Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 w^it" Seite 5 darauf lege ich das Hauptgewicht — was. es je schaffen wird. Der Glaube an die ewige Fortdauer des jüdischen Volkes, c?as ist unser höchstes Dogma. Aber auch das religiöse Judentum, dem viele jede Daseinsberechtigung absprechen, wird nach unserer Ueberzeugung zu neuem Leben erwachen, wenn die geistige Volkskraft unseres Stammes durch eine nationale und originale Literatur zum Ausdrucke gfelaugeri wird. Das neligiösei Genie im jüdischen Volk ist nicht erloschen, aber es ist lahmgelegt durch die geistige Zersplitterung, in die wir seit etwa einem Jahrhundert verfallen sind. Das Judentum als religiöse Erscheinung war eine lebensvolle Idee, solange es im Volksbewusstseim wurzelte und dem Vereinigungspunkt unserer sittlichen und geistigem Kräfte bildete. Herr S. Hurwitz in Gluchow hat vor etwa einem Jahr in unserer Mitte die Gemüter heftig dadurch erregt, dass er die Frage der Fortdauer des Judentums als Religion und als nati> nalen Idee aufrollte. Ohne mich für jetzt in eine Erörterung seiner angeregjteni Zweifel einzulassen, glaube ich sagen zu dürfen, dass er .sich selbst die beste Antwort gab, indem hauptsächlich durch seine Initiative das „Sinai" entstand. Die. neue Gesellschaft hofft, die hebräische Sprache und Literatur zum Einigungspunkte des jüdischen Volkes, zu machen und so die würdige Fortdauer des Judentums sichern und fördern zu helfen. Die Einzelheiten des inneren Organismus des „Sinar4 und die Beschaffenheit seiner materiellem Mittel, die schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, werden demnäehst publiziert werden. Dr. S. Berufe! d. Aus dem Korrespondenzblatte des „Zentralbureaus für jüdische Einwanderungsangeiegenheiten'*. Choleragefahr und Auswanderung. Infolge der vereinzelten Cholerafälle, die sich in der letzten Zeit ereignet haben, muss unser Bureau in Berlin und müssen auch die einzelnen Komitees an der Grenze sich peinlichster Rücksichtnahme gegenüber den behördlichen Vorschriften befleissigen. Durch Vermittlung der Kontrollstationen aber ist es dem Zentralbureau sowohl wie den Grenzkomitees möglich, ihre Tätigkeit für die jüdischen Auswanderer nach wie vor fortzusetzen. E i n f 1 u s s der auftrete n den Cholera auf die B e f ö r d e r u n g s v e r h ä 11 n i s s e. Das Auftreten der Cholera hat bisher die Behörden nicht veranlasst, die deutschen Grenzen gegen Auswanderer aus seucheverdächtigen Gegenden vollständig zu sperren. Die verschiedenen Vorsichtsmassregeln der in Betracht kommenden Behörden! haben aber bereits einschneidende Veränderungen in der Beförderung von Auswanderern hervorgerufen. Vorerst haben die amerikanischen! Einwanderungsbehörden die Bestimmung getroffen, dass alle Auswanderer aus Gegenden, im denen die Cholera herrscht oder die seucheverdächtig sind, sowie Auswanderer, die durch solche Gegenden gewandert sind, vor ihrer Einschiffung nach Amerika in Europa sich einer sechstägigen Quarantäne unterziehen müssen, in Betracht kommen also ausser Russen/, Polen, Oesterneichern, Rumänen, Bulgaren usw. auch Deutsche der östlichen Teile des Reiches. Um diese Quarantäne ohne eigenen Nachteil durchführen zu können, erheben die Schiffahrtsgesellschaften zu dfll gewöhnlichen Schiffspreise einen Zuschlag von 10 Mark. r ... ■ ' Der Quarantäne nicht unterworfen sind alle Auswanderer, die nicht nach Amerika reisen, .sondern nach anderen Ländern, wie, England, Qanada, Argentinien, usw. Jedoch haben auch die nach aussereuropäischen Häfen Calso nicht England) fahrenden Auswanderer aller Nationalitäten, wenn sie von Hamburg abgehen, sich der 6tägigen Beohachturigsfrist auf