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Die Welt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 40 Nbie # weit" Seite 7 Demnach werden die von den sogenannten Judenkommissionen des Grafen Pohlen, des General Kadean o w und des Grafen Ignatjew gesammelten Daten über die ökonomische Lage und über die rechtliche Stellung der Juden in Bussland einer neuen Kommission übergeben, um die Reichsduma mit den Ansichten der obgenannten Kommissionen über die Rolle der Juden in Russland bekanntzumachen. Bedenkt man, dass die ganze bisherige Politik der russischen Regierung den Juden gegenüber ein Produkt dieser Ansichten ist, so wird man die Ideen und die Ziele der neuen Kommission begreifen. Doch wird vom Staatssekretär v. Witte erwarttt, dass er in zwölfter Stunde den Ansichten der Kommission über die künftige Gestaltung der Lage der Juden im Zarenreiche eine neue Richtung geben wird. Und das ist der Grund, warum diesmal auch unsere Volksgenossen in Russland der Rückkehr Wittes mit Spannung entgegensehen haben. Die Judenmetzeleien in Kertsch haben ein Nachspiel erfahren, das die Ursachen der blutigen Judenexzesse in ganz Russland grell beleuchtet. Die Gemeindeverwaltung in Kertsch hat nämlich auf Grund zuverlässiger Daten in ausserordeutlicher Sitzung beschlossen, die Haltung der Polizei und des Polizeichefs während der Juienexzesse rückhaltslos zu verurteilen, den jüdischen Einwohnern von Kertsch ihre Sympathien auszudrücken und den Minister des Innern auf die Teilnahme der Polizisten an den Judenechlächtereien aufmerksam zu machen. Diese Kundgebung der Kertscher Duma, welche in ganz Russland grosse Sensation hei vorgerufen hat, fand Unterstützung in einem Schreiben des Hafenkapitäns von Kertsch, welcher offen erklärte, dass die Polizei die Plünderer und Mörder der Juden unterstützte und sie beschützte, während die Juden von ihr verfolgt und an der Selbstverteidigung verhindert wurde. Das Schreiben des ehrlichen Hafenkapitäns, welcher selbst mit Lebensgefahr vielen Juden das Leben gerettet, wird von vielen russischen Blättern als eine schwere Anklage gegen die Polizei bezeichnet. Das Ministerium des Innern aber, von dem eigentlich die Brandmarkung der Haltung der Polizei bei Judenexzessen abhängt, fährt leider fort, an den Maximen Plehwes festzuhalten. AllePüagen von Juden gegen Rechtsverletzung werden zurückgewiesen, die Bitte von Juden um Erleichterung ihrer schweren Lage unerhört gelassen. Jüdische Apothekergehilfen, welche in Kasan eintrafen, um an der dortigen Universität ihre Apothekerprüfungen abzulegen, wurden auf Befehl des Ministers ausgewiesen. Was also können die Juden erhoffen? Gt. Rubrik für Diskussion. Die Stellungnahme der „Welt" zu allen Fragen des Zionismus ist durch die. Kongressbeschlüsse und den Aufruf des Präsidenten des A.-C. festgelegt. Sie bleibt aber weiter jeder sachlich vorgebrachten Meinung offen und gestattet selbstverständlich gerne eine Diskussion in richtigen Grenzen. Wir führen dafür diese besondere Rubrik, wo auch alle inoffiziellen Meinungen zum Ausdruck gelangen können. * * * Zum Programm der Palästinakommission. Dr. Franz Oppenheimers Artikel („Welt" Kr. 37) „Grosskolonisation, Kleinkolonisation und öffentlichrechtliche Sicherung" hat in zionistischen Kreisen besondere Aufmerksamkeit gefunden, da er nicht nur persönliche Auslassungen des bekannten Kationalökonomen, sondern die genieinsame Ansicht unserer Palästinakommission auszusprechen seheint. Ich halte diese Ausführungen in vielen Punkten für falsch und vom zionistischen Standpunkt aus für gefährlich. Der Nachweis freilich, dass er mit seinen Modellkolonien nach dem Prinzipe