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Die Welt · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 „Di* $ Welt Seite 3 vörziifiihren und dadurch mit automatischer Sicherheit jede, auch die tiefste Heimlichkeit unseres Inneren aufzudecken. Als Mann habe ich einsehen gelernt, dass auch das Alphabet die jüdische Beichte nicht vor rückhältigem Verschweigen zu schützen vermag, dass in dem langen Register jede Sünde steht, die ich und du und er, die der einzelne zu begehen pflegt, dass es aber von der Sünde schweigt, deren wir, wir als Gesamtheit, uns schuldig machen, Tag für Tag, Jahr um Jahr — von der Sünde, die wir als Volk gegen uns begehen. Eine Todsünde: sie hat getötet und sie mordet noch immer . . * * * Freilieh glaube ich nicht, dass die Unvollständigkeit der jüdischen Beichte beabsichtigt, dass das Verschweigen gewollt ist und bewusst geübt wird. Die Verfasser der Sündenbekemitnisse haben an die Notwendigkeit dieses Beichtpunktes — gerade dieses — nicht gedacht, haben sie nicht vorgeahnt. Das Moralische verstand sich ihnen nicht von selbst, wohl aber das Nationale. Wie sollten sie auch ahnen, dass an dem Tage, an dem mit so innigem, mit so dringlichem Flehen um die Heimführung ins Land der Vater gebetet wird — dass an dem gleichen Tage eine Beichte der Gleichgültigkeit gegen eben dieses Land, ein Bekenntnis der Feindschaft gegen den Gedanken einer möglichen Heimkehr notwendig sein würde? Sie tragen wahrhaftig keine Schuld, wenn im dickleibigen Gebetbuch den Klammern des Alphabets nun doch ein Wichtiges entgangen ist: im jüdischen Alphabet gab es vormals keinen Platz für die Versündigung am eigenen Volke; erst die internationale Ilebersetzimg hat unser Alphabet um diese tiefste Armut bereichert. * * * Das sind unkanonisierte Gedanken. Ich weiss es wohl und weiss auch, dass manche Rabbiner mich darob schelten, mich als Analphabeten der absoluten, der über jedes Volksschicksal erhabenen Eeligion bezeichnen werden. Was tut?s? Ich werde doch, wenn ich am Jörn Kippur-Abend aus dem Tempel gehe, meinen Piut beten, den Piut, den ich immer bete, wenn am Abend des grossen, furchtbaren Tages der langgedelmte Schofarton mich erschüttert, an das Jubeljahr, an das Freiwerden der Sklaven mich erinnert: „Möchte doch mein Volk, mit diesem Nachklang im Ohr, nicht aus den Tempeln gehen, ehe es den glühenden Schwur geleistet, dessen bindende Kraft erst gelöst wird, wenn mein Volk frei auf eigenem Boden steht!" J e d u a. Straffe jüdische Verbände. Ende des Monates wird der Verband deutscher Juden in Berlin seine erste Hauptversammlung haben. Dies ist ein Lebenszeichen der an Ausdehnung mächtigen reiehsdeutschen Judenorganisation, wie aber erstaunt bemerkt werden muss, das erste. Tausend fleissige Hände regten, halfen sich, um den Bund zu gründen, aber er wurde nicht munter. Man erinnert sich, wie stark vor Jahresfrist auf der politischen Bühne das Gemurmel des Volkes war, als die ersten Helden der deutschen Juden zu einem Rütlischwur zusammentraten, um aus allen Stammesgenossen des Reiches ein stolzes, mutiges und grosses Heer zu machen, an dem die Unzahl der feindlichen Angriffe zersplittern sollte. Alle geradlinigen und patriotischen jüdischen Politiker freuten sich vom Herzen über diese Mannestat, die bei einem Erfolge umwälzend in das jüdische Leben eingegriffen hätte. Wir Zionisten, immer als Sekundanten bereit, wenn für unser Volk etwas Gutes geschaffen werden soll, freuten uns, dass die deutschen Juden besser seien als ihr assimilatorischer Ruf, und stellten so viel Kraft zur Verfügung, als nur verlangt wurde. Mit tausend Masten konnte auch der junge Bund