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Die Welt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 üble weit11 Nr, 40 yertreten. Denn eine Leitung von Wert muss vom Volkswillen getrieben werden. Kann man aber dem Yolke warm machen, nachdem so lange ein künstlicher Rieselregen voll nationaler Kühle darüber niederging? Die deutschen Juden werden schwer dazu zu bekommen sein, statt Ducken, Egoismus und Gleichgültigkeit, Stolz und nationale Liebe zu zeigen, den Bund willkommen zu heissen und ihn als gesell ätzten und mächtigen Vormund zu betrachten. Ausser es vermehrt die Leitung furchtlos nochmals das Gemurmel des Volkes und geht noch einen Schritt weiter, um den Weg zum Ziel freizubekommen. Sie müsste nur daran gehen, das nationale Leben, dessen sie bedarf, sich zu schaffen. Sie müsste den Druck ihres Einflusses vor allem auf die Lehrer der Massen spielen lassen, müsste vom Katheder, von der Kanzel herab, aus Blättern und Versammlungen heraus auf Grund unserer nationalen Geschichte, unserer gemeinsamen, also nationalen Forderungen heraus furchtlos und ehrlich das nationale Bewusstsein und nationalen Stolz erwecken lassen. Niemals wird sie Wein trinken, wenn sie Wasser predigt. Heraus aus unserem Leben also mit allen rückständigen Fälschern und Fälschungen ehrlichen, nationalen Judentums! Wer weiss, ob von der gründlich verdorbenen gegenwärtigen Generation noch etwas zu holen ist. Der Bund der deutschen Juden und jeder andere können sieh aber schon einen rühmlichen Platz in der Geschichte sichern, wenn er durch die nationale Rettung der jüdischen Jugend eine Jugend des Judentums anbahnen hilft. Glück auf zur Tagung, der eine Tagung folgen möge! J. TJpfimny. „Sinai". Während des siebenten Kongresses ist die neue Gesellschaft „Sinai" ins Leben gerufen worden, die sich ein sehr hohes Ziel gesteckt hat: die hebräische Literatur durch Herausgabe wert- und gehaltvoller Bücher zu fördern und die Kenntnis des Judentums im weitesten Sinne des Wortes zu vertiefen und zu verbreiten. Ich sage ausdrücklich, während des siebenten Kongresses, aber nicht auf dem siebenten Kongresse — damit ist die Stellung des „Sinai" zum Zionismus und zu der zionistischen Organisation klar dargelegt. Seit dem Beginne der zionistischen Bewegung ist die Frage der inneren Kulturarbeit innerhalb der Judenheit oft genug und manchmal unter heftiger Erregung erörtert worden. Der fünfte Kongress stand bekanntlich unter dem Eindrucke dieser erregten Debatten. Man darf wohl sagen, dass nur wenige die innere Kulturarbeit verneinen, denn es ist ja klar, dass keine nationale Bewegung, dass überhaupt keine grosse Bewegung die Idee entbehrem kann. Der Sozialismus ist zweifellos eine nicht minder politische Bewegung als der Zionismus, er hat in etwa einem halben Jahrhundert in allen Kulturstaaten eine grosse, sozialpolitische Umwälzung hervorgerufen. Aber auch er wurzelt in der Idee und die Idee ist in ihm, anregend, treibend, befruchtend und mit den politischen Erfolgen fortschreitend und sich entwickelnd. Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes bedarf der inneren Kulturarbeit. Ich hielte es für eine Beleidigung eines jeden ernsten und denkfähigen Zionisten, wollte ich ihm dies erst beweisen. Nichtsdestoweniger habe ich stets der Leitung unserer Organisation recht gegeben, als sie sich weigerte, die Kulturarbeit zu übernehmen. Denn sie würde dadurch, das heisst, wenn sie derartige Fragen auf die Kongresstribüne bringen wollte, nicht nur die Organisation selbst gefährden, sondern auch der kulturellen Entwicklung des jüdischen Volkes bloss Schaden zufügen. Die zionistische Bewegung muss alles ausscheiden, was uns Juden trennt, und *mr das aufnehmen, was uns Juden vereinen kann. Ueber das, was zur jüdischen Kultur gehört, gehen die Meinungen auch unter uns Zionisten stark auseinander. Wir würden die ganze zionistische