Die ganze Rede habe die etwas gewagte Voraussetzung, dass Zangwill im Recht und Jeder andere am Kongresse im Unrechte sei. Er dürfe nicht glauben, er sei der einzige gewesen, der1 dem Ernst der Situation ganz erfasst habe, der einzige, der an das Unglück der jüdischen Massen gedacht habe und der einzige, der mit Erbitterung erfüllt war, wenn er Juden, wie Lucien Wolf zum Beispiel, ihren Stammesbrüdern den Rat geben sah, alles zu erdulden, in der sicheren Hoffnung, einmal das russische Staatsbürgerneclit zu gewinuien. Und sobald Zangwill einmal zugieben müsse, dass auch die anderen, die ihm entgegentraten oder ihn nicht unterstützten, wie er nur \as Wohl ihres Volkes im Auge hatten, dann sei der einzige Vorwurf, den er gegen den Kongress vorbringen könne, der, dass die Abstimmung den Wünschen der überwiegenden Kongrassimajorität entsprach und; nicht denen seiner eigenen kleinen Minorität. Die Differenz in den Ansichten Zangwills und des Kongresses drehe sich um Ostafrika. Selbst Zarnigwil;l sei jedoch nicht für die Annahme des angebotenen Territoriums gewesen, denn seine Resolution spreche von Ergänzung oder Ersetzung durefo andere Gebiete. So weit war er ja eins mit dem Kongresse. Die einzige Differenz war, diais Zangwill verlangte, der Kongress möge ein anderes Territorium verlangen, und der Kongress lehnte es ab, dies zu tun. Zangwill ist der Ansicht, dass die Lage der Juden in der unmittelbaren Zukunft die Errichtung einer autonomen Ansiedlung erheische. Der Kongress. war derselben Ansicht, nur zog er es vor, alle Kräfte um das Land, an das das jüdische Volk mit unlösbaren Banden gebunden ist, zu konzentrieren. Warum wartete Zangwill so lange, mit der Gründung der neuen Organisation, obwohl er wusste, unter welchen Bedingungen der

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