ins Meer des Lebens schiffen — und verlor sich für ein Jahr allen Augen. Soll das eine Anklage gegen den Kapitän und die Offiziere werden? Soll der ferneren Tätigkeit des Bundes ein hinderndes Wort in den Weg gestellt werden? Unsere Absicht ist das Gegenteil. Wir halten den Bund in seiner Zusammensetzung aus allen Gemeinden, Korporationen und bedeutenden Führern der Judenheit für äusserst wertvoll; wir wünschen vom Herzen, dass nicht nur die Zuversicht für seine erste Jahresversammlung übertroffen werde, sondern dass sie der Beginn einer angestrengten und erfolgreichen Tätigkeit sein möge. Wir und unsere Gesinnungsgenossen wollen alles tun, damit sich das Gerippe dieses mächtigen, aber ausgemergelten Kampfeslöwen für unser Volk mit Fleisch und Kraft bedecke und wissen, dass es nicht Schuld seiner Wärter ist, dass es so herabgekommen ist. Man muss aber mit der bangen Sorge eines Juden, der ein solches Aufgebot unserer Kräfte versagen gesehen hat, eingehend untersuchen, wie ein Verband aller einflassreichen Faktoren und Personen zu keiner aufsehenerregenden Rolle gekommen ist, wie vielmehr der Siegeswagen des Antisemitismus ohne weiteres über ihn hinweg seinen Triumphzug fortsetzte; warum so mancher im Reden fleissige Mund sieh schliesslich nur mehr zum Gähnen öffnete und der "Verband auch eingezogen ist in den riesenhaften jüdischen Kyffhäuser, in welchen den Vereinsvorständen die Barle durch den Kanzleitisch wachsen, während ihren Schutzbefohlenen die antisemitischen Raben draussen das Brot wegfressen. Der Verband deutscher Juden erntet nämlich, was die Protestrabbiner sowie deren Anhang und Nachahmer gesäet haben. Der 'Verband und alle anderen verwandten unifassenden Organisationen, wie sie auch in Oesterreich selig schlummern, verlangt von den Organisierten Arolksbewusstsein, Nationalstolz, gegenseitige Liebe und Opferfähigkeit für die nationalen Interessen. Natürlich werden in den Verbandsstatuten solche fürchterliche Ausdrücke nicht so ohne weiteres und glatt ausgesprochen, aber das Wesen dieser Forderungen wird in vorsichtig tappenden Umschreibungen einem hohen jüdischen BiIckings- und Finanzadel sowie dem p. t. Publikum denn doch schonend beigebracht. Aber wie soll man denn nationales jüdisches Leben von. den westlichen Juden verlangen, nachdem man sich jahrzehntelang aus Leibeskräften bemüht hat und teilweise noch bemüht, selbst seine Spuren auszumerzen? Gewiss ist auch am Verbandstag das baclensische Konsistorium vertreten, dessen hochweise Regierungssorgen vor zwei Jahren nicht eher gewichen sind, als bis jede nationale Anspielung aus den Gebetbüchern draussen war, gewiss sind die Geldgeber der verschollenen Blätter zur Abwehr des Antisemitismus da, in welch letzteren jede nationale Bestrebung Tintenströme der Entrüstung entspringen Hess. Kun, da es heisst und eingesehen wird, dass die wirkliche Abwehr des Antisemitismus nur durch (nationale in der Klammer) Organisation durchgeführt werden kann, fehlt die nationale Begeisterung, die jetzt die erste Bedingung ist, nachdem sie jahrzehntelang die erste Feindin war. Zweifelsohne: es werden zum Verbandstage sehr würdige Herren aus allen jüdischen Aeintern kommen und geschätzte, allgemein geachtete Grössen werden warmherzige und geistreiche Referate halten. Aber nach dem Alpenglühen wird sehr wahrscheinlich wieder Nebelreissen und graues Wetter kommen, bei dem jeder zu Hause bleibt. Es werden keine leidenschaftlichen, entflammten Wortführer an die Spitze treten, die mit Hingabe und Wucht das blanke Recht der Juden vor den Behörden und der Öffentlichkeit

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