einem Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie oder in den Auswandererhallen zu unterwerfen. Für russische Auswanderer sind eine Reihe von besonderen Vorsichtsmassregeln getroffen worden. Die Beförderung von russischen Auswanderern über Hamburg ist polizeilich verboten. Russische Zwischendeckpassagier« dürfen daher von keinem Agenten zur Beförderung ab Hamburg aufgenommen werden, weder nach Nord-Arnerika, nach Canada, nach Süd-Amerika, noch nach England oder sonst wohin, auch dann nicht, wenn sie sich bereit erklären, Schiffskarten z w e i t e r Kajüte zu nehmen. Kajüten reisende an und für sich werden weiter nicht behindert. Da nun der Haupthafen für russische Auswanderer Hamburg ist, so findet ein starkes Abfluten der russischen Auswanderer nach anderen Häfen statt. Diese vermehrten Auswanderermassen können aber nicht befördert werden, weil es in den Häfen, die infolge der Hamburger Sperre aufgesucht werden, an Schiffsgelegeilheit zur Beförderung solcher Massen fehlt. So ist Antwerpen stark überfüllt, und die belgische Dampferlinie (Red Star Line) ist für Wochen hinaus nicht imstande, Passagiere aufzunehmen. Der Norddeutsche Lloyd, Bremen, befördert aus gleichem Grunde vorerst nur solche russische Auswanderer, die mit Freischeinen (Prepaids) des Lloyd versehen sind. Die Compagnie Generale Transatiantique, Le Havre, nimmt Passagiere aus seucheverdächtigen Gegenden wie Russland und Polen nicht auf. Auch in dem indirekten Verkehr — d. h. in derjenigen Beförderung, hei welcher der Passagier von kontinentalen Häfen ans. nach England fährt, um dort erst auf den grossen Ozeandampfer umzusteigen —, auch in diesem Verkehr ist eine Stockung eingetreten; einmal können ja von Hamburg aus Auswanderer nicht befördert werden, dann aber weigern sich auch die englischen Linien, Passagiere aus infizierten Gegenden anzunehmen; das richtet sich natürlich in erster Linie gegen die russischen Auswanderer. Ohne Einschränkung nimmt bis jetzt nur die Holland- Arnerika-Linie, Rotterdam, Beförderungen vor. So sind die Gelegenheiten, auf den Schiffen zur Zeit Beförderung zu erhalten, sehr gering. Es muss daher allen Auswanderungslustigen auf das dringendste geraten werden, den Antritt ihrer Reise zu verschieben, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, wochenlang in den Hafenplätzen zu liegen oder gar auf halbem Wege zurückgewiesen zu werden. Prepaids. Es gibt viele Auswanderer, namentlich unter den jüdischen, die von ihren Verwandten jenseits des Ozeans Freischeine (Prepaids) erhalten, damit sie nachkommen können. Da nun aber jetzt die Betörderungsverliftltnisse äusserst schlechte sind, so kann es geschehen, dass Personen, die mit solchen Freischeinen (Prepaids) verseilen sind, ihre Reise nicht anzutreten oder fortzusetzen imstande sind, weil der irn Freischeine festgesetzte Hafen gesperrt ist. Um nun solchen Auswanderern die Möglichkeit zu bieten, ihren Weg gegebenenfalls über einen anderen Hafen zu nehmen, hat die Hamburg-Amerika-Linie ihre Agenten angewiesen, allen Inhabern von Prepaids der Hamburg-Amerika-Linie das Geld für die Karten zurückzuzahlen, damit die Auswanderer in den Stand gesetzt werden, Schiffskarten anderer Linien zu kaufen. Die mit Prepaids von englischen Linien versehenen Auswanderer werden, solange Hamburg geschlossen ist, über Bremen befördert. Solche Inhaber von Prepaids werden, auch wenn sie Russen sind, bisher noch von den englischen Linien ohne weiteres angenommen. Natürlich sind auch die Inhaber von Freischeinen, soweit sie nach Amerika fahren, der sechstägigen Quarantäne vor ihrer Einschiffung unterworfen und müssen auch den Zuschlag von 10 Mark zahlen. Besonders .streng wird jetzt darauf gesehen, dass Aus-