Organisation aus •den Fugen treiben, wollten wir der Leitung die innere Kulturarbeit aufbürden. Aber auch andrerseits kann man Kulturfragen nicht auf dem Kongresse verhandeln und über sie abstimmen lassen. Gewiss geschieht dies in den meisten Kulturstaaten in den parlamentarischen Körperschaften; aber auch da ist es fraglich, ob es nicht viel besser wäre, der kulturellen Entwicklung mehr Freiheit zu gewähren, wie es beispielsweise in Nordamerika der Fall ist. Jedenfalls wird unsere Kulturarbeit besser neben als auf dem Kongresse gedeihen. Dabei sind wir uns dessen bewusst, dass wir nicht nur für den Zionismus, sondern für das gesamte Judentum erspriesslich arbeiten. Die Gesellschaft „Sinai" hat sich als erste Aufgabe die Förderung der hebräischen Sprache und Literatur; gestellt. Unsere nationale Sprache verbindet das jüdische Volk mit seiner Vergangenheit und gibt ihm eine geschichtliche Grundlage. Die Kenntnis dieser Sprache ist aber auch notwendig, um der immer zunehmenden geistigen Zersplitterung des jüdischen Volkes Einhalt zu tun. Man hat in den letzten Jahrzehnten versucht, eine jüdische Literatur in nichthebräischer Sprache zu schaffen. Am weitestem hat es bekanntlich nach dieser Richtung die deutsch redende Judenheit gebracht, die eine grosse, wirklich gehaltvolle jüdische Literatur besitzt. Aber schon damals wurde die orientalische Judenheit von dem Segen eines Wissen und Aufklärung bringenden Schrifttums ausgeschlossen. Später splitterten sich von den deutsch redenden Juden ab unsere Stammesgenossen in Amerika, England, Frankreich, Russland, Polen, Ungarn, in vielen Landesteilen Oesterreichs usw. Zur Erhaltung des Judentums in allen Teilen der Diaspora müssten wir eine jüdische Literatur! schaffen in deutscher, französischer, englischer, italienischer, rumänischer, russischer, polnischer, ungarischer, serbischer, bulgarischer, tschechischer, dänischer und schwedischer Sprache. Selbst wenn wir das könnten, hätten wir dabei den ungeheuren Nachteil, dass die innere und kulturelle Einheit gänzlich aufhörte, abgesehen 'davon, dass eine und dieselbe Arbeit mehrere Male verrichtet werden muss. Schon jetzt kommt es oft vor, dass jemand beispielsweise in deutscher Sprache eine wichtige Episode der jüdischen Ge-. schichte eingehend erörtert, ohne zu ahnen, dass dies in russischer Sprache bereits zur Genüge geschehen ist. Die hebräische Sprache gibt dem jüdischen Volke die innere und kulturelle Einheit. Nur durch sie kann der amerikanische Jude einen geistigen Berührungspunkt mit meinen StammesgenOiSsen in Ungarn haben. Nur durch sie kann das Judentum fortgebildet und entwickelt werden. Das grosse religionsphilosophische Werk unseres Maimonides ist erst durch die hebräische Ueebrsetzung zu einem geschichtlichen Ereignis geworden. Ohne die Uebersetzurag wäre es in irgend einer Büchersammlung verschollen geblieben oder durch die Unbilden der Zeit vernichtet worden. Die geschichtliche Erfahrung lehrt, dass auch die besten Bücher jüdischen Inhaltes in fremden Sprachen — ich brauche nur an die Schriften. Philos zu erinnern — auf den Entwicklungsgang des Judentums wenig oder gar keinen Einfluss ausgeübt haben. Wir verwerfen nicht die jüdischen Literaturen in fremden Sprachen; sie können oft sehr erspriesslich sein und sind \or allem in den meisten Fällen notwendig. Aber die Sprache des Judentums bleibt das Hebräische. Und wenn dem Judentum neue Gedanken zugeführt werden sollen, Gedanken, die einerseits im Judentum und in dessen geschichtlicher Entwicklung wurzeln, andrerseits aber in die moderne Anschauung, der fortschreitenden Kultur münden, so wird dies erspriesslich nur durch die heibräische Sprache geschehen können. Judentum ist nach meiner Anschauung mehr als Religion, denn es urnfasst alle«, was das jüdische Volk geistig je geschaffen hat ind —

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