der Siedlungsgenossenschaft nicht zur Kleinorganisation zurückkehren will, ist Oppenheimer so überzeugend gelungen, dass es hier keines Wortes bedarf. Wenden wir uns aber dem Hauptgedanken des Aufsatzes zu: wir müssen durch unsere in Palästina (oder auch sonst wo) zu errichtenden ,,Siedluiigsgenossen-- schaftcn" beweisen, dass eine nach der Oppenheimersehen Theorie durchgeführte Kolonisation das dazu verwendete Geld gut verzinst, also eine vorzügliche Kapitals-anlage darstellt. Nur dadurch können wir uns die Grundlage für eine zionistische Aktion grösseren Stiles, die bei unserem Mangel au Geldmitteln unbedingt notwendige „Kreditbasis", verschaffen. Ich will mich nicht auf eine Kritik der „Siedlungsgenossenseliaft" einlassen und mich auch nicht darauf stützen, dass die Mehrzahl der deutschen Xationalökonomen die Oppenheimersehen Theorien für falsch hält. Der praktische Kachweis ihrer Durchführbarkeit ist nicht nur ein durchaus verständlicher Wunsch ihres Autors, sondern auch im allgemeinen wirtschaftlichen Interesse sicherlich erwünscht. Mit der zionistischen Bewegung haben in der Richtung gehende Versuche aber nichts zu tun. Wenn die Realisierbarkeit der „Siedlungsgenossenschaft'' bewiesen und zur Anerkennung gelangt ist, so ist es möglich, sogar wahrscheinlich, dass der Zionismus diesen Kolonisationsmodus akzeptiert und in grösserem Massstabe durchführt. Er erscheint mir aber nicht verpflichtet und berechtigt, die knappen zionistischen Gelder für jenen Beweis zu verwenden. TJmsoweniger als Oppenheimer einen in grossem Stil durchzuführenden 'Versuch in Deutschland vorbereitet. So lange, bis die Ergebnisse dieser Siedlnngsgenossenschaft zu übersehen sind, werden wir mit der Erlösung des jüdischen Volkes warten müssen und können. Und hängen nun wirklich die Existenzberechtigung des Zionismus und seine Aussichten von der Entscheidung ab, ob eine Theorie des Nationalökonomien Oppenheimer richtig oder nicht richtig ist? Ich glaube, sehr viele Zionisten werden mit mir: nein, ganz entschieden nein antworten. Wenn die „Siedlungsgenossenschafton" sich als nicht realisierbar erweisen — wir würden es bedauern, aber müssten wir sogleich jede Hoffnung, einen geeigneten Koloiiisationsmodus zu finden, endgültig aufgeben? Nur in dem Kalle, dass die Versuche als offiziell zionistische ausgeführt würden, dürfte ihr Versagen unsere Aktionsfähigkeit lähmen oder gar vernichten — und darin sehe ich ihre Gefährlichkeit —, während sonst der Ausfall rein nationalökonomischer Experimente uns wenig berührt. So weit meine Kritik. Ob ich „einen bessere]}, bequemeren, näheren AVeg aufzeigen" kann? Nein. — Ich glaube überhaupt nicht an einen bequemen und nahen Weg zum Ziel. Aber es ist meine feste Keborzengung, dass das jüdische Volk nicht untergehen darf und auch — der einzige Weg wäre Assimilation unter den Wirtsvölkcm — tatsächlich nicht untergehen kann. In dem (Mauben nun, dass die allein mögliche und wünschenswerte Lösung der Judenfrage in der Eichtling des Zionismus liegt, hoffe ich, dass es einer grosszügigen Agitation und Politik gelingen wird, die Mehrzahl der Juden und die massgebenden nicht jüdischen Organe für die zionistischen Ideen zu interessieren. Wenn uns das gelingt, wenn vor allem im Laufe der Zeit die jüdische Hochfinanz gewonnen ist, dann und erst dann wird es uns nicht an Geld, und der unbedingt notwendigen Kreditbasis fehlen. An eine Finanzierung des Zionismus aus rein geschäftlichen, spekulativen Gründen kann ich nicht glauben. Der nicht speziell zionistisch interessierte Geldmann wird für sein Kapital stets Anleihen finden, die

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